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„Die Kunst ist nicht dafür verantwortlich, eure Welt zu verändern“

Im Kapitalismus gibt es kein glückliches Leben, findet Andreas Spechtl, Sänger von „Ja, Panik“ – und hofft, als Teil einer Gruppe wenigstens ein bisschen weniger unglücklich zu sein

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Ja, Panik

fluter.de: In „Apocalypse or Revolution“, der ersten Single eures neuen Albums, geht es um einen Menschen, der ziemlich unglücklich ist mit sich und der Gesellschaft, in der er lebt. „Wenn du merkst, was du anfasst, es verdoppelt sich im Nichts“, heißt es darin zum Beispiel. Um die Frage des Titels gleich mal aufzugreifen: Was wird denn deiner Meinung nach zuerst kommen, die Apokalypse oder eine Revolution?

Andreas Spechtl: Das weiß ich nicht. Deshalb stellt das Stück ja die Frage. Ich weiß nicht mal, wofür ich votieren würde. Was würde uns in eine befreite Welt führen? Kann es wirklich eine Revolution sein? Oder – und das klingt jetzt sehr dystopisch – ist die einzige Revolution, an der die Menschheit teilhaben wird, ihre eigene Abschaffung? Das Stück steht ein bisschen stellvertretend für die Texte auf der Platte oder überhaupt für das, was wir als „Ja, Panik“ versuchen: einerseits etwas sehr Persönliches zu sagen, über sich selbst zu sprechen und andererseits sich als Individuum in den größeren Zusammenhang der Gesellschaft zu setzen.

Wie meinst du das genau?

Die Strophe von „Apocalypse or Revolution“ ist ganz nah bei einem Menschen, der in einer ausweglosen Lage ist. Man mag es Depression nennen. Ein Mensch, der nicht nach vorne und nicht zurück kann, nicht in den Tag und nicht in die Nacht. Und dann ist da der Refrain, der das Feld viel größer macht und nahelegt: Es gibt kein glückliches Leben im Drama des Kapitalismus. Es geht nicht darum, beim Einzelnen die Lösung zu suchen.

„Das System merkt, was man den Leuten noch alles zumuten kann: Homeoffice, Distance Learning“

Wo zeigen sich denn aus deiner Sicht gerade Probleme des kapitalistischen Systems, in dem wir leben?

All diese Probleme, die bislang immer einzeln aufgeploppt sind, kommen in der Corona-Pandemie gemeinsam hoch. Und es wird klar, dass man nichts davon in der Vereinzelung betrachten kann, man muss sie zusammen sehen. Du kannst den Kapitalismus nicht vom totgesparten Gesundheitssystem trennen, nicht von den Fragen, wer die Care-Arbeit macht. Wie wird überhaupt Reichtum oder Impfstoff in der Welt verteilt? All diese Dinge wurden bisher meistens als singuläre Probleme betrachtet und so angegangen. Aber sie gehören zusammen.

Im vergangenen Frühjahr gab es ein kurzes Zeitfenster, in dem es aus Sicht vieler Menschen möglich schien, dass wir als Gesellschaft anders abbiegen könnten, dass eine andere Welt möglich wäre: Soziale Hilfsprogramme wurden aufgesetzt, der Staat intervenierte, Teile der Industrie standen still, damit die Pandemie eingedämmt werden konnte. Wie hast du diese Zeit wahrgenommen?

Ja, da war dieser Moment der Überrumpelung. Die Wirtschaft, die Politik waren kurz so an ihre Grenzen geführt, dass plötzlich dieser Riss da war in der Welt. Aber dann hat sich das Ganze wahnsinnig schnell angepasst, die Selbstkittung hat wieder funktioniert, und die Öffnung, die für etwas Gutes und Emanzipatives entstanden war, wurde sofort wieder zugemacht. Durch die Corona-Krise werden die ganzen systematischen Probleme noch mal durchexerziert und gestärkt. Weil das System merkt, was noch alles möglich ist, was man den Leuten noch alles zumuten kann: Homeoffice, Distance Learning. Ein Austesten, was die Menschen alles ertragen können, ohne dass die Gesellschaft zerbricht.

 „Wenn du für dich das Beste willst im Leben, dann hast du trotzdem mehr davon, wenn du in einer Gruppe agierst“

Euer neues Album trägt ja den Titel „Die Gruppe“, im dazugehörigen Song wird immer wieder der Satz „Eine Gruppe möcht’ ich sein“ wiederholt. Kann man das als Statement für mehr Solidarität und Zusammenhalt verstehen? 

Es geht darum, dieser Idee etwas entgegenzusetzen, es seien so wahnsinnig egoistische und selbstbezogene Zeiten. Selbst wenn das stimmen sollte: Wenn du dir wirklich selbst der Nächste bist, wenn du für dich das Beste willst im Leben, dann hast du trotzdem mehr davon, wenn du in einer Gruppe agierst. Daran glaube ich einfach. Das ist doch die Idee einer Gruppe: dass dir eine Gemeinschaft von Leuten hilft, in dem zu glänzen, was du besonders gut kannst. Das ist die Form des Zusammenlebens, die mich interessieren würde. 

Nun ist die Corona-Pandemie eine schwierige Zeit, um sich in Gruppen zusammenzufinden. Wie wirkt sich das auf dich als Künstler aus?

Ich war wahnsinnig froh, dass alle Stücke und auch grob die Musik für das Album im letzten Frühjahr schon fertig waren. Wofür die Pandemie nämlich vielleicht ganz kurz gut war: In dieser geschenkten Zeit konnte man Dinge fertigstellen, für die man den Input aus der Vor-Corona-Welt schon bekommen hatte. Den ganzen Input für das Album aus dieser toten Corona-Zeit zu ziehen, das hätte für mich nicht funktioniert.

 

Du hast zu Beginn unseres Gesprächs erklärt, dass es „Ja, Panik“ darum geht, das Persönliche mit dem Gesamtgesellschaftlichen zu verbinden. Liegt in dieser Balance zwischen konkret und vage der Modus, in dem man gute politische Songs schreiben kann, ohne peinlich, angreifbar oder in einem bestimmten historischen Moment gefangen zu sein?

Genau in dieser Zwischenwelt findet für mich Poesie statt. Das ist auch der Moment, in dem die Songs für mich selbst Rätsel sind. Beim Schreiben gibt es zunächst ein relativ abgestecktes Feld für mich, eine Überschrift, ein Thema, eine Lage, ein Gefühl. Gleichzeitig lasse ich dann aber auch etwas zu, was mir selbst fremd oder rätselhaft ist. Innerhalb dieses Rahmens kann ich meinen Gedanken vertrauen.

„Kunst muss nicht in der realen Welt stattfinden, sie hat per se etwas Utopisches“

Und diese Offenheit hilft Menschen mit anderen Erfahrungen und Realitäten dann, an deine Texte anzuknüpfen?

Absolut. Es ist wichtig, sich selber auch immer nur als eine Stimme von vielen zu begreifen. Es ist ein spannendes und schwieriges Spiel, mit offenen Formen umzugehen. Einerseits geht es für mich darum, etwas möglichst Durchlässiges zu schaffen. Gleichzeitig gibt es ganz klar eine politische Abgrenzung zu manchen Seiten hin. Und dafür ist der Autor, die Autorin eines Textes verantwortlich. Ich musste da bei dieser vermaledeiten Scheißaktion #allesdichtmachen [Anm. d. Red.: Eine Videoaktion, mit der einige prominente Filmschaffende die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kritisieren wollten] dran denken. Wenn die Menschen, die da mitgemacht haben, sich rausreden mit so Sätzen wie: „Wir werden vereinnahmt von rechts, was können wir dafür?“, würde ich antworten: Nee, da ist die Künstlerin und der Künstler schon selbst für verantwortlich, dass sich ein Werk gewissen Interpretationen, Meinungen und Haltungen versperrt. Ob das jetzt ein Song, ein Text oder ein Film ist: Man muss es schon so machen, dass die Faschisten damit nichts anfangen können.

Welche politische Rolle sollten Künstler*innen deiner Meinung nach überhaupt spielen?

Man kriegt ja oft die Frage gestellt: „Kann Musik die Welt ändern?“ Nee, die Welt ändern, das können nur Menschen. Kunst muss nicht in der realen Welt stattfinden, sie hat per se etwas Utopisches. In dem Moment, wo man sie macht, erfindet man schon eine andere Welt. Das ist ein großes Privileg. Kunst kann auch eine Art von Geschichtsschreibung sein, was die Sehnsüchte einer Zeit anbelangt. Im Rückblick kannst du Biedermeier nicht trennen von deutscher Romantik, Dada nicht vom Ersten Weltkrieg, die Hippies nicht vom Vietnamkrieg. All das korrespondiert die ganze Zeit miteinander. So würde ich das politische Arbeiten als Künstler sehen: als Beobachter und Aufschreiber der Zeit, der aber gleichzeitig sagt: „Hey Leute, ihr könnt die Verantwortung nicht abstellen. Die Kunst ist nicht dafür verantwortlich, eure Welt zu verändern. Das müsst ihr schon selber machen.“

Das Album „Die Gruppe“ von  „Ja, Panik“ ist am 30. April auf dem Label Bureau B erschienen. 

Titelbild: Max Zerrahn

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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