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„Krass, die sieht aus wie ich und hat eine eigene Show!“

Mit drei Jahren floh Nura Habib Omer mit ihrer Familie nach Deutschland, heute gehört sie zu den bekanntesten Rapperinnen der Szene. Wie hat sie das geschafft?

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Nura Habib Omer

Nura Habib Omer hat in „Weißt du, was ich meine?“ gemeinsam mit dem Journalisten Jan Wehn ihr Leben zu Papier gebracht – mit gerade mal 31 Jahren. Geboren wurde sie 1988 in Kuwait als Tochter zweier Eritreer, die dorthin vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen waren. Als Saddam Hussein 1990 Kuwait überfällt, geht die Flucht weiter nach Deutschland, wo Nura nach mehreren Zwischenstationen schließlich in Wuppertal aufwächst. Im Teenageralter bricht sie mit ihrer Mutter und deren muslimischer Erziehung, haut von zu Hause ab, wohnt zunächst in einem Heim, dann in der ersten eigenen Wohnung. Nach einer depressiven Phase geht es mit 18 Jahren schließlich weiter nach Berlin, wo sie zur Musik findet und kurze Zeit später als eine Hälfte des Rap-Duos SXTN große Erfolge feiert. Nachdem sich SXTN 2019 aufgelöst hat, ist sie nun solo unterwegs. Wir haben mit Nura über das Aufwachsen als Schwarze Frau in Deutschland gesprochen, über die Frage, ob sie sich als Vorbild sieht – und ihren unerwartet gitarrenlastigen Musikgeschmack.

fluter.de: In deinem Buch erfährt man, dass du als Teenager ein großer Nu-Metal-Fan warst und eher wenig Kontakt mit Hip Hop hattest. Deine Mutter wiederum war von Nu Metal wenig begeistert. War das auch ein bisschen die Absicht dabei?

 

Nura Habib Omer: Na ja, also zunächst einmal fand ich die Musik einfach gut. Meine Mutter verbot mir dann aber, sie zu hören. Sie sagte immer, dass sie ihr in den Ohren wehtäte und mir schaden würde. Meine Geschwister haben mehr Hip-Hop und R&B gehört. Das fand sie in Ordnung, weil es softer klang. Dabei war das textlich natürlich viel heftiger, was Themen wie Frauen, Sex, Drogen betrifft. Linkin Park haben ja eigentlich total sensible Texte. Aber meine Mutter konnte eben nicht so gut Englisch, im Gegensatz zu mir. Ich hatte mir die Sprache schon zu Grundschulzeiten einigermaßen selbst beigebracht. Da war ich noch ein richtiges Streberkind.

 

Deine Mutter sagt im Buch, dass du und deine Geschwister euch als Einwanderer in der Schule immer doppelt anstrengen sollt, damit ihr in Deutschland irgendwann als vollwertige Bürger akzeptiert werdet. War das für dich im Nachhinein ein guter Ratschlag?

Das war ein absolut guter Ratschlag.

Hast du nicht auch irgendwann mal gesagt: Warum werde ich mit einem anderen Maß gemessen?

Nein, denn egal, ob man diese Realität nun gut fand oder nicht: Sie hatte an sich ja vollkommen recht damit.

Nura Habib Omer (Foto: privat)

Als sie klein war, sei sie ein „richtiges Streberkind“ gewesen, sagt Nura Habib Omer. Hier feiert sie ihren fünften Geburtstag

(Foto: privat)

Du beschreibst deine Grundschulzeit als sehr idyllisch. Erst auf der Gesamtschule gibt es Probleme – so viele, dass du irgendwann keine Lust mehr hast, überhaupt hinzugehen. Was war passiert?

Ich glaube, der große Unterschied war, dass ich auf der Grundschule noch ein Kind war und auch so wahrgenommen wurde. Auf der Gesamtschule wurde ich plötzlich sexualisiert und objektifiziert als weiblich, als Schwarz. Das war eine sehr kritische Phase, man musste ja gerade selbst mit seinem sich langsam verändernden Körper klarkommen, und dann kamen noch Leute von außen, die einen bewerteten und aburteilten.

In der Beschreibung einzelner Personen bist du sehr konkret im Buch. Einen deiner Brüder nennst du einen „Teufel“, den anderen einen „Trottel“. Sind die glücklich damit?

Bei meinen Brüdern ist natürlich alles, was ich über sie sage, immer mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Wobei mein einer Bruder eben tatsächlich ein Teufel war, der sich permanent mit meiner Mutter angelegt hat. Und mein anderer Bruder ist ja längst kein Trottel mehr, sondern hat beruflich die krasseste Erfolgsgeschichte von uns allen hingelegt: vom Knast zum Hotelfachmann mit Frau und Hund. Das Buch ist aus Interviews entstanden, die Jan Wehn mit mir, meiner Mutter, meinen Brüdern und anderen geführt hat. Insofern durften die eh alle auch ihre Perspektive einbringen.

„Früher dachte ich: Showbiz, das können Schwarze Menschen in Deutschland nicht machen“

Es tauchen im Buch immer wieder einzelne Menschen auf, die deinem Leben entscheidende Impulse gegeben haben: deine Musiklehrerin zum Beispiel oder die Talkshow-Moderatorin Arabella Kiesbauer. Siehst du dich mittlerweile auch selbst als eine solche Figur für andere, die zu dir aufschauen?

Ich hoffe, dass ich das sein kann. Früher dachte ich: Fernsehen, Showbiz, das können Schwarze Menschen in Deutschland nicht machen. Bis ich Arabella Kiesbauer gesehen habe. Da dachte ich dann: Krass, die sieht aus wie ich und hat eine eigene Show! Das könnte ich sein! Solche Identifikationsfiguren sind unglaublich wichtig.

Deine eigene Geschichte liest sich im Buch trotz Schulproblemen, Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde und privaten Schicksalsschlägen wie eine harmonische Erfolgsstory. Jeder Rückschlag scheint dich stärker zu machen. Fielen dir rückblickend wirklich keine Momente ein, bei denen du dachtest: Das war ein Riesenfehler?

Nein, solche Momente gab es tatsächlich nicht. Ich kann echt guten Gewissens sagen, dass wirklich alles, was ich erlebt habe, mir irgendwo weitergeholfen hat.

Was ist mit der Tatsache, dass du schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebst und trotzdem nur eine Niederlassungserlaubnis hast, weil du für den deutschen Pass erst nachweisen musst, dass du acht Jahre hier Steuern gezahlt hast: Inwiefern hilft dir so eine Erfahrung weiter?

 

Natürlich war ich immer sauer, wenn mir Steine in den Weg gelegt wurden. Ich finde schon, dass man das im Buch auch merkt, wenn ich etwa die Abläufe in der Ausländerbehörde beschreibe, diese ewige Bürokratie. Vielleicht bin ich aber einfach nicht so nachtragend wie andere.

SXTN, Nura Habib Omer (Foto: imago images / STAR-MEDIA)

Da war noch Zweisamkeit angesagt: SXTN („Juju“ aka Judith Wessendorf und Nura Habib Omer) während eines Auftrittes

(Foto: imago images / STAR-MEDIA)

Du sprichst in deinem Buch auch über Depressionen: In deiner ersten eigenen Wohnung in Wuppertal liegst du wochenlang bei zugezogenen Vorhängen im Bett. Ein paar Seiten später bist du glücklich in Berlin, machst Musik und stehst kurz vor dem Riesenerfolg mit SXTN. Wie kam es zu diesem Wandel?

Ich glaube, so banal das klingt, dass Berlin da den Unterschied gemacht hat. Ich habe mir hier ein völlig neues Selbstbewusstsein aufbauen können, unter neuen Leuten, die mich erst einmal herzlich aufnahmen und bei denen ich nur über meine Vergangenheit reden musste, wenn ich das wirklich wollte. Das war ein richtiger Neustart, wobei es auch dort natürlich noch depressive Momente gab.

Solo bist du nun sehr politisch unterwegs, setzt dich etwa für Sea Watch oder Black Lives Matter ein. War dieser Aktivismus zu SXTN-Zeiten bei dir früher auch schon da, aber noch nicht so sichtbar?

Privat war das schon immer da. Ich habe lustigerweise gerade erst neulich von Facebook eine Erinnerung bekommen, so einen Archiv-Post von 2013, wo ich zu einer Gegendemo zu einem Nazi-Aufmarsch in Kreuzberg aufgerufen habe. Mittlerweile habe ich natürlich eine viel größere Reichweite. Und dadurch, dass ich nun solo unterwegs bin, kann ich auch ganz frei für mich sprechen und muss mich bei politischen Botschaften nicht mit anderen koordinieren.

In einer Szene des Buches kommt deine gläubige Mutter mit dir zu einer queer-feministischen Party nach Berlin – und findet diese Welt total faszinierend. Du beschreibst, wie du in dem Moment merkst, dass ihr euch und euren Lebensstil nach Jahren der Auseinandersetzungen endlich respektiert. Ist das wirklich ein Prozess, der nun abgeschlossen ist?

Nein, der Prozess dauert natürlich weiter an. Meine Mutter versteht oder mag noch längst nicht alles, was ich so tue oder sage. Aber mittlerweile haben wir eine Art der Kommunikation gefunden, bei der ich ihr Dinge, die sie nicht versteht oder ablehnt, erklären kann. Das ist das Entscheidende.

„Weißt du, was ich meine?“ (208 Seiten, 15,99 Euro) ist im Ullstein-Verlag erschienen.

Titelbild: Nura Habib Omer mit knapp einem Jahr und heute. Fotos: privat / Johanna Ghebray

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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