Thema – Musik

ABO
Mediathek

Was reimt sich auf Dorf?

Hip Hop ist in New York geboren, heute aber auch im Hinterland zuhause. Was man von deutschem Provinzrap lernen kann

  • 5 Min.
Foto:  Daniel Biskup/laif

Pimf „Weiß auf schwarz“

Hofgeismar, die Dornröschenstadt am Reinhardswald. Oder aber auch der „Golden State mit zwei Kneipen und ‘nem Supermarkt“. Wie auch immer man die hessische Kleinstadt bezeichnen möchte, wenn ihr einer die Treue hält, dann Pimf. Und das obwohl er dort auf festgefahrene Strukturen und rechte Standpunkte trifft: „Jede Diskussion mit Textzeilen belegt, aber trotzdem wird sich Frei.Wild auf die Heckscheibe geklebt.“ In Hofgeismar läuft nicht sonderlich viel, außer sämtliche Hits von David Guetta. „Ich könnte kotzen, wenn ich 90 Prozent der Menschen hier sehe, doch fühl' mich übertrieben wohl dank der restlichen zehn“. Pimf macht klar, dass eine Aufteilung der Gesellschaft in vermeintlich homogene Kollektive – wies es zuletzt der englische Publizist David Goodhart mit den Gruppenidentitäten der Somewheres und Anywheres versucht hat – mitunter schwierig ist. Während die „Somewheres“ zum Beispiel auszeichne, dass sie an einem Ort geblieben und mit diesem verbunden sind, seien die „Anywheres“ eigentlich immer bereit zum Sprung, um von einer „global city“ in die nächste zu wechseln. Die Spaltung zwischen beiden Gruppen wurde als Ursache für die Zunahme des Rechtspopulismus diskutiert. Pimf ist aber beides: Die Welt hat er gesehen, die Kleinstadt bleibt sein Zuhause.

Casper „Die letzte Gang der Stadt“

„Ein richtig zufriedenes Land kann man nur mit einer zufriedenen Provinz haben“ hat Casper mal in einem Interview gesagt. In seinen Texten spielt das Hinterland immer wieder eine Rolle – ob es nun gleich ein ganzes Album mit dem gleichnamigen Titel ist oder zusammen mit Marteria eine Reise durch seine ostwestfälische Heimat. Alle, die schon mal auf einem Schützenfest waren, eine urdeutsche Provinzerfahrung, werden sich sofort daran erinnern, wenn sie „Die letzte Gang der Stadt“ hören. Daran, dass es etwas Peinliches hatte, zu der Dorfband abzugehen und sich trotzdem dabei irgendwie geil zu fühlen. Weil es eben nirgendwo so schön einfach ist wie auf dem Dorf, Teil des Ganzen und gleichzeitig doch dagegen zu sein. 

grim104 „Crystal Meth in Brandenburg“

Manche Lieder sind auch Filme. Bei „Crystal Meth in Brandenburg“ schießen einem sofort Bilder verödeter Landschaften, dunkler Wälder und deprimierender Menschen vor versifften Gardinen in den Kopf. „Sie sitzen und warten. Und auf was? Dass der Nettomarkt endlich wieder aufmacht, in der Kneipe jemand auflacht? Dass Geld da ist zum Bausparen? Das kannst Du aber sehr schnell vergessen.“ Klingt hart, ist es auch. Vor allem, weil es in manchen Regionen Deutschlands der Realität ziemlich nahekommt, was grim104 da rappt. Als die brandenburgische CDU 2017 dazu aufrief, Funklöcher zu melden, gingen innerhalb eines Jahres 23.237 Meldungen ein. Auch bei den diesjährigen Landtagswahlen in Brandenburg gaben die meisten Wähler*innen an, dass sie vor allem im Bereich Infrastruktur dringenden Handlungsbedarf sehen würden. Wenn die vernachlässigt wird, ist es kein Wunder, wenn sich auch die Menschen abgehängt fühlen. Um das zu verstehen, muss man nicht immer eine soziologische Studie lesen, hinhören reicht manchmal auch.

Shindy „Bietigheim Sunshine“

Manchmal ist das Gras in der Provinz grüner. In „Bietigheim Hills“ etwa, wie Shindy seine schwäbische Heimat besingt. Und der auch Rin und Bausa die Treue halten. Shindys Bling Bling beginnt jedenfalls erst in Bietigheim-Bissingen so richtig zu glitzern: „Deinen krassen Porsche sehe ich alle zwei Minuten hier“. Wenn er seinen „koksweißen S-Coupé in der zweiten Reihe vor der Kreissparkasse“ parkt, ist das mehr als nur stumpfes Aneinanderdroppen irgendwelcher Edelmarken. Es ist auch Realität, jedenfalls ein bisschen: Die Stadt zählt zu den reichsten Gemeinden Deutschlands, im März lag die Arbeitslosenquote bei 2,4 Prozent, Porsche und der Hemdenproduzent Olymp haben unter anderem ihren Hauptsitz dort. Eine Kleinstadt also, die alles andere als abgehängt ist – wirtschaftlich wie musikalisch. 

Dendemann „Wo ich wech bin“

Was als „Eins Zwo“ zusammen mit DJ Rabauke begann, setzt Dendemann auch als Solokünstler mit absoluter Leichtigkeit fort: unfassbar originell und witzig über das Leben in all seinen Alltäglichkeiten zu rappen. Auch über das Aufwachsen. Mit nur wenigen Worten und frei von irgendwelchen Wertungen schafft Dendemann es in „Wo ich wech bin“ nicht nur generell zu beschreiben, was uns alle als Jugendliche so umgetrieben hat beziehungsweise treibt, sondern ganz nebenbei auch noch die Besonderheiten des Großwerdens auf dem Dorf zu verhandeln. Kleine Kostprobe gefällig? „Idyllabfuhr wo bleibst du nur?/ 1:0 für die Vereinskultur/ Die reinste Ruhe, Borderline und radikal/ So wie Sportverein und Abiball/ Dis is' wo ich wech bin, hör mal merkst du was?/ Meine Skyline reicht vom Bordstein bis zum Kerzenwachs“. Rap mit Land-Dialekt. Auch mal was Neues.  

Juse Ju „Kirchheim Horizont“

Dass in der Realität doch immer alles komplizierter ist und nicht einfach schwarz-weiß, auf der einen Seite die geile Großstadt und auf der anderen die langweilige Provinz, beweist Juse Ju mit „Kirchheim Horizont“. Und er muss es wissen: Geboren im kleinen Städtchen Kirchheim, folgten Jahre in Japan, El Paso, München, Berlin und zwischendurch eben immer mal wieder Kirchheim. In seinem Track macht er deutlich, wie absurd und lächerlich teilweise die Klischees über die Provinz sind („Jap, wir haben Internet hier, heißt, wir sind informiert“) und benennt gleichzeitig doch das Typische, wie Lebenswege hin zum Eigenheim, unterstützt von Papa, dem alten „Sparkassendude“ und seinen Beziehungen. Und während es an der einen Stelle heißt „Ich komme wohl nicht wieder“, heißt es an anderer „Ich will zurück nach Hause.“ Wie gesagt: Es ist kompliziert. 

Titelbild: Daniel Biskup/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

0 Kommentare
Meine Meinung dazu...
Die Angabe eines Namens ist freiwillig. Ich willige mit "Speichern" ein, dass die bpb den ggf. angegebenen Namen zum Zweck der Prüfung und Veröffentlichung meines Kommentars verarbeitet. Sie können diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Ausführliche Informationen zu Datenschutz und Betroffenenrechten finden Sie hier: Datenschutzerklärung