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Warst du bei der Stasi, Papa?

Mit „Nachwendekinder“ schafft Johannes Nichelmann ein Generationenporträt all jener, die von der DDR nichts mitbekommen haben, aber deren langen Schatten spüren

  • 2 Min.
Foto: Thomas Hoepker / Magnum Photos / Agentur Focus

Maximilian hat sich einen gebrauchten Trabant gekauft und fährt damit stolz über die Grenze zwischen Ost- und Westberlin, auch wenn’s im Inneren des Autos nach Abgasen stinkt. Er würde gerne, sagt er, mal einen Tag in der DDR leben, um zu erfahren, wie sie aussah, schmeckte, roch. Melanie spricht bayrisch, obwohl sie in Brandenburg geboren wurde. Ihre Wurzeln interessieren sie nicht, sie hat sich in Bayern angepasst, identifiziert sich nicht als Ostdeutsche. Lukas schon. Doch im Gespräch mit seinem Vater findet er heraus, dass der in der DDR zwar ein Punk, aber auch ein Spitzel für das „Kommissariat 1“ der Kriminalpolizei war. Er spionierte die Ostberliner Schwulenszene aus.

Alle drei sind Protagonist*innen im Buch „Nachwendekinder“ des Journalisten Johannes Nichelmann. Nachwendekinder, so definiert es Nichelmann, sind all jene, die zwischen 1985 und 1992 in Ostdeutschland geboren wurden, die die DDR nicht richtig miterlebt haben, aber von ihr geprägt wurden. Nichelmann, Jahrgang 1989, ist selbst so ein Nachwendekind und fragt sich, was seine Geburt in den Systemwandel hinein mit ihm gemacht hat. Vor allem fragt er sich, warum seine Eltern mit ihm nie richtig über ihre DDR-Vergangenheit gesprochen haben. Wollen sie etwas verbergen?

Ostdeutsche Identitäten im Plural

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Nachwendekinder

Johannes Nichelmann: Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen. Ullstein, 272 Seiten, 20 Euro

Nichelmann erzählt flüssig, feinfühlig. Sein Buch hat drei Ebenen, die er immer wieder zusammenfließen lässt. Den Rahmen bietet Nichelmanns eigene Jugend, sein Aufwachsen in Ostberlin, seine Teenagerjahre in Bayern, seine heutige Reflexion über diese Zeit – seine eigenen Beobachtungen. Er reist in sein altes bayerisches Heimatdorf, in dem er sich nie wohlgefühlt hat, aber irgendwann begann, sich als Ostdeutscher zu identifizieren, weil er von den anderen Kindern als solcher abgestempelt wurde. Er besucht ein DDR-Museum, in dem es außer Ostalgie nichts zu sehen gibt. Er trifft sich mit seinen Eltern, um endlich über die Vergangenheit zu sprechen. Und er beantragt Einsicht in die Stasi-Akten seines Großvaters, um mehr über ihn herauszufinden.

In seine eigene Geschichte eingebettet sind Gespräche mit Nachwendekindern wie Maximilian, Melanie und Lukas, die alle unterschiedlich mit ihrem Bezug zur DDR umgehen. Sie eint, dass sie Fragen haben. Nichelmann schafft es schließlich, einige von ihnen mit Familienmitgliedern zusammenzuführen und zum längst fälligen Gespräch über die Vergangenheit zu bewegen. Die Gespräche offenbaren eine Verletzlichkeit der Elterngeneration, einen verdrängten Schmerz und Scham wegen des Verlustes des alten Heimatlandes. Um die persönlichen Ebenen sind Stimmen von Expert*innen gebettet, die Nichelmanns Erkenntnisse einzuordnen versuchen.

Der Perspektivwechsel funktioniert. Er sorgt dafür, dass man zwischendurch viel über die DDR lernt. Was bedeutet VEB, LPG, K1, Treuhand? All das wird kurz umrissen. Doch eigentlich geht es darum, Nachwendekinder, Ostdeutsche zu Wort kommen zu lassen. Nichelmann referiert nicht über „den Osten“, sondern er spricht mit ihm, und er stellt sich selbst Fragen. Nichelmann differenziert die Figur „des Ostdeutschen“ aus, der von Reporter*innen zu Landtagswahlen und nach rechten Ausschreitungen gesucht wird. Er erklärt, warum ostdeutsche Identitäten im Plural stehen. Und wie wichtig es ist, darüber zu reden.

Titelbild: Thomas Hoepker / Magnum Photos / Agentur Focus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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