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Auch Blumen sind politisch

Vier Frauen, vier Epochen, vier Befreiungen: Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum” hat unseren Autoren beeindruckt – und für ihn das Zeug, eine große aktuelle Literaturdebatte zu beenden

  • 4 Min.
Sharon Dodua Otoo

„Verehrtes Publikum: Dürfen Schwarze Blumen malen?“, fragt die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo am Ende ihrer Klagenfurter Rede im Juni 2020 und gibt die Antwort gleich selbst: „Ja. Je mehr, desto besser.“

Otoo eröffnete mit ihrem Text den Ingeborg-Bachmann-Preis, einen der wichtigsten Literaturwettbewerbe im deutschsprachigen Raum, den sie 2016 selbst gewonnen hatte. In Otoos Rede ging es um diskriminierungsfreie Sprache, die Frage nach einer politischen Positionierung in der Literatur und um das Wort Schwarz (großgeschrieben) als empowernde Selbstzuschreibung. Mit dieser Rede sind wir in gewisser Weise direkt bei den Kernthemen von Otoos Debütroman „Adas Raum“, einer düsteren, aber immer unterhaltsamen Reise von vier Frauenfiguren über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Und wir sind im Innern einer aktuellen Debatte des deutschsprachigen Literaturbetriebs.

„Postmigrantische“ Autor*innen werden gern und ständig auf ihre Herkunft reduziert

Die Debatte dreht sich um die Frage: Wer erzählt was aus welcher Perspektive, und wie wird der Text rezipiert? Momentan kursiert der Begriff postmigrantisch, wenn über Literatur von Autor*innen gesprochen wird, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben und deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben. Zu Otoo passt postmigrantisch streng genommen nicht: Sie ist eine Migrantin der ersten Generation, 2006 zog sie mit Mitte dreißig von London nach Berlin. Trotzdem wird sie häufig unter dem Begriff subsumiert oder automatisch mit postmigrantischen Autor*innen verglichen, was allein schon zeigt, wie brüchig der Begriff ist – und wie nötig die Diskussion darüber.

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Adas Raum Buch

„Adas Raum“ (320 Seiten, 22 Euro) von Sharon Dodua Otoo ist im S. Fischer Verlag erschienen

Bücher von Fatma Aydemir, Cemile Sahin oder Hengameh Yaghoobifarah wurden in den vergangenen Jahren in großen Verlagen veröffentlicht und viel diskutiert. In den Texten sprechen nicht, wie im klassischen westlichen Kanon üblich, vorwiegend weiße Männer zum*r Leser*in, sondern unter anderem muslimische oder Schwarze Frauen. Dass postmigrantische Autor*innen und Erzählperspektiven mehr Raum bekommen, ist gut. Aber es gibt ein Problem: Texte werden häufig nach den Biografien der Autor*innen durchforstet, die Familiengeschichte wird untrennbar mit der Literatur verknüpft, und Autor*innen werden zu einer Gruppe zusammengefasst, ihnen wird die Individualität geraubt. Und es gibt eine Erwartungshaltung an die Texte und deren politischen Gehalt, der wiederum mit der Biografie verknüpft wird. Über Stil wird seltener gesprochen als über den Inhalt der Texte. „Ich möchte auch nicht, dass mein Kurdischsein als Katalysator für meine Kunst gelesen wird“, sagte etwa Cemile Sahin vor kurzem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Ich bin doch nicht Künstlerin, weil ich Kurdin bin. Und ich bin auch nicht Kurdin, weil ich Künstlerin bin.“ Der Grund: In Rezensionen und Interviews zu ihren letzten beiden Romanen ging es ständig um die Herkunft der Autorin.

Die Frage ist nun: Wie lässt sich die mit bestimmten Etiketten einhergehende Rezeption umgehen, und was hat das mit Blumen zu tun? Otoo schreibt in ihrer Rede über Stil, Perspektiven und Politik. Auch Schwarze Autor*innen sollten, so Otoo, über Blumen schreiben können und gleichzeitig, aber nicht nur, über die politischen Themen, die vermeintlich von ihnen erwartet werden. Auch ihre Texte müssten als Fiktion, als Literatur gelesen werden. Erzähler*innen in Texten seien zu trennen von den Autor*innen.

„Adas Raum“ ist die praktische Umsetzung von Otoos theoretischen Gedanken. Es ist die Geschichte von vier Frauen mit dem Namen Ada, von Zeitschleifen und von einem übernatürlichen Wesen, das die Einzelgeschichten zusammenhält und das Ada mal in Gestalt eines Besens, mal in Gestalt eines Reisepasses beobachtet.

Ada lebt 1459 in Totophe, Ghana, 1848 als Mathematikerin im Londoner Stadtteil Stratford-le-Bow, 1945 in Kohnstein bei Nordhausen als Zwangsprostituierte in einem Konzentrationslager, 2019 als schwangere, gerade aus Ghana nach Berlin eingewanderte Frau. Alle Protagonistinnen sind mit den Problemen ihrer Zeit konfrontiert, mal mit Rassismus, immer mit einem patriarchalen System, doch sie geben nicht auf, sondern begehren auf. 

Vier Adas, die mit den Umständen ihrer Zeit zu kämpfen haben

Oft tun sie das subtil: „Seine Gewissheit, dass er mir irgendetwas Gescheites zum Thema Wahrscheinlichkeitsrechnung sagen konnte, war denkbar lächerlich“, denkt Ada zum Beispiel über ihren Geliebten im Jahr 1848 selbstsicher, ohne es sich anmerken zu lassen. Dem*r Leser*in ist klar, wer hier intellektuell überlegen ist, dem Geliebten nicht. Diese Selbstgewissheit der Adas zieht sich durch das Buch.

Otoo schafft mit den einzelnen Erzählsträngen eine neue Perspektive auf Geschichte aus den Augen von Schwarzen Frauen und rückt sie und ihre gegenseitige Unterstützung in den Fokus. Ada knickt nie ein und hat an ihrer Seite immer eine oder mehrere Frauen, die sich mit ihr solidarisieren. 

Die große Stärke des Buchs ist, dass Otoo es schafft, sich sprachlich den jeweiligen Jahrhunderten anzunähern, in denen die Erzählstränge spielen. Sie springt in einem unheimlichen Tempo zwischen den Jahrhunderten und Realitäten hin und her, ohne dass der Roman an Eindringlichkeit verliert. 

Adas Raum ist ein komplizierter, aber zugänglich erzählter emanzipatorischer Roman. Ein Roman, der für sich steht und unter keinem Sammelbegriff abgeheftet werden muss. Auch über Blumen wird an einer Stelle geschrieben. Aus der Hand eines Freiers in Nordhausen fällt vor Ada, der Prostituierten, eine Blume zu Boden. Der Freier monologisiert, ist hilflos, Ada nicht. Sie ist Herrin der Lage.

Titelbild: Gene Glover / Zeit Literatur

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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