Rein äußerlich war es fast ein typischer Bürojob. Brandon Bryants Arbeitstage unterschieden sich nicht so sehr von anderen, ganz normalen Arbeitnehmern. Er fuhr morgens mit seinem Wagen zu einem Gebäudekomplex, der etwa 20 Minuten von Las Vegas entfernt mitten in der Wüste liegt. In einem abgedunkelten, klimatisierten Raum saß er dann auf einem Drehstuhl und überwachte die vielen Bildschirme vor ihm.

Über wie viele Drohnen die US-Armee verfügt, ist nicht bekannt. Nur, dass es Tausende sind – und sie die Zukunft des Krieges sein werden.

Auf der Nellis Air Force Base in Nevada arbeitete Bryant als Sensor Operator einer MQ-1B-„Predator“-Drohne. Zu seinen Aufgaben als Copilot und Bildanalyst gehörte es, den Laser auf das Ziel zu richten, damit die Hellfire-Rakete, mit der die Kampfdrohne bestückt ist, ihr Ziel findet. Neben ihm sitzt ein Pilot, er manövriert mit einem Steuerknüppel die Drohne, die irgendwo am anderen Ende der Welt in etwa 4.000 Meter Höhe kreist. Über die Berge, Täler und Dörfer Afghanistans vielleicht, über dem Irak oder Wasiristan, einer Bergregion im Nordwesten Pakistans, in der in der Vergangenheit immer wieder Al-Qaida-Kämpfer Unterschlupf fanden. Oder über dem Jemen, Somalia oder Libyen.

Die Menschen dort sehen die Drohnen nicht. Sie hören sie auch nicht. Gibt der Hauptmann im Büro in Nevada den Schießbefehl, ertönt ein kurzes Wummern, wie Überlebende solcher Angriffe berichten. Dann folgt die Detonation.

Seit 2012 bildet das amerikanische Militär mehr Drohnenoperatoren aus als Kampfflugzeugpiloten.

Sechs Jahre machte Bryant seinen Job. Heute leidet er an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Vieles, was man heute über den weitgehend im Geheimen stattfindenden US-Drohnenkrieg weiß, stammt von dem Whistleblower. Über wie viele Drohnen die US-Armee verfügt, ist nicht bekannt. Nur, dass es Tausende sind – und sie die Zukunft des Krieges sein werden.

Seit 2012 bildet das amerikanische Militär mehr Drohnenoperatoren aus als Kampfflugzeugpiloten. Während die Militärausgaben sinken und die Truppe verkleinert wird, steigt das Budget für die unbemannten und bewaffneten Luftfahrzeuge. Die ferngesteuerten Flugobjekte, die mit Waffensystemen und Kameras ausgerüstet sind, gelten als eine der entscheidenden Waffe im „War on Terror“, den die USA seit anderthalb Jahrzehnten führt. Der gesamte Datenverkehr, der dazu nötig ist, läuft über die US-Militärbasis in Ramstein in Rheinland-Pfalz.

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Drohnenluftaufnahme  (Foto: The Washington Post / Kontributor)
Wie sieht eine Drohne die Welt? Vor sechs Jahren zum Beispiel so! Diese Luftaufnahme zeigt ein Gebäude irgendwo in Wasiristan, einer umkämpften Bergregion Pakistans. Die GEO-Daten wurden von der Washington Post entfernt. Wo genau sich das Gebäude befindet, ob es heute noch steht und ob die sieben darin markierten Personen noch leben, wissen wir nicht (Foto: The Washington Post / Kontributor)

Es gibt viele Arten von Drohnen. Die unbemannten Fluggeräte sind eine Erfindung, die unseren Alltag in Zukunft prägen wird. Bald könnten sie Pakete bringen, Organspenden transportieren, öffentliche Plätze und Grenzen überwachen. Schon jetzt helfen sie Bauern bei der Arbeit und verändern die Ästhetik des Films. Wie so oft, wenn neue Techniken in den Alltag finden, gehen militärische Nutzungen voraus. Im Grunde beginnt die Geschichte der Drohnen schon 1849. Die österreichischen Brüder Uchatius setzten im Kampf gegen das abtrünnige Venedig unbemannte Ballons mit 15 Kilo schweren Sprengladungen ein, die mit einer langsam brennenden Zündschnur quasi einen Zeitzünder hatten. Die Detonation verursachte zwar nicht viel Schaden, löste aber einen gehörigen Schrecken aus.

Bislang haben sieben Staaten bewaffnete Drohnen eingesetzt

Das große Problem mit den unbemannten Ballons: Sie ließen sich nicht steuern – manche, die die Gebrüder Uchatius in die Luft schickten, blies der Wind hinter die eigenen Reihen. Das Problem löste erst eine Erfindung von Nikola Tesla: die Funkfernsteuerung. Auf der Weltausstellung 1898 in New York präsentierte er ein Modellschiff, das sich über Radiowellen steuern lies. Tesla sah darin großes militärisches Potenzial: Es hätte nicht nur eine zuverlässige Zerstörungskraft, sondern sei auch ein Mittel der Friedenssicherung. Bis Drohnen entscheidend in den Krieg eingriffen, dauerte es noch recht lange. Nicht nur ihre Steuerbarkeit musste funktionieren, sie brauchten auch Augen – in Form von leistungsstarken Kameras.

Das große Problem mit den unbemannten Ballons: Sie ließen sich nicht steuern – manche, die die Gebrüder Uchatius in die Luft schickten, blies der Wind hinter die eigenen Reihen.

Während des Vietnamkriegs in den 1960er- und 1970er-Jahren setzte das US-Militär Drohnen zur Aufklärung ein. Mit ihnen konnte man die Stellungen des Feindes ausmachen. Erst seit 2001 und dem Anschlag der Al-Qaida auf das World Trade Center wurden Drohnen auch systematisch zum Töten, als Scharfschützen vom Himmel eingesetzt. Zwischen 2001 und 2013 sollen mindestens 1.670 Drohnenangriffe allein in Afghanistan geflogen worden sein. Bislang haben sieben Staaten bewaffnete Drohnen eingesetzt. Neben den USA noch etwa Großbritannien und Israel. Von Israel least die Bundeswehr Drohnen des Typs Heron, die allerdings bislang nur zu Aufklärungszwecken verwendet werden. Die Anschaffung von bewaffneten Systemen ist in der Diskussion.

 

Drohnen gelten als perfektes Kriegsgerät. Sie sind nicht nur so gut wie unsichtbar und für den Gegner unerreichbar, der Angreifer kann auch nicht verletzt geschweige denn getötet werden. Vergleichsweise billig sind sie obendrein. Jedenfalls verglichen mit Kampfjets oder Hubschraubern.

Drohnen gelten als perfektes Kriegsgerät

Auch deshalb sind sie bei Menschenrechtsorganisationen so umstritten. Der amerikanische Moralphilosoph Michael Walzer befürchtet, dass sie die Hemmschwelle zum Abschuss der Raketen heruntersetzen könnten. Durch die Entgrenzung von Kampf und Kämpfer sei es schlicht zu einfach und risikolos geworden zu töten. Auch die Auswahl der Piloten ist problematisch. Die CIA, die viele der gezielten Tötungen leitet, sucht nach Talenten in der Videospiel-Szene, wie es in dem 2014 erschienenen Dokumentarfilm „Drohne“ zu sehen ist.

Ein weiteres Problem: Trotz all der Daten, die die Drohnen liefern, sind sie unzuverlässig. Da im völkerrechtlich umstrittenen Drohnenkrieg nicht die Streitkräfte von Staaten gegeneinander kämpfen, sondern die USA gegen Terrorgruppen, sind die Gegner meist nicht leicht zu erkennen. Oft werden sie durch die Sim-Karte im Handy identifiziert, manchmal auch über ihr Aussehen und Verhalten. Das etwa wurde Daraz Khan zum Verhängnis. Der Afghane war mit 1,80 Meter größer als die meisten seiner Landsleute, aber trotzdem einen Kopf kleiner als Osama bin Laden, für den ihn die C.I.A. hielt und ihn auf Grundlage der Videobilder zum Abschuss freigab. Zwei Männer hätten ihn mit einer gewissen Ehrerbietung behandelt, sagte das Pentagon. Belege, dass es sich um bewaffnete Kämpfer handelte, gab es keine.

Die CIA, die viele der gezielten Tötungen leitet, sucht nach Talenten in der Videospiel-Szene.

Wie viele Menschen durch Drohnenangriffe gestorben sind, ist umstritten. Ebenso unklar ist, wie viele unschuldige Zivilisten dabei starben. Am 1. Juli 2016 räumte die US-Regierung erstmals ein, dass seit 2009 bei den rund 500 Angriffen von Drohnen in Libyen, Pakistan, Somalia und im Jemen bis zu 116 Zivilisten getötet wurden. Hinzukommt, dass zwischen Kämpfern und Zivilisten selbst nur schwer zu unterscheiden ist. Laut der Menschenrechtsorganisation Reprieve kommen auf jeden Terrorverdächtigen, der durch eine Drohne exekutiert wird, 28 getötete Zivilisten.

 

Wie viele Tote es in Afghanistan, Syrien oder dem Irak waren, sagte die US-Regierung nicht. Ebenso wenig, wie viele Menschen in den Jahren zuvor starben. Auch gibt es höher angesetzte Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen.

Immerhin seien es viel weniger als in einem konventionellen Krieg, betonte Präsident Obama, in dessen Regierungszeit die Einsätze stark ausgeweitet wurden, bei einem Vortrag an der Universität Chicago. Brandon Bryant hat er damit nicht überzeugt. „The US-Government is full of shit“ twitterte der ehemalige Drohnen-Lenker, als die Zahlen im Juli veröffentlicht wurden.

Wie es weitergehen kann? Autonome Drohnen, die sich selbst per Algorithmus steuern und in Schwärmen angreifen. An dieser Technologie experimentiert das US-Militär schon seit ein paar Jahren. Das moralische Dilemma, das dieses mit künstlicher Intelligenz operierende Kriegsgerät stellt, wird dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil.

Titelbild: Ethan Miller/Staff