fluter.de: Die meisten Menschen sind froh, wenn ihr Müll in der Tonne landet und sie ihn nicht mehr sehen und riechen müssen. Warum ist das bei Ihnen anders?

Joachim Hainzl: Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und auf unserem Grundstück hat sich die Mülldeponie der Gemeinde befunden. Meine Schwester und ich haben dort immer wieder nach Brauchbarem und Verwertbarem gesucht, das wir dann mitgenommen und als Spielzeug verwendet haben. Während meines Studiums habe ich dann begonnen, in Altpapiercontainern zu suchen, und mir dabei eine Sammlung von mehreren tausend Büchern und Zeitschriften zugelegt. Unter anderem habe ich so eine Erstausgabe von Klopstock aus dem Jahr 1764 gefunden. Für mich sind Plätze, die mit Müll zu tun haben, Orte voller Schätze.

 

Müll ist für Sie aber mehr als nur ein Hobby.

Schon in meiner Diplomarbeit ging es darum, den Begriff „Abfall“ zu hinterfragen: Eigentlich gibt es nämlich gar keinen Abfall. Das ist so wie mit dem Begriff „Ausländer“: Damit wird nur das Verhältnis einer Person zu dem Ort beschrieben, an dem sie sich gerade aufhält. 

7_days_of_garbage.jpg

EIne Frau liegt im Müll (Foto: Gregg Segal)
Das bisschen Müll läppert sich: Der US-amerikanische Fotograf Gregg Segal bat Freunde, Familie und Nachbarn, eine Woche lang ihre eigenen Abfälle zu sammeln – und sich anschließend in die daraus entstandenen Müllhalden zu legen (Foto: Gregg Segal)

Ist das nicht ein etwas geschmackloser Vergleich?

Es geht nur darum: In beiden Fällen handelt es sich nicht um die Bezeichnung einer Eigenschaft, die jemandem oder einer Sache anhaftet, sondern um eine Beziehung zu einem Kontext. Abfall ist eine Materie, die aufgrund des Ortes, an dem sie sich gerade befindet, von den meisten als unnütz und unbrauchbar definiert wird. Ich habe mir auch angesehen, wie dieser Abfalldiskurs in Bezug auf gesellschaftliche Randgruppen funktioniert: Psychiatrien, Schlachthöfe, Gefängnisse – der „soziale Abfall“, wie manchmal sogar gesagt wurde, ist genauso wie der materielle in vielen Städten an die Ränder verfrachtet worden. Irgendwann hat sich das geändert: Durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu großen Reformen im Strafrecht, weil gesagt wurde, dass man die Leute nicht mehr einsperren darf, um keine Arbeitskräfte zu vergeuden. Heute wiederum dürfen wir wieder Müll produzieren, weil Konzerne mit dessen Verarbeitung so viel verdienen, dass fast niemand mehr von Abfallvermeidung spricht. Müll wurde zum Wertstoff. Es ist sehr interessant in diesem Zusammenhang zu sehen, dass sich vieles in unserer Gesellschaft um Nutzbarkeit und Nützlichkeit dreht.

 

Als Garbologe oder Müllforscher beschäftigen Sie sich auch damit, was der Müll über jene aussagt, die ihn produzieren.

Ein amerikanischer Professor (Archäologe William Rathje von der University of Arizona, Anm. der Redaktion) hat bereits in den 1970er-Jahren Siedlungsmüll untersucht und im Laufe seines Garbage-Projekts erkannt, dass die Untersuchung einer Mülldeponie mehr über das Konsumverhalten einer Gesellschaft aussagt als viele andere Methoden. Während etwa KonsumentInnenbefragungen und Verkaufszahlen aus dem Lebensmittelhandel suggerieren, dass viel Obst und Gemüse gegessen wird, kommt man zu einem anderen Ergebnis, wenn man den Müll untersucht und erkennt, dass der Anteil an organischem Abfall viel höher ist, als er sein sollte. Das Obst wird also viel gekauft, gegessen wird es aber offensichtlich oft nicht. Ein simples Beispiel, das zeigt, dass man aus dem Müll sehr viel über soziale Strukturen und das Verhalten der Menschen herauslesen kann. Für mich war das ein Heureka-Erlebnis.

gregg_segal.jpg

Zwei Jungs baden in Müll (Foto: Gregg Segal)
Die entstandene Fotoserie „7 Days of Garbage“ soll auf das Müllproblem der USA aufmerksam machen – das Segals Meinung nach viel zu oft ignoriert wird (Foto: Gregg Segal)

gregg_segal.jpg

Drei Mädchen baden in Müll (Foto: Gregg Segal)
Viel von dem, was als „recycelbar“ gekennzeichnet sei, werde gar nicht wiederverwertet, kritisiert Segal das Recyclingsystem der USA. Doch auch die Bevölkerung habe Dreck am Stecken: Ihre Bereitschaft, Müll zu reduzieren, halte sich in Grenzen (Foto: Gregg Segal)

Wie gehen Sie als Garbologe vor? 

Ich durchsuche etwa regelmäßig Mülleimer an den immer gleichen öffentlichen Plätzen. Anhand des Abfalls erkenne ich, was Tablettenabhängige konsumieren, und ich weiß, dass jene, die sich mit Supermarktbier betrinken, dazu gerne Sternanis-Schnaps dazu mixen. Dank meiner Besuche an Autobahnraststätten weiß ich auch einiges über das Konsumverhalten von Fernfahrern: Es wird ungesund gegessen, gar nicht so wenig Alkohol getrunken, und Pornozeitschriften werden immer öfter durch DVDs ersetzt. Außerdem werden PET-Flaschen häufig für das Urinieren während der Fahrt benutzt. 

„Unser Müll ist eine unglaublich große Datenmenge von hoher Qualität, die aber oft ungenutzt bleibt“

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, und wie kann man darauf konkret reagieren? 

Müll lügt nicht, während befragte Personen Wahrheiten, die ihnen unangenehm sind, häufig nicht gerne preisgeben. Das heißt, unser Müll ist eine unglaublich große Datenmenge von hoher Qualität, die aber oft ungenutzt bleibt. Die Politik könnte etwa bei einer großflächigen Untersuchung des Mülls zuverlässigere Zahlen über das Konsumverhalten der Menschen bekommen und darauf zum Beispiel mit einer Gesundheitskampagne reagieren. Oder auch mit einem Gesundheitsförderprogramm für Fernfahrer. Neben dem Müll, der auf eine ungesunde Ernährung schließen lässt, zeugt die Tatsache, dass häufig nicht angehalten wird, um auf die Toilette zu gehen, von einer sehr stressigen Arbeitssituation der Fahrer. Hier sagt der Müll also auch sehr viel über die Lebenssituation eines bestimmten sozialen Milieus aus, das vielleicht sogar von ArbeitgeberInnen unter Druck gesetzt wird, um solche unangenehmen Wahrheiten nicht publik zu machen.

7_days_of_garbge.jpg

Eine Familie liegt im Müll (Foto: Gregg Segal)
Wie der Garbologe Joachim Hainzl sieht auch der Fotograf Gregg Segal seine Arbeit als „instant archaeology“ – als eine Art Gegenwartsarchäologie, die viel über heutige Lebensstile verrät (Foto: Gregg Segal)

joachim heinzl.jpg

Joachim Heinzl
Joachim Hainzl ist Sozialpädagoge, Sozialhistoriker, Garbologe und Kunstschaffender im öffentlichen Raum in Graz. 1992 schrieb er seine Diplomarbeit „Zur Topologie des Abfalls in der Stadt am Beispiel Graz. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten im Umgang zwischen materiellem und sozialem Abfall“. Als Müllforscher und Künstler befasst er sich bis heute mit dem Thema Abfall

Wie wissenschaftlich ist Ihre Arbeit?

Ich gehe empirisch vor. Was ich mache, ist eine Art Gegenwartsarchäologie. Natürlich versuche ich auch, meine Funde durch andere Quellen einzuordnen, indem ich mich zum Beispiel mit Drogenstreetworkern unterhalte. Ich traue mich zu sagen, dass ich mir so ein Wissen angeeignet habe, an das andere nicht herankommen. Aus den empirischen Ergebnissen meiner Feldforschung ergeben sich Fragestellungen, die dann etwa in einen Fragebogen einfließen können, um Ergebnisse richtig interpretieren und einordnen zu können.

Sieht der Inhalt einer Mülltonne in Berlin anders aus als in Wien, Peking oder New York?

Der Müll hat vielmehr etwas mit der sozialen Schicht zu tun. Das Diplomatenviertel in Cotonou in Benin war zum Beispiel so etwas von sauber – dagegen sind gewisse Teile westeuropäischer Städte Dreckslöcher. Bei unserem Projekt toys|ontour in mehreren afrikanischen Staaten  war es auch faszinierend zu sehen, dass vieles, das bei uns Müll ist, dort kein Abfall ist. „Reusing“ spielt eine wichtige Rolle: Alte Flaschen werden etwa nicht weggeworfen, sondern zum Beispiel mit Nüssen befüllt. Und in Lagos in Nigeria findet man kaum Zigarettenschachteln – vor allem, weil Zigaretten fast nur einzeln gekauft werden, da sie teuer sind. Nach dem Ende des Kommunismus war ich außerdem mehrere Male in den baltischen Staaten und konnte dort beobachten, dass die Müllproduktion insgesamt deutlich angestiegen ist: Zum Wohlstand gehört, dass man auch etwas wegwerfen kann.

Wie werden Sie beim Mülldurchstöbern von Ihrer Umgebung wahrgenommen?

Mir wurden schon Äpfel oder Joghurts angeboten, weil die Leute dachten, ich sei ein Obdachloser. Von einem Moment auf den anderen werde ich so vom relativ normalen Akademiker zum Außenseiter, vor dem andere zwei Schritte zurückweichen.

Titelbild: Gregg Segal