Als Fabian Eckert im schwedischen Malmö einen Master im Bereich „Sustainability“ studierte, quoll auf dem Uniflur andauernd der Mülleimer über. All die angehenden Master of Nachhaltigkeit schmissen sehr, sehr viele Kaffeebecher weg.

Die Anekdote zeigt: Selbst Leute, bei denen man ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein erwarten würde, tun sich schwer damit, auf ihren Coffee to go zu verzichten. Einen eigenen Mehrwegbecher nutzen sie auch nicht unbedingt: Denn den muss man kaufen und außerdem immer dabeihaben, wenn man unterwegs einen Kaffee trinken möchte.

„Wir wollten so nah wie möglich an den Einwegbecher herankommen“

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ReCup
Drei Städte, drei Pfandbecher: Coffee to go in der Rosenheimer Variante ...

Fabian Eckert kam beim Anblick des überfüllten Mülleimers eine Idee: ein Pfandsystem für Kaffeebecher. „Recup“ haben es er und sein Geschäftspartner Florian Pachaly getauft. Es funktioniert eigentlich ganz simpel: Wer in einem Café oder einer Bäckerei einen Kaffee zum Mitnehmen bestellt, bekommt als Alternative zum Einwegbecher auch einen Mehrwegbecher angeboten. Einen einfachen, robusten Becher aus dem Kunststoff Polypropylen, für den man einen Euro Pfand bezahlt. Den Becher kann man bei jedem teilnehmenden Café zurückgeben und bekommt dort das Pfand erstattet. So bequem und unkompliziert wie klassischer Coffee to go soll das Angebot sein, sagt Eckert: „Wir wollten so nah wie möglich an den Einwegbecher herankommen.“

Denn so schlecht wie dessen Ökobilanz, so beliebt ist der Einwegbecher auch: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat ausgerechnet, dass hierzulande pro Jahr 2,8 Milliarden Einwegbecher im Müll landen, nachdem aus ihnen zuvor insbesondere Kaffee getrunken wurde (und der eine oder andere Chai, Kakao oder Smoothie). Für die Produktion der Becher ist so viel Strom nötig, wie die Stadt Schwerin jährlich verbraucht, für ihre Herstellung werden 43.000 Bäume abgeholzt und rund 1,5 Milliarden Liter Wasser benötigt.

Fabian Eckert und sein „Recup“-Partner Florian Pachaly testen ihr Mehrwegbecher-System seit dem 1. November im bayerischen Rosenheim. Zum Start haben sie über 20 Cafés und Bäckereien für das Projekt gewonnen, die sich – nicht ganz zufällig – vor allem in der Rosenheimer Innenstadt befinden. Die Idee dahinter: Kaffeetrinker müssen den Becher so in der Regel nicht den ganzen Tag mit sich rumschleppen, sondern können ihn nach dem letzten Schluck direkt in einem nahe gelegenen Café zurückgeben.

„Wir möchten nicht, dass die Becher zu Hause im Regal stehen“

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refillit (Foto: Julie Nagel)
... die Hamburger Schule ... (Foto: Julie Nagel)

Am anderen Ende Deutschlands, in Hamburg, ist am selben Tag mit „Refill it!“ ein weiteres Pfandsystem für Mehrwegbecher gestartet. Initiiert wurde das Projekt vom Hamburger Kaffeehänder El Rojito. In zunächst elf über die Stadt verteilten Cafés kann man für 1,50 Euro Pfand einen schwarzen Mehrwegbecher leihen. Dazu gibt es einen passenden Deckel mit Mundstück und einen roten Filzring zu kaufen – aus hygienischen Gründen gibt man bei „Refill it!“ nur den Becher wieder zurück. In Rosenheim bekommt man deswegen derzeit noch einen Einwegdeckel.

Die „Refill it!“-Becher werden komplett aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und sehen wertiger aus als die Kunststoffbecher aus Rosenheim. Allerdings werden die Hamburger Becher wohl auch schneller ersetzt werden müssen: Laut Angaben von El Rojito überstehen sie mindestens 75 Spülmaschinengänge. Der „Recup“-Becher dagegen wirbt mit 500 Durchläufen. Für das schlichtere Design hätten sie sich bewusst entschieden, erklärt Fabian Eckert vom Rosenheimer Angebot „Recup“, „damit die Becher im System bleiben. Wir möchten nicht, dass die Becher zu Hause im Regal stehen.“

justswapit

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... und das ist der Berliner Becher.

Dies möchten auch Ulrike Gottschau und Clemens Pech, die beiden Initiatoren des Berliner Pfandbecher-Systems „Just swap it“, verhindern. Das Angebot funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie in Hamburg und Rosenheim. Ihre Strategie gegen das Becher-Horten ist ein relativ hoher Pfandpreis von vier Euro. Denn beim Look ihres Bechers, der vor allem aus Bambus und Maisstärke besteht, wollten sie keine Kompromisse machen: „Unser Becher sollte unbedingt stylish sein, damit man den gern mitnimmt und auch gern damit rumläuft“, sagt Pech.

In Berlin läuft der Test des Pfandsystems schon seit Mitte September. Ein Dutzend Cafés in den Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg hat den „Just swap it“-Becher inzwischen im Angebot. Hier wird das System bisher gut angenommen: Über 1.000 Becher sind mittlerweile im Umlauf. „Wir bekommen total viel positives Feedback, und interessanterweise beschweren sich die Nutzer nicht über den Pfandpreis“, erzählt Pech. Kritisiert werde allerdings der Deckel, der noch nicht perfekt schließe.

„Unser Becher sollte unbedingt stylish sein, damit man den gern mitnimmt und auch gern damit rumläuft“

Pech sagt aber auch, dass sie mit „Just swap it“ auf der Suche nach alternativen Materialien seien und sich über Hinweise von Herstellern freuen würden. Denn trotz einiger Pluspunkte wie der hohen Stabilität und der angenehmen Haptik gibt es Probleme mit Bambusbechern: etwa beim Recycling und der Kompostierung sowie durch gesundheitskritische Melaminharze, die den Bechern zugesetzt werden, erklärt Stefanie Otterstein von der Deutschen Umwelthilfe. Sie kritisiert, dass Becher aus Bambus im Vergleich zu anderen Mehrwegbechern deshalb „keine vorteilhafte Alternative“ seien.

„Derzeit gibt es leider keinen perfekten Becher“, sagt Pech. Zunächst stehe für sie das Pfandsystem und die häufige Nutzung der Becher im Vordergrund, nicht das Material. Ganz ähnlich äußert sich auch Fabian Eckert – und auch ähnlich selbstkritisch. Schließlich kommt der Rosenheimer „Recup“ bisher noch mit einem Einwegdeckel daher. Der sei zwar kompostierbar, „aber optimal ist das nicht.“

Den einen, den perfekten Pfandbecher aus dem optimalen Material kann Stefanie Otterstein von der DUH aber ohnehin nicht ausmachen. Für sie ist entscheidend, dass die neuen Pfandangebote in Berlin, Hamburg und Rosenheim besonders verbraucherfreundlich sind. Das macht es wahrscheinlicher, dass viele Leute die Angebote auch tatsächlich nutzen. Denn, so erinnert Otterstein, „Mehrwegbecher – egal aus welchem Material – sind grundsätzlich ressourcenschonender, klimafreundlicher und abfallvermeidender als Einwegbecher.“ Natürlich vorausgesetzt, dass sie nicht zu Hause im Regal einstauben.

Juliane Frisse, Redakteurin bei fluter.de, kauft sich fast jeden Morgen vor der Arbeit einen Coffee to go. In was für einem Becher, sagt sie lieber nicht.

Titelbild: Carina Wendland / edithimages