Fluter.de: Ibrahim, wenn du in Schulen gehst und deine Geschichte erzählst: Welche Frage stellen dir die Schüler am häufigsten?

Ibrahim Arslan: Sie wollen wissen, warum ich die Perspektive der Opfer von rassistischer Gewalt in die Gesellschaft tragen will. Meistens beantworten sie sich die Frage selbst: Wir kennen nur die Täter, über die Betroffenen und Opfer wissen wir nichts. Die Namen des NSU-Trios kennt fast jeder, aber nenn mir mal die Namen der zehn getöteten Menschen! Genau deswegen möchte ich die Betroffenen in den Vordergrund stellen. Wir müssen als Gesellschaft viel mehr mit den Opfern sympathisieren.

Du findest die Art und Weise nicht gut, wie an Opfer rassistischer Gewalt erinnert wird. Was läuft deiner Meinung nach falsch?

„Oft sind wir nur Statisten und müssen Gedenkveranstaltungen stillschweigend hinnehmen“

Das offizielle Gedenken läuft immer nach dem gleichen Schema ab: ein Gedenkstein, eine Gedenkveranstaltung, mit Glück noch eine Straßenumbenennung. Aber den Ort und den Ablauf gibt die Politik vor. Wir Betroffenen werden meist nicht gefragt, ob wir damit einverstanden sind, wer auf der Bühne spricht. Wir werden kaum miteinbezogen – oft sind wir nur Statisten und müssen die Gedenkveranstaltung stillschweigend hinnehmen. Manchmal werden sogar nur Schweinefleisch-Häppchen gereicht!

 

Was müsste anders laufen?

Das Gedenken muss viel mehr auf die Perspektive der Opfer ausgerichtet sein. Sie sollten selbst entscheiden dürfen, wie das offizielle Gedenken aussehen soll, schließlich wurde ihr Leben von den Taten gezeichnet. Die Gesellschaft muss echte Sympathie und Mitgefühl gegenüber den Betroffenen entwickeln. Der Name jedes Opfers muss gekannt, jede Geschichte erzählt werden. Das ist eine Aufgabe für die Politik, aber auch für die ganze Gesellschaft und die Medien.

Ausgebranntes Zimmer
Vor 25 Jahren starben die zehnjährige Yeliz Arslan, die 14-jährige Ayse Yilmaz und die 51 Jahre alte Bahide Arslan in dem Feuer, das zwei Neonazis in ihrem Haus gelegt hatten
 

Wie kann die Opferperspektive in den Medien mehr Platz einnehmen?

Die Medien sind eine der wichtigsten Waffen der Demokratie. Ich glaube aber, dass sie ganz viel dazu beitragen, dass Menschen stigmatisiert werden. Zum Beispiel bei den NSU-Morden: Die Presse nannte sie „Dönermorde“ und verglich damit Menschen mit Dönerfleisch – sie reduzierte die Opfer und ihre Herkunft auf ein Imbissgericht. Auch wurden Betroffene beschuldigt, in die Taten verwickelt zu sein.

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Ibrahim Arslan
Ibrahim Arslan, 32, wohnt heute nicht mehr in Mölln. Mit seiner Familie veranstaltet er seit 2012 alternative Gedenkfeiern

So wie bei dem Anschlag in Mölln.

Die Täter hatten sich noch in der Nacht des Anschlags mit einem Anruf bei der Polizei zur Tat bekannt. Die Medien berichteten dann viel über die beiden Skinheads. Wenn die Opfer thematisiert wurden, waren oft Vorurteile und Lügen mit im Spiel. So verbreitete sich in Mölln zum Beispiel das Gerücht, mein Vater sei Zuhälter gewesen. Selbst wenn das gestimmt hätte: Kein Mensch – auch kein Zuhälter – verdient, auf so feige Art seine Familie zu verlieren. Ich habe eine post-traumatische Belastungsstörung, was sich zum Beispiel an meinem chronischen Husten zeigt. Das hat nicht nur mit den Erlebnissen aus der Nacht zu tun, als ich aus dem brennenden Haus gerettet wurde. Was die Gesellschaft und die Medien machen, trägt auch zu solchen Spätfolgen bei. Eine mediale Berichterstattung muss unvoreingenommen sein.

 

Fast täglich gibt es Anschläge auf Flüchtlingsheime, nach einer Schätzung der Amadeu-Antonio-Stiftung wurden seit 1990 mehr als 192 Menschen durch rechte Gewalt getötet. Was muss passieren, damit dieser Rassismus aufhört?

Von Tolstoi stammt der schöne Satz: „Wenn jemand Schmerzen fühlt, dann ist er lebendig; wenn aber jemand die Schmerzen anderer fühlt, dann ist er ein Mensch.“ Ich habe das zu meinem Lebensmotto gemacht. Deshalb glaube ich, dass diese Taten erst aufhören, wenn wir uns in die Betroffenen hineinversetzen und mit ihnen sympathisieren. Erst dieses Mitgefühl wird die Gesellschaft wirklich zum Besseren ändern. Von den Anschlägen in Rostock, Mölln und Solingen Anfang der 90er-Jahre, über die NSU-Morde und die Anschläge auf Flüchtlingsheime heutzutage – diese schlimmen Taten müssen tiefer ins kollektive Bewusstsein eindringen. 

„Was Medien machen, trägt auch zu den Spätfolgen bei“

Darum machst du zum Beispiel Bildungsarbeit in Schulen. Hast du das Gefühl, dass diese Opferperspektive von Schülern wirklich verstanden wird?

 

Auf jeden Fall. Durch die neu eröffnete Perspektive sind sie oft wütend und traurig. Aber das gibt ihnen gleichzeitig auch Kraft, um was zu ändern. Einmal saß zum Beispiel ein Schüler mit Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze vor mir. Er gab offen zu, rassistisch zu sein; er hatte sogar Pläne, Flüchtlingsheime anzugreifen. Nach der Veranstaltung kam er zu mir: Er wolle von seinem Weg abkommen. Wir haben dann unsere Nummern ausgetauscht, jetzt schreiben wir uns manchmal. Das ist natürlich eine besonders krasse Geschichte. Aber nach meinen Veranstaltungen fühlt sich fast jeder Teilnehmer direkt oder indirekt von Rassismus betroffen. In diese Lage will ich die Gesellschaft versetzen: zu erkennen, dass wir alle davon betroffen sind.

Fotos: picture alliance/AP Images