Trayvon Martin. Eric Garner. Michael Brown. Drei Namen, die in den USA zu Symbolen rassistisch motivierter Polizeigewalt geworden sind. Drei Menschen, die unbewaffnet waren und für ihr Gegenüber keine Lebensgefahr darstellten, als sie von Sicherheitskräften getötet wurden – im Falle von Michael Brown mit zwölf Schüssen ohne Gegenwehr. Gerade bei Gewaltdelikten ist es oft so, dass sich an die Namen der Opfer später kaum jemand erinnert, während die Namen der Täter in aller Munde sind. Im Fall der drei Afroamerikaner ist das anders. Das mag damit zu tun haben, dass auf ihre Todesfälle – Martin starb 2012, Brown und Garner im Sommer 2014 – lautstarke Proteste folgten.

Aus Solidarität mit Martin posierten bei Demonstrationen und auf Fotos im Netz Tausende Menschen mit Hoodies, weil konservative Medien den Kapuzenpullover des 17-Jährigen im Nachhinein als „verdächtiges“ Outfit auslegten. Zahlreiche Basketballstars liefen bei NBA-Spielen in Shirts mit dem Slogan „I can’t breathe“ auf, den letzten Worten von Eric Garner, bevor er im Würgegriff der Polizisten starb. Und als bekannt wurde, dass es gegen den Beamten, der Michael Brown erschossen hatte, nicht mal ein Strafverfahren geben würde, kam es zu gewaltsamen Unruhen in mehr als 170 Städten. „Wir können einen schwarzen Mann ins Weiße Haus setzen, aber ein schwarzes Kind nicht durch eine bewachte Wohnsiedlung laufen lassen“, sagte der Bürgerrechtler Al Sharpton. „In Amerika ist es Tradition, den schwarzen Körper zu zerstören“, schrieb der Journalist Ta-Nehisi Coates in seinem Buch „Zwischen mir und der Welt“.

Ein Historienfilm über die Gegenwart

„Detroit“, der neue Film der (einzigen) oscarprämierten Regisseurin Kathryn Bigelow, rekonstruiert Ereignisse, die sich vor ziemlich genau 50 Jahren zugetragen haben: 1967 kam es in etlichen US-Großstädten zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Afroamerikanern und der Polizei. In Detroit bringt im Film eine Razzia in einer illegalen Bar das Fass zum Überlaufen: Anwohner bewerfen die Polizei mit Steinen und plündern anschließend Geschäfte. Die hektische Kamera von Barry Ackroyd folgt drei verschiedenen Personengruppen: den Polizisten Krauss (Will Poulter) und Flynn (Ben O’Toole) auf Streife, dem Soulsänger Larry (Algee Smith) und seiner aufstrebenden Gruppe The Dramatics sowie dem Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega). Als Afroamerikaner in einer „Autoritätsposition“, so bezeichnet es Dismukes selbst, ist er ein Grenzgänger: geduldet, aber nicht respektiert auf der einen Seite; als „Onkel Tom“ verspottet auf der anderen. Anfangs erfasst die Kamera noch die kollektive Situation auf den Straßen, immer wieder verknüpft mit Aufnahmen aus den TV-Archiven, die sich von den inszenierten Bildern nicht immer unterscheiden lassen. „Realitätseffekt“ hat Roland Barthes das mal treffend genannt: Kunstgriffe, die für nichts anderes als die „Authentizität“ der Erzählung stehen – als wäre man live dabei, 1967, auf den Straßen von Detroit.

Es ist dennoch unmöglich, den Film nicht vor dem Hintergrund der jüngeren Vorkommnisse zu sehen, zumal sich die sozialen Spannungen in den USA unter Trump noch verschärfen. So hat Bigelow einen Historienfilm unter dem Einfluss von „Black Lives Matter“ gedreht: Mit „Detroit“ nutzt sie die Aufmerksamkeit, die ein großer Hollywoodfilm bekommt, um anhand einer prototypischen Situation der Vergangenheit die unverändert akuten Konflikte um Rassismus, soziale Ungleichheit und (institutionelle) Gewalt in den Blick zu rücken.

Feelbad-Movie oder moralisches Versagen?

Mit ihrem Drehbuchautor Mark Boal verortet Bigelow den Ursprung dieser Aufstände jedoch nicht bloß in der damaligen Situation, sondern in der Sklaverei und dem daraus folgenden, über 100 Jahre fortgesetzten Unrecht. Schwarze Intellektuelle wie Coates, der in einem viel beachteten Essay Reparationszahlungen an die afroamerikanische Bevölkerung forderte, sehen das ähnlich. Während in der Eröffnungssequenz eine Erzählerstimme solche historischen Einordnungen referiert, huscht die Kamera über Motive der „Migration Series“ von Jacob Lawrence, einem Maler von Alltagsgeschichte(n) des schwarzen Amerikas. Deutlich ist zu erkennen, dass Bigelow und Boal das Geschehen von Anfang an aus der Sicht der Afroamerikaner erzählen wollen. Sie selbst stammen – das sollte bei einem Film, dem es um die Repräsentation von Minderheiten geht, schon erwähnt werden – aus dem linksliberalen weißen Milieu der Küstenstädte.

In den USA ist „Detroit“ aufgrund seiner zentralen, mindestens einstündigen Sequenz im „Algiers Motel“ umstritten: Basierend auf realen Ereignissen, führen die fiktiven Polizisten Krauss und Flynn dort mit Unterstützung der Nationalgarde eine brutale Razzia durch. Unter den mehrheitlich afroamerikanischen Gästen des Motels, darunter Larry und sein Freund Fred, vermuten sie fälschlich einen Heckenschützen. Systematisch werden die Verdächtigten bedroht, geschlagen und gefoltert; schließlich werden drei von ihnen aus rassistischen Motiven ermordet. Die Kamera rückt auch hier so dicht wie nur möglich an die gepeinigten Körper heran, zeigt unzählige Nahaufnahmen von Wunden und zitternden Händen. Sie will den Schmerz und die Angst der Opfer, so scheint es, unmittelbar erfahrbar machen. „Wie konnten sie das bloß filmen?“, fragt Richard Brody im „New Yorker“ ungläubig. Und weiter: „Die minutiöse Dramatisierung dieser Vorfälle mit der Absicht, das Publikum zu schockieren, scheint mir das moralische Äquivalent zur Pornografie zu sein.“

Diesem harschen Urteil muss man nicht folgen; doch es erscheint zumindest diskutabel, ob sich der Film in seiner distanzlosen, höchst drastischen Gewaltdarstellung nicht eher der Täter- als der Opferperspektive nähert.

„Detroit“, USA 2017; Regie: Kathryn Bigelow, Buch: Mark Boal, mit: John Boyega, Will Poulter, John Krasinski, Hannah Murray; 143 Minuten

Foto: Concorde Filmverleih GmbH