Am 1. Juli 2013 betritt eine kleine, alte, weißhaarige Frau den Gerichtssaal in Wuxi, einer chinesischen Stadt zwischen Schanghai und Nanjing. Frau Chu hat ihre Tochter verklagt, weil die sie nicht besucht hatte. Fast ein Jahr lang war sie nicht da. Das Gericht ordnet schließlich an, dass die Tochter und der Schwiegersohn alle zwei Monate bei ihr auf der Matte zu stehen und mindestens zwei nationale Feiertage pro Jahr mit ihr zu verbringen haben. Sonst drohen Geldstrafen oder sogar Gefängnis.

Die rechtliche Grundlage für diese Entscheidung ist ein Gesetz zur „Achtung der älteren Generation“. Es ist – in seiner überarbeiteten Fassung – erst wenige Stunden alt und wird mit dem Bekanntwerden von Frau Chus Fall sofort auf allen Kanälen diskutiert – teils mit Zustimmung, teils mit Bangen, oft mit Hohn. 

Schon lang nicht mehr zuhause blicken lassen? Kann in China teuer werden

„Es ist lächerlich, das zu einem Gesetz zu machen. Das ist, als würde man Eheleuten vorschreiben, ein harmonisches Sexleben zu führen“, schreibt der Schriftsteller Guo Cheng in seinem Blog. In dem Gesetzestext steht, dass Kinder ihre Eltern, sobald diese 60 Jahre alt sind, „oft“ besuchen und finanziell unterstützen müssen. Wie oft genug ist, steht nicht darin.

Gehorsam gegenüber den Eltern galt in China lange Zeit als wichtige Tugend. Noch heute kennt jeder Schüler die „24 Beispiele kindlicher Pietät“, die ein Gelehrter der Yuan- Dynastie vor 700 Jahren gesammelt hat. Sie haben vom kleinen Wu Meng gehört, der im Sommer nackt vor dem Bett seiner Eltern schlief, damit die Mückenschwärme nicht ihre Nachtruhe störten. Da ist Frau Tang, die jahrelang ihre zahnlose Schwiegermutter stillte. Und natürlich Yu Qianlou, der zu Diagnosezwecken den Stuhlgang des kranken Vaters kostete (er war süß, wahrscheinlich Diabetes).

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Jugend in China
Es ist nicht einfach, in China jung zu sein. Eltern können ihre Kinder sogar verklagen, wenn die sie nicht besuchen

Der chinesische Philosoph Konfuzius, der um 500 v. Chr. lebte, bezeichnete den Respekt vor dem Alter als „Wurzel der Menschlichkeit“. Solange die Eltern eines Mannes am Leben seien, solle er nicht weit reisen. Es sei Aufgabe der Kinder, die Eltern und Großeltern im Alter zu versorgen. Das in der Mao-Ära eingeführte Hukou-System, eine Art Wohnsitzkontrolle, machte es schließlich auch rechtlich so gut wie unmöglich, vom Land in die Stadt oder in eine andere Provinz zu ziehen: Wer seine Kinder in die Schule schicken oder Zugang zur Gesundheitsversorgung haben will, muss an einem Ort wohnen bleiben – das ist auch heute noch so. Jahrzehntelang hielt sich mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung daran.

Heute pfeifen Millionen junge Chinesen auf Gehorsam und pilgern in die Metropolen

Mit der Öffnung Chinas änderte sich das. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus einem planwirtschaftlichen Agrarstaat die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Weil diese Entwicklung hauptsächlich in den großen Städten passiert, pfeifen Millionen junge Chinesen auf das Melderegister, verzichten auf die damit verbundenen Privilegien und pilgern in die Metropolen. Der ergrauende Papa und die alternde Mama bleiben im Dorf zurück, oft auch der eigene Nachwuchs, Oma und Opa sowieso.

Das Londoner Institut The Economist Intelligence Unit hat untersucht, wo auf der Welt alternde Menschen die beste schmerzlindernde und pflegende Versorgung bekommen. In dem Ranking von 2015, das den klingenden Namen „Quality of Death Index“ trägt, landete China auf Platz 71 von 80 – je höher die Zahl, desto schlechter steigen die Betagten aus. Zwar werden in China gerade viele Altersheime eröffnet – 2016 gab es gut 20 Prozent mehr als im Vorjahr –, doch die Wartelisten sind lang. Theoretisch müssten sich 1.000 Senioren 32 Betten teilen. Und es wird noch enger, denn Chinas Bevölkerung altert im Zeitraffer: War 1970 ein Chinese im Schnitt 19 Jahre alt, lag das Durchschnittsalter bei der letzten Zählung vor drei Jahren bei 37 Jahren. 2050 soll es auf 49 Jahre steigen. Damit wächst der Anteil der Alten in China so schnell wie nirgendwo sonst.

32 Betten für 1.000 Senioren? In den Pflegeheimen wird es kuschelig

Schuld daran ist die sogenannte Ein-Kind-Politik. Eingeführt wurde die Geburtenkontrolle 1979 mit dem Ziel, Hungersnöte zu vermeiden und die Wirtschaft anzukurbeln. Wer nur wenige Mäuler zu stopfen hat, so die Rechnung der Regierung, kann mehr Geld für Konsumgüter ausgeben. 

Zwar gab es einige Ausnahmen von der Regel, zum Beispiel für die 55 ethnischen Minderheiten oder in ländlichen Gebieten, wenn der Abstand zum ersten Kind groß genug war. Wurde eine Frau ein zweites Mal schwanger, drohten aber in aller Regel Konsequenzen. Sie reichten von Geldstrafen und Kündigungen bis zu Zwangsabtreibungen und -sterilisation.

Die Ein-Kind-Politik ging auf und das Bevölkerungswachstum extrem zurück. Heute hat China eine der geringsten Geburtenraten der Welt und eine Familienstruktur, die Demografen als „4-2-1“-Modell bezeichnen: Am Ende jeder Kette steht ein Einzelkind, dessen Eltern auch schon Einzelkinder waren. Kritiker spötteln, die Regelung habe ein Heer „kleiner Kaiser“ hervorgebracht – verhätschelte Einzelkinder, die nun jeweils sechs alternde Personen zu versorgen hätten. 

Die Chinesen aber vermehren sich längst weniger, als ihrer Regierung lieb ist

Seit dem 1. Januar 2016 gilt die Zwei-Kind-Politik. „Zwar erlaubt das Gesetz jetzt ein zweites Kind, aber viele Leute, zumindest 50 Prozent, wollen nach dem ersten gar kein weiteres“, sagt Cai Fang. Er ist einer der bekanntesten Demografen Chinas und fordert, Paare finanziell dabei zu unterstützen, zwei oder, noch besser, drei Kinder zu bekommen.

Dass sich die Chinesen längst weniger vermehren, als ihrer Regierung lieb ist, hat viele Gründe. Eine Mixtur aus hohen Mieten, fehlenden Kinderbetreuungsplätzen und einem schwärmenden Blick gen Westen ist ein sehr effektives Verhütungsmittel.

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Jugend in China
Die Jugend zwischen den Stühlen: Man sollte sich nicht allzu kritisch über die Regierung äußern, aber bei der Frisurenwahl ist man frei

In Deutschland denken die viele Menschen an Glückskekse, wenn sie Konfuzius hören. In China ist der Stellenwert seiner Lehre eher mit dem der Zehn Gebote zu vergleichen. Nachdem das chinesische Kaiserreich 221 v. Chr. gegründet wurde, erhob man seine Ideen zur Staatsdoktrin. Die strenge Gesellschaftsordnung, die sich Konfuzius überlegt hatte, schien perfekt, um die nötige Stabilität herzustellen: Der jüngere Bruder musste zum älteren aufsehen, der Sohn zum Vater, der Untertan zum Herrscher. Nur Freunde waren auf einem Level. Als Frau musste man im Laufe eines Lebens gleich mehreren Männern hörig sein: dem Vater, wenn man jung war, dem Ehemann, wenn man verheiratet, und dem erwachsenen Sohn, wenn man verwitwet war. Besteht Harmonie im Kleinen, so dachte Konfuzius, gibt es auch im Großen keinen Streit.

Die Kommunistische Partei ist wieder mehr an Harmonie als an Revolte interessiert

Mit den Plänen der Kommunisten, die Mitte des letzten Jahrhunderts unter Mao Tse-tung die Volksrepublik China ausriefen, passte diese Denkweise überhaupt nicht zusammen. Alles, was mit Konfuzius zu tun hatte, galt als rückständig. Konfuzius war schuld an der Unterdrückung des Volkes. Während der Kulturrevolution der 1960er- und 1970er-Jahre verbrannten die Kommunisten seine Bücher, zerstörten Tempel und verwüsteten Konfuzius’ Familiengrab.

Xi Jinping, der jetzige Staatschef Chinas, zitiert Konfuzius in seinen Reden wieder gern. Er besuchte dessen Geburtsort und sprach auf einer Konferenz zu Ehren des Philosophen. Er legt dem Volk die Lektüre der „Gespräche“ ans Herz, eine Sammlung, die Konfuzius’ Schüler nach dessen Tod aufschrieben. In Schulen werden wieder klassische Gedichte gelernt und in Unis Kurse zur „nationalen Bildung“ angeboten und dabei Konfuzius’ Gedanken studiert.

Seitdem China eine wachsende Mittelschicht hat, die gut vernetzt ist und immer mehr Rechte einfordert, ist die Kommunistische Partei wieder mehr an Harmonie als an Revolte interessiert. Liberaler Wandel durch liberalen Handel? Will sie lieber nicht. Xi, der auf dem Parteitag im Oktober auf eine Stufe mit Mao gestellt wurde, als Vordenker des „Sozialismus chinesischer Prägung“, träumt von der Herrschaft der Partei. Nicht China first, sondern party first. Damit das klappt, wird die Presse zensiert wie seit 30 Jahren nicht mehr. Menschenrechtsaktivisten werden verfolgt und Arbeitsbücher aus Unis verbannt, die „westliche Werte“ wie Meinungsfreiheit vermitteln könnten.

...und arbeitet deshalb an einem Social-Credit-System, das stark an Black Mirror erinnert 

Zusätzlich arbeitet der Staat an einem Social-Credit-System, das jeden Chinesen für sein Verhalten belohnt oder bestraft und 2020 fertig sein soll. Du hast einem Mitschüler geholfen, die Eltern besucht, ein E-Auto gekauft? Pluspunkt! Falsch geparkt, die Partei kritisiert, auf eine Demo gegangen? Punktabzug! Wer einen niedrigen Score hat, wird künftig nur noch mit gedrosseltem Internet surfen, keinen Job im öffentlichen Dienst bekommen und auch ganz sicher nicht ins Ausland reisen.

 

Laut Zhang Yan Feng, einem Pekinger Anwalt, ist das Gesetz zur Achtung der älteren Generation als „erzieherische Nachricht“ an das Volk zu verstehen. Als „Erinnerung an die Jungen, sich auf traditionelle Werte zu besinnen“, wie es ein Professor der Universität Peking ausdrückte. Am besten zusammengefasst hat die Absicht des Gesetzes aber Konfuzius, nachzulesen in den von Xi Jinping hochgelobten „Gesprächen“, Kapitel 1, Vers 2: „Unter denen, die die Alten achten, gibt es selten Menschen, die gegen die Obrigkeit rebellieren.“

Fotos: Julien Hazemann