M.I.A.: „Borders“

Im vergangenen Jahr machten sich etwa 1,3 Millionen Flüchtlinge auf den Weg nach Europa. Im November 2015 erschien M.I.A.s Videoclip „Borders“ und ging schnell auf allen Kanälen viral. Der Film visualisiert das Thema Grenze anfangs mit Aufnahmen von Männern, die durch die Wüste laufen und einen Zaun zu überwinden versuchen. Er erinnert an die Grenzanlagen der spanischen Exklave Melilla in Nordafrika. M.I.A. hat mit ihren Co-Regisseuren Sugu Arulpragasam und Tom Manaton aber im Süden Indiens gedreht. Im Film sind ausschließlich Männer zu sehen, die dort gecastet wurden. Unter anderem in Lagern, in denen aus Sri Lanka geflüchtete Tamilen leben.

Einmal mehr verweist die Sängerin auf ihre eigene Biografie: Weitgehend ohne Kontakt zu ihrem Vater, einem tamilischen Aktivisten, hat sie ihre Kindheit mit dem Rest der Familie im vom Bürgerkrieg geprägten Sri Lanka der späten 70er- und frühen 80er-Jahre verlebt.

Darf man geflüchtete Menschen als Statisten benutzen, um dem Clip Authentizität zu verleihen?

Die tamilischen Männer im Clip bilden im Gegensatz zur singenden M.I.A. eine gesichtslose Gruppe im Hintergrund. Später ordnen sich Flüchtlingsboote wie Blütenblätter an. Der Refrain von „Borders“ ist von der eingängigen Wiederholung der Frage „What’s up with that?“ geprägt. Grenzen, Politik, Polizeischüsse, Identitäten – „Wie steht’s damit?“.

Obwohl „Borders“ von Fans und Journalisten meist gut aufgenommen wurde, war auch harsche Kritik zu hören: Ein Vorwurf lautete, dass geflüchtete Menschen als Statisten benutzt werden, die durch ihr Schicksal einem Clip Authentizität verleihen, der auch gedreht wurde, um das Stück und das dazugehörige Album zu verkaufen. Ist es glaubwürdig, über Waffen zu singen, die „Türen ins System pusten“, und ein „fuck ’em“ an ein ominöses Establishment zu richten, wenn man diese Botschaft exklusiv über Apple verbreitet? War das nicht der Konzern, der für geschlossene Kommunikationssysteme und schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken steht? Ist dieser Clip propagandistisch, oder verändert er den Blick auf Flüchtlinge? Das müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer einmal mehr selbst entscheiden.

Anohni: „Drone bomb me“

Wo M.I.A. eine eindeutige Botschaft vermittelt, spielt Anohni in „Drone bomb me“ in der Tradition von afroamerikanischer Soul Music mit Doppeldeutigkeiten. Wer angesichts des Titels dachte, hier werde auf die Praxis des Drohnenkriegs der US-Armee angespielt, wird damit konfrontiert, dass der Text in der Sprache eines Liebeslieds gehalten ist. „Drone bomb me“ richtet sich an ein nicht näher definiertes „Du“. Es endet mit dem Wunsch, der oder die Auserwählte dieses Du zu sein: „Choose me tonight / Choose me / Let me be the one / The one that you choose tonight“ – „Wähle mich heut Nacht / Wähle mich / Lass mich diejenige sein / Die du heut Nacht wählst.“ Auserwählt zu sein bedeutet hier aber, „vom Berg ins Meer gebombt“ zu werden.

Ein Antikriegssong – oder doch ein Liebeslied? Anohni überblendet die Bedeutungsebenen

Erzählt wird das Ganze im Clip von einer weinenden schwarzen Frau – dem britischen Model Naomi Campbell. Sie sitzt einer Gruppe tanzender schwarzer Männer gegenüber, die am Ende des Stücks zusammenbrechen und auf dem Boden liegen. Durch die Wahl der im Clip agierenden Schauspieler und die Choreografie fügten Regisseur Nabil Elderkin und Artdirector Riccardo Tisci eine dritte Bedeutungsebene hinzu: „Drone bomb me“ spielt auch auf die Diskussion um Polizeigewalt gegen schwarze Bürger in den USA an.

Während M.I.A. im „Borders-Video“ als einzige Frau unübersehbar und unverwechselbar im Mittelpunkt steht, obwohl sie das Konzept der Identität in Frage stellt, ist Anohni gar nicht zu sehen. Die Schwachen werden anders als bei M.I.A. nicht als potenzielle revolutionäre Masse gezeigt. Sie erscheinen im Film als klar voneinander unterscheidbare Individuen mit individuellen Gesichtern. Sie teilen als Gruppe ein bestimmtes Schicksal, aber austauschbar sind sie nicht.

Anohni selbst hat dazu gesagt, das Stück sei ein Liebeslied aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens, dessen Familie einem Drohnenangriff zum Opfer gefallen sei. Sie sei davon so erschüttert, dass sie nur noch selbst Opfer einer Bombe sein wolle.

Mykki Blanco: „High School Never Ends“

Mykki Blanco hätte allen Grund, sich als Opfer zu inszenieren. Er ist schwarz, bezeichnet sich als Transgender und ist HIV-positiv. Aber Blanco hat Besseres mit seinem Künstlerleben vor. Schon einige Jahre lang versorgt der Künstler die Welt via Youtube mit seinen spektakulären Videoclips. Im September ist „High School Never Ends“ als Vorabsingle zu seinem Debütalbum „Mykki“ erschienen. Es ist ein außergewöhnliches Stück, bei dem Blanco mit dem französischen Musiker und Regisseur Woodkid zusammengearbeitet hat. Das Video wurde unter der Regie von Matt Lambert in Ostdeutschland gedreht, unter anderem in der Kleinstadt Freyenstein in der Prignitz.

Die Lyrics von „High School Never Ends“ sind aus einer amerikanischen Perspektive geschrieben und handeln von den Unterschieden zwischen Arm und Reich und Leuten, die nicht erwachsen werden wollen: „They blasting Nelly and Missy Elliott like high school never ends.“ Aber es geht auch um Gefühle von Minderwertigkeit und vor allem um Liebe: „You know what my, you know what my love’s about.“

Romeo und Julia auf dem Lande – mit weißen Skins und schwarzen Anarchisten

Im Videoclip erhält dieses Szenario völlig neue Dimensionen. Denn es geht um die Liebe zwischen Männern, um Rassismus und das alte Shakespeare-Thema von Romeo und Julia, jenen Liebenden, die sich über die Grenzen ihrer verfeindeten Familien hinweg gefunden haben. In Mykki Blancos Video bekriegen sich eine schwarze Anarchistenfamilie und eine weiße Skinheadfamilie bis aufs Blut, während der von Blanco gespielte Charakter und einer der Skins sich schon seit ihrer Kindheit lieben, wie in Rückblenden mit jungen Schauspielern gezeigt wird.

„Frieden. Ich hasse dieses Wort, wie ich die Hölle hasse“, sagt einer der Skins auf Deutsch. „There must be other ways than death“, sagt der Mykki-Charakter zur Vaterfigur seiner Familie. Der fragt zurück: „What other way?“ Der Skinhead später: „Wie ich sie hasse. Wollen sie leben, müssen sie gehen. Wollen sie bleiben, müssen sie sterben.“

So verarbeitet „High School Never Ends“ auch die Frage, wie Flüchtlinge, „Fremde“, „Andere“ in Europa und Deutschland behandelt werden. Blanco hat zu Protokoll gegeben, er, der seit einigen Jahren immer wieder Zeit in Deutschland verbracht hat, sei vor Jahren im Glauben nach Europa gekommen, der Kontinent sei sein sicherer Hafen, in dem er nicht unter weißer Vormachtstellung wie in den USA leiden würde. Er habe sich aber geirrt. Unter der Oberfläche der Akzeptanz würden sich Aggressionen verbergen, die man spüren könne, wenn man sich mit seiner braunen Haut in der Öffentlichkeit zeige. Eine Supermarktkassiererin habe ihm gesagt, er solle in sein eigenes Land zurückgehen. „High School Never Ends“ handle aber auch davon, dass „die extreme Linke und die extreme Rechte vor nichts zurückschreckten, wenn es darum gehe, an ihren Wahrheiten festzuhalten“.

Jennifer Rostock: „Die Hengstin“

Im August, kurz vor der Landtagswahl, verursachte die aus Usedom stammende Band Jennifer Rostock Aufruhr mit einem ironischen Song gegen die AfD. In der Tradition des Protestsongs setzt sich das Lied mit den politischen Positionen der Partei auseinander: „Bist du alleinerziehend und willst nicht, dass der Staat dich unterstützt? Dann wähl die AfD / Willst du ’ne Steuerpolitik, die nur dem Großverdiener nützt? Dann wähl die AfD / Willst du, dass man Sozialleistungen kürzt, und sowieso / Was spricht schon gegen Arbeit unterm Mindestlohnniveau? / Bist du bereit, auch noch mit 67 nicht in Rente zu gehen? Okay / Dann wähl die AfD.“

Das in einer Wohnzimmer-Session von Sängerin Jennifer Weist und Keyboarder Johannes Walter live eingespielte Stück wurde viele Millionen Mal geklickt und rief zum Teil harsche Reaktionen hervor. Ende Oktober legten die Rocker mit einem für sie untypischen, an zeitgenössischem Rap orientierten feministischen Song nach, der nicht minder eindeutige Botschaften enthält: „Die Hengstin“. Darin rappt Jennifer Weist: „Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist / Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist / Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist.“

Kann man eine feministische Botschaft verbreiten, wenn man dabei nackt ist?

Weist tanzt in verschiedenen Kostümen durch den Clip, bei dem Justin Izumi Regie geführt hat, mal alleine, mal flankiert von einer gemischtgeschlechtlichen Tänzergruppe. Kontrovers wurde diskutiert, dass Weist in einigen Einstellungen nackt zu sehen ist, was manche Kritiker als Bruch zwischen Bild und Ton benannt haben. Kann man eine feministische Botschaft vertreten, wenn man sich im selben Moment nackt zeigt? Wie verhält sich die Nacktheit der Sängerin zur Zeile „Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst“? Dieser tatsächliche oder auch nur vermeintliche Gegensatz verkompliziert jedenfalls die unmissverständliche Botschaft des Textes, indem sie Nacktheit nicht als Objektivierung des weiblichen Körpers betrachtet, sondern als selbstbewussten Verweis auf die eigene Entscheidungsfreiheit reklamiert.

Die feministische Botschaft des Stücks wird im Video durch dokumentarische Videoeinspielungen verstärkt, die Sportlerinnen wie die Schwimmerin Britta Steffen, aber auch eine Tätowiererin, eine DJ, eine Moderatorin und andere Frauen zeigen, die erfolgreich in ihren Disziplinen arbeiten.

Auf Facebook schrieb Jennifer Weist aus Anlass der Veröffentlichung: „Liebe Mädchen, liebe Frauen, traut euch was! Tretet nach vorne, sagt, wer ihr seid, und habt keine Angst vor Rückschlägen! Ihr könnt alles erreichen, was ihr wollt, lasst euch von niemandem was anderes erzählen!“

Bonusbeats

Ebenfalls visuell spannend und politisch interessant: „Formation“ von Beyoncé, in dem die aktuelle Queen of Pop sich mit Black Lives Matter solidarisiert, gegen Polizeigewalt gegen Schwarze protestiert und eine feministischen Botschaft loswird. In „Wedding“ von Policia geht es ebenfalls um Polizeigewalt gegen Schwarze und das Phänomen der Militarisierung der Polizei in den USA. PJ Harvey, die Grande Dame des Indie-Rock, hat mit „Community of Hope“ ein fast schon dokumentarisches Video gedreht, das die sozialen Misstände in einem Problemviertel Washingtons beleuchtet. Wie ein Amerika unter Trump für Frauen aussehen könnte, darüber haben sich Pussy Riot in ihrem Song „Make America great again“ Gedanken gemacht – das Video von Jonas Akerlund macht nicht gerade Lust auf das neue Jahr. Und weil keine Liste über politische Musikvideos komplett wäre ohne Kendrick Lamar, hier noch die Links zu „Alright“ und „King Kunta“, die beide längst Hymnen der Black Lives Matter-Bewegung sind.