fluter.de: Mal angenommen, ich würde nach Teheran reisen und möchte am Wochenende gerne tanzen gehen – wie stehen meine Chancen, eine Party zu finden?

Anoosh: Das wäre fast unmöglich und obendrein gefährlich. Du bräuchtest Freunde oder Bekannte, die dich einladen. Und die müssen vertrauenswürdig sein, weil viele Partys von der Polizei hochgenommen werden und man im Gefängnis landen kann.

Teheran ist eine riesige Stadt. Etwa 12 Millionen Menschen leben da. Mehr als die Hälfte sind unter 30. Wie viele heimliche Partys sind denn so am Wochenende?

Auf jeden Fall viele. Das ist ja unsere Kultur mittlerweile. Bevor die Mullahs vor knapp 40 Jahren, nach der Revolution, an die Macht kamen, lief im Iran die gleiche Musik wie überall auf der Welt. Danach hat das Regime westliche Musik verboten und die Leute haben angefangen, zuhause Partys zu veranstalten. Das ist sehr populär. Besonders in Teheran, das ja auch das kulturelle Zentrum ist, nicht nur das politische.

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Die beiden iranischen DJs Anoosh und Arash alias Beard & Blade
Humor ist, wenn man trotzdem tanzt: Anoosh (links) und Arash veranstalteten in Teheran eine Party pro Woche. Seltener auch richtige Raves in der Wüste

Mit deinem Partner Arash hast du auch Raves in der Wüste. Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen?

Ein paar Freunde hatten einen Ort in der Wüste entdeckt, der sehr weit von der nächsten Polizeistelle entfernt ist. Auf der Strecke sind auch wenige Polizeikontrollen, weil nicht so viele Menschen in diese Gegend fahren. Unsere erste Party war 2008. Mit 100 Leuten. Für iranische Verhältnisse ist das eine riesige Party.

Wie haben die Leute die Party denn gefunden?

Wir haben Freunde per SMS eingeladen und die konnten Freunde mitbringen. Es gab zu fast jedem eine direkte Verbindung. Die Leute kamen mit einem Bus und ein paar Jeeps. Das war eine tolle Party – auch für mich. Ich konnte 12 Stunden am Stück spielen. Wir fühlten uns für eine Nacht nicht wie im Iran. Natürlich wollten wir dann weitermachen.

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Szene aus dem Film Raving Iran
Aus Sicherheitsgründen sind die Bilder im Film verpixelt. Die iranische Sittenpolizei hat kein Herz für Raver. Wer auf einer Party erwischt wird, kann ins Gefängnis kommen

Einmal sieht man im Film, wie die Sittenpolizei eine eurer Partys in einer Wohnung in Teheran stürmt. Wie haben die euch entdeckt?

Die haben ihre Netzwerke und überwachen Telefone und Internet. Natürlich haben die nicht jede Party auf dem Radar. Manchmal beschwert sich einfach ein Nachbar über den Lärm. Aber wenn die kommen, sagen die natürlich nicht, mach mal die Musik leiser. Die verhaften dich.

Wie oft ist Dir das schon passiert?            

Viermal. Wie lange man im Gefängnis bleibt, hängt davon ab, was die auf der Party finden. Wenn es da Alkohol oder Drogen gibt, kriegst du richtig Ärger. Wenn die eine Party sprengen, haben sie Kameras dabei – fast wie Dokumentarfilmer. Die brauchen ja Beweise für das Gericht. Wenn die dich verhaften, wirst du mit Drogensüchtigen und Mördern eingesperrt. Das ist natürlich eine Bestrafung. Letztlich geht es ums Geld. Ich musste jedes Mal 4.000 bis 5.000 Euro zahlen, um nach drei Nächten wieder rauszukommen.

Ist die Situation denn unter Präsident Rohani entspannter? Der tritt ja moderater auf als sein Vorgänger.

Es ist schon besser als unter Ahmadinedschad. Trotzdem hab ich in den letzten zwei Jahren von vielen Partys gehört, die von der Polizei gestoppt wurden. Im ganzen Land. Das zeigt aber auch, dass sie die junge Generation nicht aufhalten können, ihre Partys zu feiern.

Welche Rolle spielt das Internet? Das wird im Iran ja zensiert.

Die Regierung filtert ganz viel, aber nicht alles. Ein paar wichtige Seiten für elektronische Musik sind frei zugänglich. Und viele errichten mit einem Hotspot-Shield ein VPN, ein virtuelles privates Netzwerk, über das man anonym surfen und Geoblockaden umgehen kann. So sind sie über Facebook und andere soziale Medien mit der ganzen Welt vernetzt.

Ist die Szene denn politisch? Es hat ja doch was Subversives, illegale Partys zu veranstalten.

Ich bin kein politischer Mensch. Aber uns wird ein Label aufgeklebt. Wenn du verhaftet wirst, können sie nicht einfach sagen, du bist ein Underground-Musiker. Das darf es ja gar nicht geben. Als Ahmadinedschad mal vor ein paar Jahren in den USA auf Staatsbesuch war, wurde er von Studenten der Columbia-Universität gefragt, ob es im Iran Homosexuelle gäbe. Der hat dann gesagt, nein, die gibt es bei uns nicht. Das ist natürlich falsch. Aber die Regierung kann das nicht sagen. Mit uns haben sie ein ähnliches Problem. Offiziell sollen wir ja immer beten und an Gott denken. Wenn du das nicht tust, müssen sie dich stigmatisieren. Etwa: Du bist Satan. Das passiert oft mit Rock-Musikern. Das ist ein starker Vorwurf, der bis zur Todesstrafe führen kann.

Es ist ja schon riskant, Partys zu organisieren. Aber einen Film darüber zu drehen, ist noch gefährlicher. Warum habt ihr das überhaupt gewagt?

Als wir filmten, hatten wir oft panische Angst. Aber die allermeisten Leute auf der Welt wissen fast nichts über unser Land. Nur über die offiziellen Medien. Da sieht man nur Mullahs oder die Regierung. Das ist ja fast wie Nordkorea. Ich war sehr glücklich, dass Susanne uns gefunden hat. Der Film zeigt unser Leben ganz genau. Und vielen jungen Leute im Iran geht’s ganz ähnlich wie uns.

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Szene aus dem Film Raving Iran
Kafkaeske Szene: Anoosh und Arash versuchen im Ministerium für Kultur und islamische Führung eine Genehmigung für ihr Album zu bekommen

Im Ministerium für Kultur und islamische Führung habt ihr mit versteckter Kamera gedreht, als ihr versucht habt, eine Erlaubnis für euer Album zu bekommen. Die Szene ist unfreiwillig komisch. Englische Worte sind verboten, heißt es, dass „Made in Iran“ auf der CD steht, aber nicht. Habt ihr ernsthaft gedacht, dass ihr eine Chance habt?

Ich wusste schon ungefähr, wie das abgeht. Eigentlich wollten wir einfach ein paar Alben heimlich in Cafés verkaufen. Für den Film haben wir dann versucht, eine Erlaubnis zu bekommen und damit zu zeigen, wie schwierig das ist. Die Leute hinter uns in der Schlange mussten irgendwann lachen, weil unser Fall so sinnlos erschien.

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Szene aus dem Film Raving Iran
Eine Genehmigung für ihr Album bekommen sie nicht, dafür ein Booking in der Schweiz - ein Abend mit Folgen

Dank eurer Platte wurdet ihr 2014 nach Zürich eingeladen, um dort aufzulegen. Wie war das für euch?

Natürlich unglaublich. Das war ja das erste Mal, dass wir uns nicht verstecken mussten. Wir konnten uns voll auf die Musik konzentrieren. Ohne Panik, ohne Stress, ohne an die Polizei zu denken. Das war elektrisierend. Im Iran hatten wir wöchentlich Partys. Aber wenn man mehr als 20 Leute haben will, da muss man schon ganz schön was vorbereiten. Einen Bus, Tickets verkaufen, eine Location finden. In Europa ist das natürlich leicht. Wunderbar.

Heute lebt ihr in der Schweiz. Wie ist es euch anfangs ergangen?

Zwei Jahre waren wir in den Bergen, zwischen Kühen und Schafen und mit 80 anderen Flüchtlingen. Die meisten aus Syrien und Afghanistan. Wir hatten praktisch keinen Kontakt mit Schweizern. Und wir konnten kaum Musik machen. Manche Sachen sind noch in Teheran, die Monitorboxen zum Beispiel.

Das ist ja paradox: Ihr habt euer Land verlassen, um auflegen zu können. Und die ersten Jahre konntet ihr nirgends spielen.

Nein. Für uns war das verrückt. Wir kommen aus einer Stadt mit über zehn Millionen Einwohnern. Und dann sind wir in einem kleinen Zimmer in einem Dorf. Mit den anderen Geflüchteten konnten wir nicht über Musik reden oder über unsere Situation. Niemand konnte das verstehen. Da waren wir total isoliert.

Und jetzt?            

Seit April sind wir als Flüchtlinge in der Schweiz anerkannt und haben Asylstatus. Wir haben einen Ausweis und können reisen. Wir wollen jetzt Schritt für Schritt gehen. In Frankfurt haben wir ein Management und waren zweimal da für Studiosessions. Bald kommen unsere ersten Stücke raus.

„Raving Iran“; D 2016, Regie & Buch: Susanne Regina Meures

Als Parallellektüre zu Raving Iran empfielt Felix Denk, Kulturredakteur bei fluter.de, das Buch „Stadt der Lügen“ von Ramita Navai (Kein&Aber). Für ihre furiose Undercover-Reportage über das verborgene Leben in Teheran erhielt die Journalistin zahlreiche Preise.