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Lach nicht!

Witze über 9/11 oder tote Omas in der Pandemie: Geht gar nicht, sagen manche. Dabei können sie helfen, Katastrophen zu verarbeiten

  • 4 Min.
9/11, meme, 11. September

Der Mensch musste das Lachen erfinden, weil er das leidendste Tier auf Erden ist. Das war zumindest die Theorie einer der größten Spaßbremsen der Geschichte, des Philosophen Friedrich Nietzsche. So deprimierend seine These klingen mag – die Humorforschung widerspricht ihr nicht.

Von den vielen Funktionen, die das Lachen hat, gilt Schmerzlinderung als eine der wichtigsten. Witze schaffen eine willkommene Distanz zwischen dem Menschen und seinem Leid. Autor*innen und Filmschaffende haben das schon lange erkannt und bauen in tragische Plots Comic Reliefs ein: die Auflockerung eines ernsten Stoffs mit humorvollen Elementen. Die Charaktere C-3PO und R2-D2 in „Star Wars“ oder Timon und Pumbaa im „König der Löwen“ haben im Drehbuch eine wichtige Funktion: Im Moment größter Bedrohung durch Stormtrooper oder angriffslustige Hyänen sorgen sie noch für erleichternde Lacher. 

Um uns nach dieser Form der Auflockerung zu sehnen, müssen wir also gar nicht direkt vom Elend betroffen sein. Regelmäßig sind wir mit Leid konfrontiert, das uns nur indirekt belastet. Und wenn wir dann alle gemeinsam geschockt oder überfordert sind – von einem Flugzeugabsturz, einem Anschlag, einem unerwarteten Tod –, suchen wir einen Weg um die unangenehmen Gefühle herum. Manche machen dann Witze – auch über die Katastrophe selbst.

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Tsunami, Meme
Wären die Tsunamis im Indischen Ozean nicht schon 14 Jahre her, müsste man sich das Lachen wohl eher verkneifen – damals starben 230.000 Menschen

Das kann ein Dilemma sein. Denn jede Person hat ein anderes Empfinden dafür, ob und wann genau es geschmacklos ist, über ein schreckliches Ereignis zu lachen. Ein eindrückliches Beispiel ist der 11. September 2001 – ein Ereignis, das in Echtzeit medial um die Welt ging.

Too soon! Ob etwas witizig ist oder völlig daneben, hängt oft vom Timing ab

Während schon am nächsten Tag im damals noch recht jungen Internet die ersten Witze über die Anschläge verbreitet wurden, schwieg die breite Öffentlichkeit erst mal andächtig. Lachen war zunächst so undenkbar, dass US-Satireshows und -magazine ihre Arbeit einstellten; der „New Yorker“ erschien ohne seine berühmten Cartoons. Nur wenige Wochen nach den Anschlägen versuchte sich Comedian Gilbert Gottfried in einem New Yorker Comedy-Club an einem Comic Relief und erzählte einen Witz über 9/11: „Ich muss heute früher gehen, weil ich einen Flug nach Kalifornien nehmen muss. Ich kann leider nicht direkt hinfliegen – das Flugzeug macht einen Stopp am Empire State Building.“ Statt Lachern erhielt der Comedian nur Buhrufe und die Antwort einer Person aus dem Publikum, die ihm unmissverständlich „too soon!“ – „zu früh!“ – entgegenrief.

Knapp einen Monat nach den Anschlägen gab der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani in einer Ansprache dann die offizielle Erlaubnis, wieder zu lachen: „Ich bin heute hier, um euch das Lachen wieder zu erlauben. Und wenn ihr das nicht macht, lasse ich euch verhaften!“ Witze über die Anschläge selbst kratzen aber vor allem in den USA bis heute an der Grenze des Sagbaren – zumindest außerhalb des Internets. Für manche Witze wird es vielleicht immer zu früh bleiben.

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Charlie Sheen
Je suis angekotzt: Mitarbeiter/-innen von „Charlie Hebdo“ …

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Charlie Chaplin
… fanden die Flut vermeintlich solidarischer Profilbilder …

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Charles Manson
… nach dem Anschlag 2015 fast schon satirisch

Nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 änderten auf Facebook und Twitter Menschen weltweit ihr Profilbild zum „Je suis Charlie“-Schriftzug. Es begann eine Diskussion über den Unterschied zwischen ehrlicher Trauer und inszeniertem Mitgefühl, mit dem man sich online zu profilieren versucht. Selbst Mitarbeiter des Satiremagazins empfanden die Aktion als absurd. Eines der Gründungsmitglieder, der Zeichner Bernard Willem Holtrop, sagte in einem Interview: „Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freunde nennen.“ Viele hätten noch nie eine Ausgabe von „Charlie Hebdo“ gesehen.

Humor kann Schlimmes ertragbar machen – aber auch verharmlosen

Plötzlich prangte der „Je suis Charlie“-Schriftzug im Internet auf Bildern von Charlie Chaplin oder Charlie Brown von den Peanuts. Das sollte Kritik an den leichtfertigen Solidaritätsbekundungen in den sozialen Medien sein. So funktioniert Katastrophenhumor in den allermeisten Fällen. Grausamkeit und Bedrohung werden mit etwas Harmlosem, Banalem aufgelöst: King Kong auf den Twin Towers oder Kim Jong-un als Kleinkind mit einer Atomrakete. Diese Art des Humors erleichtert ungemein, aber bewegt sich schnell an der Grenze zur Verharmlosung. Viele Comedians sahen Donald Trump lange Zeit vor allem als ein Sprungbrett für beste Satire – dass er die US-Demokratie ins Wanken bringen würde, ging nicht selten unter. Und wie sieht es mit all den Klopapier- und Maskenwitzen zu Beginn der Pandemie aus? Waren sie nur Comic Relief oder Verharmlosung der Lage?

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Corona, Meme
Nicht mal eine vernünftige Pandemie kriegen diese Snowflakes hin! Über solche Pointen können alle lachen, weil alle von Covid-19 betroffen sind

Das Coronavirus hat bislang mehr als zwei Millionen Tote weltweit gefordert. Dennoch scheinen Witze und Memes über das Virus wenig Irritation auszulösen. Im Gegenteil: Corona-Bier oder falsch aufgesetzte Masken sind Running Gags. Selbst Songs über tote Omas, wie kürzlich in Böhmermanns Satiresendung, lösen keinen großen öffentlichen Aufschrei aus.

Das hat verschiedene Gründe: Bei einer Pandemie handelt es sich nicht um einen barbarischen Akt des Hasses, sondern um eine Naturkatastrophe. Corona kennt keine Schuldigen, die mithilfe von Humor moralisch haftbar gemacht werden könnten. Außerdem ist es die erste Krise des modernen Zeitalters, von der wirklich jede Person auf der Welt betroffen ist. Und über die eigene Misere  witzelt es sich oft am besten.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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