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„Die Leute drehen durch“

Die US-Sanktionen gegen Iran treffen nicht die Bevölkerung. Sagt Trump. Der 29-jährige Amin aus Teheran berichtet das Gegenteil. Von Tamponkrisen, Insulinknappheit und anderen Engpässen

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Iranerinnen protestieren gegen die USA ( Foto: UPI / laif )

Wir hatten schon eine Windel-Krise, eine Tampon-Krise, jeden Tag haben wir eine neue Krise. Einige meiner Freundinnen sagen: „Ich kann es mir gerade nicht leisten, meine Tage zu haben.“ Im Sommer, also bevor die Sanktionen einsetzten, sagten sie in den Nachrichten, Kosmetikprodukte und Hygieneartikel würden mehr als 30 Prozent teurer werden. Alle sind losgerannt und haben die Drogerien leer gekauft. Die Leute drehen durch. Meine Mutter rief mich eines Tages an und sagte: „Ich habe gehört, Taschentücher sollen teuer werden.“ Ich: „Echt jetzt? Taschentücher? Wieso das denn?“ Sie sagte: „Keine Ahnung, aber geh welche kaufen.“ Als ich im Laden war, waren Taschentücher schon ausverkauft. 

Iran sagte 2015 im sogenannten „Atomabkommen“ zu, Uran und anderes nukleares Material nur noch unter strengen Beschränkungen anzureichern, zwei Drittel seiner Zentrifugen auszuschalten und Atomtechnologie nur zu zivilen Zwecken einzusetzen. Die fünf UN-Vetomächte und Deutschland hoben im Gegenzug die Wirtschaftssanktionen und das Waffenembargo gegen das Land wieder auf. Seitdem wurde beispielsweise iranisches Öl wieder auf dem Weltmarkt verkauft. 

Die medizinische Versorgung ist unsere größte Sorge

Die US-amerikanische Regierung behauptet, man wolle Druck auf die iranische Regierung ausüben. Humanitäre Hilfe sei nicht betroffen, die Bevölkerung nicht das Ziel. Aber durch die Sanktionen ist der Bankbetrieb eingeschränkt, und das hat Auswirkungen auf alles. Einige iranische Banken sind vom Zahlungsverkehrssystem Swift ausgeschlossen. Es gibt also keine Möglichkeit mehr, für Importware zu bezahlen, weil man keine internationalen Überweisungen mehr tätigen kann. Deshalb ist selbst der Handel mit Ländern, die von den Sanktionen nicht direkt betroffen sind, so gut wie ausgeschlossen. Alles wird entweder viel, viel teurer oder die Qualität leidet extrem. 

Die medizinische Versorgung ist unsere größte Sorge. Viele Diabetiker können sich kein Insulin mehr leisten, weil das Importware ist. Meine Mutter hat von einem Unfall schlimme Verbrennungen und bräuchte eigentlich verschiedene Cremes. Sie sind zu teuer für uns, weil sie hier nicht produziert werden oder Inhaltsstoffe haben, die importiert werden müssten. Wenn mich Freunde aus Deutschland besuchen, bitte ich sie, mir das Zeug mitzubringen. 

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Geschlossenen Geschäfte in Tehran ( Foto: ARASH KHAMOOSHI/NYT/Redux/laif ) (Foto: ARASH KHAMOOSHI/NYT/Redux/laif )

Heute geschlossen, morgen wahrscheinlich auch: Seit der Verschärfung der Wirtschaftssanktionen gegen Iran mussten viele Läden schließen. Schon vorher hatte ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Arbeit

(Foto: ARASH KHAMOOSHI/NYT/Redux/laif )

Seit November 2018 haben die USA die Sanktionen gegen den Iran wieder eingesetzt und sogar verschärft, nicht zuletzt, um die iranische Regierung durch Isolation zu zwingen, das Atomabkommen neu zu verhandeln – US-Präsident Trump gingen die Einigungen nicht weit genug. Die Sanktionen sollen ihm zufolge vor allem die Ölindustrie, den Banken- und Finanzsektor und die Transportbranche treffen. 

Auch Dinge, die erst mal weniger drastisch erscheinen, sind frustrierend: Mein Bruder hat sich vergangenes Jahr ein Ladegerät für seinen Laptop gekauft. Gestern hat er mir erzählt, er hat in einem Laden gesehen, dass das jetzt zehnmal so teuer ist wie damals. Es sollte über zehn Millionen iranische Rial kosten. Das sind umgerechnet etwa 210 Euro, mein komplettes Monatsgehalt! Stell dir mal vor, du arbeitest freiberuflich, brauchst dafür deinen Computer und irgendwas geht kaputt. Das ist eine Katastrophe. Ein gebrauchter Laptop würde mich etwa 15 Monatsgehälter kosten. 

Die EU sagt zwar, dass sie am Iran-Deal festhält, aber sie kann die Folgen der Sanktionen nicht ausgleichen. Die Firmen, die nach dem Atomabkommen ins Land kamen, sind alle weg. Die amerikanischen sowieso, aber auch die europäischen. Sie haben Angst vor den Sanktionen. Total war eine der ersten Firmen, die nach dem Iran-Deal kamen und als eine der ersten wieder gegangen ist. Siemens kam und ging, Peugeot, Airbus und viele andere. Man muss noch nicht einmal so groß denken: Ich kenne ein paar Leute, die Läden auf Teherans Großem Basar hatten und zumachen mussten. Natürlich könnten sie ihre Waren zu einem Preis anbieten, der für sie rentabel ist. Kaufen würde sie aber niemand mehr. Alles ist teurer geworden, die Löhne aber sind gleich geblieben oder sogar gesunken.

Die EU hält am Atom-Deal mit dem Iran fest. Aktuell arbeiten Deutschland, Frankreich und Großbritannien an einer Lösung, die es europäischen Firmen erlauben soll, trotz der US-Sanktionen mit Iran Handel zu treiben. 

Es geht nur noch darum, rauszukommen

Ich bin eigentlich Fotograf, arbeite aber zurzeit als Englischlehrer. Weil alle ins Ausland wollen, ist das ein ziemlich sicherer Job. Das Schlauste, was du im Moment machen kannst, ist, eine Sprachschule zu eröffnen. Du wirst dich vor Aufträgen nicht retten können. 

Natürlich haben junge Leute auch schon vor den Sanktionen darüber nachgedacht auszuwandern. Aber jetzt wollen alle weg: junge, alte, gut ausgebildete, schlecht ausgebildete, arme, reiche Leute, alle deine Freunde, deine ganze Familie. Seit Trump reden die Leute von nichts anderem mehr. Du steigst ins Taxi, es geht um den Euro-Preis, im Supermarkt um den Dollar-Preis, auf der Straße darum, wie du am besten ein Visum bekommst. Es geht nur noch darum, rauszukommen. Kaum jemand hat noch Vertrauen in die Regierung oder glaubt daran, dass die Situation sich verbessern könnte. Und selbst wenn sich etwas ändern würde: Die Leute wollen nicht mehr länger warten.

Titelbild: Die US-Botschaft in Teheran, vor der diese Frauen protestieren, ist seit über 40 Jahren geschlossen: Eine 1979 von Studierenden verübte Geiselnahme beendete die diplomatischen Beziehungen zwischen Iran und den USA (Foto: UPI / laif).

Für seine Schilderungen könnte Amin in Schwierigkeiten geraten, sein Name wurde daher von der Redaktion geändert. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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