fluter.de: Herr Najafi, Anfang des Jahres haben Sie mit anderen Exilkünstlern ein Lied auf Youtube mit dem englischen Titel „Shayad (Music Video In Support of Uprising in Iran)“ gestellt. Wovon handelt es? 

Shahin Najafi: Es ist eine Coverversion eines Liedes des verstorbenen Sängers und Aktivisten Fereydoon Forooghi, das auf die aktuellen Proteste im Iran zutrifft. Es geht um Freiheit, um Wahrheit, um gleiche Rechte für alle. Zwei Zeilen darin gehen so: „Du hast Brot, ich hab gar nichts. Ich arbeite, du bekommst deinen Lohn.“ Wenn ich arbeite, sollte es selbstverständlich sein, dass ich am Ende des Monats meinen Lohn erhalte. Aber im Iran haben beispielsweise Minenarbeiter neun Monate lang kein Geld ausbezahlt bekommen.

Die schlechte wirtschaftliche Situation hat besonders junge Menschen auf die Straße gebracht. Worum geht’s noch in den Protesten?

Es sind Proteste der Arbeiterklasse gegen alles: gegen ihre Einkommenssituation, aber auch gegen das Regime; und gegen die, die schweigen. Die Mittelschicht und die iranischen Intellektuellen haben sich den Protesten größtenteils nicht angeschlossen. Die Kluft zwischen ihnen und den Bürgern, die trotz Arbeit arm sind, vergrößert sich. Das ist bedauernswert. Aber es gab Demonstrationen in mehreren Dutzend Städten, und es war zumindest ein Wille zur Revolution spürbar. Nun sind die iranische Revolutionsgarde und der iranische Geheimdienst sehr aktiv. Es gab mehrere hundert Gefangene und mehr als 20 Tote. Da kann man nicht mehr ständig auf der Straße bleiben.

Proteste im Iran  (Foto: STR/AFP/Getty Images)
Eine junge Frau protestiert an der Universität in Teheran (Foto: STR/AFP/Getty Images)
 

Sie kamen 2005 nach Deutschland, wo Sie Asyl beantragten. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Musiker im Exil?

Was die Menschen im Iran wollen, ist Freiheit. Solange der Iran keine Regierung hat, die sich mit Bildung beschäftigt, ist es die Aufgabe von Künstlern und Intellektuellen, über Menschenrechte zu sprechen. Das mache ich mit meiner Musik, mit meinen Texten. Mit meinen Liedern sage ich: Ich bin Teil einer Bewegung des Aufbruchs.

Im Iran ist Ihre Musik verboten.

Das stimmt. Auch Youtube-Videos werden zensiert, aber es gibt andere Wege, meine Lieder zu hören: Mit Proxy-Servern oder Telegram, ein im Iran sehr beliebter Messenger-Dienst, lassen sich die Sperrungen umgehen. Mein letztes Album wurde mehr als vier Millionen Mal heruntergeladen. Aber es ist gefährlich, meine Musik zu hören. Zwei Brüder, selbst Künstler, die auf einer Website auf mich verlinkt haben, wurden 2013 vom iranischen Geheimdienst festgenommen. Sie wurden zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Und die iranischen Politiker reden im Ausland über Freiheit – wie dreist ist das!

Wie arbeiten denn Künstler im Iran?

Es gibt viele, die sich mit der Regierung arrangiert haben. Die können auftreten und verdienen gut. Du kannst arbeiten und hast deine Ruhe, solange du drei Themen nicht ansprichst: Politik, Religion und Sexualität. Aber sobald du diese Tabus thematisierst, wird es gefährlich. Dann arbeiten Künstler im Untergrund und verdienen kaum Geld. Und wenn du Probleme mit dem Regime bekommst, war es das. Auch Künstler im Exil berühren diese Tabuthemen oft nicht, aus Angst um ihre Familien im Iran.

Haben Sie diese Angst nicht?

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Shahin Najafi (Foto: Alexander Heinl / dpa)
Shahin Najafi, geboren 1980, ist ein iranischer Musiker und Aktivist. Er singt über Armut, Sexismus, Zensur und die Rechte von Homosexuellen. 2005 floh er nach Deutschland, wo er Asyl beantragte (Foto: Alexander Heinl / dpa)

Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Mich mit anderem zu beschäftigen. Ganz klar: Was ich mache, ist gefährlich. Aber meine Musik ist mein Werk, mein Leben. Ich kann nicht darauf verzichten und zurückkehren. Die Sorge um meine Familie, um meine Freunde im Iran und im Ausland begleitet mich. Da ist ein andauernder Druck, der sich durch die Fatwa verstärkt hat.

Im Jahr 2012 wurde gegen Sie wegen Gotteslästerung und Abfall vom Glauben eine Todes-Fatwa erlassen. Auf Sie wurde ein Kopfgeld ausgesetzt. Ihr Leben in Deutschland danach wurde in dem Dokumentarfilm „Wenn Gott schläft“ nachgezeichnet. Wie hat es sich verändert?

Um das zu erklären, braucht es ein Buch. Ich versuche selbst noch zu verstehen, was das mit mir gemacht hat. Nach der Fatwa habe ich versucht, mich anonym zu bewegen. Aber es gab auch Drohungen gegen meine Fans, Bombendrohungen gegen meine Konzerte, um sie zu verhindern. Ich frage mich oft: Wie bleibe ich psychisch stabil? Und wie kann ich mental stärker werden? Die Fatwa hat aber tatsächlich auch etwas Positives gebracht: Ich hatte Aufmerksamkeit und erstmals deutsche Freunde, Künstler und Intellektuelle. Nach sieben Jahren in Deutschland hatte ich also die Chance, die Gesellschaft kennenzulernen. Ich habe mich erstmals wie ein echter Bürger Deutschlands gefühlt. Davor hatte ich nicht viele Möglichkeiten, aus der iranischen Exil-Community auszubrechen.

Als Sie 2005 aus dem Iran flohen, kam dort Mahmud Ahmadinedschad an die Macht. Was hat sich für Künstler im Iran seit damals verändert?

Politisch gab es unter Präsident Mohammed Khatami bis 2005 kleine Freiheiten, die es in den acht Jahren danach unter Mahmud Ahmadinedschad nicht mehr gab. Das war eine schlimme Zeit. Seit 2013 gibt es unter Hassan Rohani wieder Wege, Politik, Religion oder Sex zu thematisieren. Ich spreche von nichts Radikalem, aber von kleinen Freiheiten. Einige Rapper – ich nenne jetzt keine Namen – äußern sich über Gesellschaftsthemen.

Was sind das für Themen?

Sie rappen über Frauenrechte oder gegen Aggressivität. Sie kritisieren eine soziale Situation, ohne explizit die Politik anzusprechen. In der iranischen Gesellschaft gibt es viele Tabus, und auch wenn viele Menschen nicht so religiös sind, sind diese verankert in den Traditionen und Moralvorstellungen. Indem ich aus dem Exil über die Rechte von Frauen oder von Homosexuellen singe, überschreite ich Grenzen. Ich breche bewusst Tabus. Und nach mehr als zehn Jahren kann ich sagen: Es funktioniert. Die neue Generation im Iran versucht, selbst für ihre Freiheit zu kämpfen.

Titelbild: Stringer/Anadolu Agency/Getty Images

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