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„Er war überzeugter Pazifist“

Hannah Brinkmanns Onkel wurde zum Wehrdienst gezwungen – und nahm sich das Leben. In der Graphic Novel „Gegen mein Gewissen“ erzählt sie seine Geschichte

Gegen mein Gewissen

Im Oktober 1973 wurde der 19-jährige Hermann Brinkmann aus Lindern in Niedersachsen zum Wehrdienst einberufen, am 20. Januar 1974 nahm er sich das Leben. Hermann war überzeugter Pazifist, und für seine Familie stand fest, dass er durch den Wehrdienst eine Depression entwickelt hatte. Sein Fall löste eine bundesweite Debatte über die Wehrpflicht und über den Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes aus: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

Hermanns Nichte Hannah Brinkmann hat die Geschichte nun als Graphic Novel aufgearbeitet. In „Gegen mein Gewissen“ erzählt sie von seinen Überzeugungen, den politischen Hintergründen und der oft demütigenden „Gewissensprüfung“ für Kriegsdienstverweigerer. Wie hat Hannah die Geschichte ihres Onkels recherchiert? Und warum ist das, was er damals erlebt hat, bis heute wichtig?

fluter.de: Die Wehrpflicht in Deutschland wurde 2011 ausgesetzt – auch wenn sie nie ganz abgeschafft wurde. Als du 2010 Abitur gemacht hast, gab es sie also noch. Kannst du dich daran erinnern, wie darüber gesprochen wurde?

Hannah Brinkmann: Viele Jungs in meinem Jahrgang haben diskutiert, wie sie es schaffen könnten, ausgemustert zu werden. Sie haben vor der Musterung gekifft und Witze darüber gemacht. Aber meine beiden Brüder haben mir erzählt, dass die Musterung schlimm und demütigend gewesen sei, weil sie sich zum Beispiel nackt ausziehen mussten.

Dein Onkel Hermann musste in den Siebzigerjahren zum Wehrdienst, obwohl er überzeugter Pazifist war. Seine Kriegsdienstverweigerung wurde nicht anerkannt, er nahm sich noch vor Ende der Grundausbildung das Leben. Wann hast du davon erfahren?

Ich wusste relativ früh, dass Hermann sich umgebracht hat, aber ich kannte keine Details. Als ich 14 Jahre alt war, starb meine Oma. In ihrem Nachlass habe ich die Todesanzeige gefunden, die sie und mein Großvater damals in der Zeitung veröffentlicht haben und in der deutlich wurde, dass sie der Bundeswehr die Schuld an Hermanns Tod gegeben haben. Ich habe aber erst viel später angefangen, mit meiner Familie darüber zu sprechen.

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Gegen mein Gewissen
Das „gesetzlich geordnete Umbringen anderer Menschen" wollte Hermann Brinkmann lieber nicht erlernen

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Gegen mein Gewissen
Im Januar 1974, nach dreieinhalb Monaten als Soldat, beging er Suizid

Als du beschlossen hast, daraus eine Graphic Novel zu machen?

Ja. Ich dachte anfangs, dass ich Hermanns persönliche Geschichte erzählen will, die politischen Dimensionen waren mir gar nicht so bewusst. Aber je tiefer die Recherche ging, desto empörter wurde ich, und desto mehr habe ich verstanden, dass Hermann für etwas steht.

Kriegsdienstverweigerer mussten damals eine sogenannte „Gewissensprüfung“ ablegen. Wie lief die ab?

Man wurde vor einen Prüfungsausschuss der Bundeswehr geladen und dort mehrere Stunden lang ausgefragt. Das Fiese war, dass die Beweislast beim Antragsteller lag, er musste also nachweisen, dass er wegen seines Gewissens den Wehrdienst nicht ableisten konnte. Aber wie soll jemand seine Gedanken beweisen? Die Vorsitzenden in den Ausschüssen haben häufig Konfliktfragen gestellt, zum Beispiel: „Männer im Park wollen Ihre Freundin angreifen, was tun Sie?“ Darauf konnte man keine richtige Antwort geben. Wenn man sagte: „Ich würde meine Freundin verteidigen“, hieß es: „Dann können Sie ja auch den Wehrdienst leisten.“ Wenn man sagte: „Ich würde nichts tun“, galt das als unglaubwürdig. 

Der Ausschuss war nur die erste Instanz. Wenn die Verweigerung dort nicht anerkannt wurde, ging der Antrag weiter vor eine Prüfungskammer der Bundeswehr … 

… die durch den Beschluss des Ausschusses voreingenommen war und darum meist abgelehnt hat. Erst die dritte Instanz, die Verwaltungsgerichte, haben die Verweigerer zum großen Teil anerkannt. Aber diese Verfahren wurden oft so weit nach hinten geschoben, dass die Männer vorher den damals 15 Monate langen Grundwehrdienst ableisten mussten. Zivildienst (Anm. d. Red.: Ersatzdienst in Krankenhäusern, Altenheimen oder anderen Sozialeinrichtungen) durfte nur leisten, wer als Verweigerer anerkannt worden war.

Gegen mein Gewissen
Na, jetzt beweisen Sie mal Ihre Friedfertigkeit! Im Kreiswehrersatzamt stellte sich Hermann Brinkmann so mancher Fangfrage: Der Richter war ein ehemaliger Bundeswehroffizier

Wann wurde dieses Verfahren abgeschafft?

Ab 1984 wurde das Prüfverfahren für „ungediente Wehrpflichtige“ durch ein vereinfachtes Anerkennungsverfahren ersetzt. Mündliche Anhörungen gab es nur noch bei begründeten Zweifelsfällen.

Dein Onkel hätte andere Möglichkeiten gehabt, dem Wehrdienst zu entgehen. Er hatte zum Beispiel ein Attest vom Arzt, mit dem er vermutlich ausgemustert worden wäre. Aber er wollte aus Gewissensgründen verweigern, obwohl er damit kaum Erfolgschancen hatte.

Er war auf der einen Seite sehr standhaft, auf der anderen auch ein bisschen stur. Hermann war überzeugter Pazifist, hatte sehr starke Ideale und wollte sie vor dem Prüfungsausschuss beweisen, vielleicht auch vor sich selbst. Er war damit nicht der Einzige: 1972 haben mehr als 33.700 Wehrpflichtige verweigert, 1976 schon gut 40.600. Die Hälfte davon wurde nicht anerkannt. Es gab Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerer, die rieten: Ihr könnt eure Ideale verraten und zum Beispiel aus christlicher Überzeugung verweigern – oder ihr könnt dafür einstehen und dadurch vielleicht etwas verändern.

„Kriegsdienstverweigerung gilt in Deutschland bis heute nicht als Asylgrund – obwohl die UN sie seit 1987 als Menschenrecht anerkennt

Dein Vater sagt in deinem Buch: „Hermann war kein Opfer irgendeines Systems. Hermann war mein Bruder.“ Aber die Todesanzeige war doch ein Zeichen dafür, dass seine Familie die Bundeswehr für seine Depression und damit auch seinen Suizid verantwortlich gemacht hat, oder?

Ja, und das war etwas Besonderes, denn vor allem mein Großvater – den ich nie kennengelernt habe – war eigentlich eher konservativ. Trotzdem waren meine Großeltern nach Hermans Tod absolut überzeugt davon, diese Anzeige zu veröffentlichen und die Schuldigen klar zu benennen. Viele Familienmitglieder sind bis heute stolz darauf, dass meine Großeltern damals an die Öffentlichkeit gegangen sind. Mein Vater hat lange versucht, die Geschichte zu verdrängen, weil Hermanns Tod ein sehr traumatisches Erlebnis für ihn war. Im Laufe meiner Arbeit, in die ich ihn auch involviert habe, hat sich das geändert, und er hat verstanden, dass das Problem damals viele betroffen hat.

Der Wehrdienst in Deutschland ist seit 2011 ausgesetzt. Warum glaubst du, dass Hermanns Geschichte auch für junge Menschen heute noch wichtig ist?

Gerade weil wir die Wehrpflicht nicht mehr haben. Es gibt ja immer wieder die Debatte, dass man sie erneut einführen könnte, und wir sollten uns bewusst sein, welche Opfer dafür gebracht wurden, dass es sie aktuell nicht gibt. Außerdem wird die Gewissensprüfung immer noch angewandt: Soldat*innen, die den Kriegsdienst verweigern und die Armee vorzeitig verlassen wollen, müssen sich nach wie vor auf Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes berufen und haben immer noch relativ geringe Anerkennungsquoten. In vielen anderen Ländern besteht das Problem auch weiterhin, in Israel oder Eritrea zum Beispiel, wo Kriegsdienstverweigerer ins Gefängnis müssen oder politisch verfolgt werden. Kriegsdienstverweigerung gilt in Deutschland bis heute nicht als Asylgrund – obwohl die UN sie 1987 als Menschenrecht anerkannten.

Hannah Brinkmann ist 30, kommt aus Hamburg und hat an der dortigen Hochschule für angewandte Wissenschaften grafische Erzählung studiert. „Gegen mein Gewissen“ ist ihre erste Graphic Novel. (Foto: privat)

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Barbara Tesche-Turck
  ·  
16.02.2021-08:02

Mein Bruder geb. 1956 war auch im Gefängnis gelandet, als er seinen (immerhin erkämpften) Zivildienst nicht zu Ende leisten wollte und nach Spanien verschwand. Er meldete sich später freiwillig zurück und wurde in Heidelberg eingesperrt. Es hat sein Leben so beeinflusst, dass er nirgendwo sich "etablieren" konnte. Mit 46 Jahren hat auch er aufgegeben.
Gut dass dieser Druck auf die Männer (in Israel auch auf Frauen)aufgedeckt wird. Dennoch: Männer haben es heute schwer ihre neue "Rolle", nicht mehr "wehrhaft" zu sein, zu leben.

Constantin Stoltz
  ·  
04.03.2021-10:03

Es ist erschreckend, wie junge Menschen im Getriebe der Bürokratie auch unseres Staates zerstört wurden, dies muss aber nicht zu jeder Zeit eine zwangsläufige Folge der Wehrpflicht gewesen sein.
Ich kenne zwar nicht die Hintergründe, die im Laufe der Zeit zu einer besseren Handhabung der Wehrdienstverweigerung geführt haben, in meiner Generation (Wehrdienst 1995/96) scheint sie aber ganz anders abgelaufen zu sein, ich weiß von keinem Altersgenossen, dessen formgerechte Verweigerung abgelehnt worden wäre. Im Gegenteil - während meiner Grundausbildung bekam ich mit, dass einem zum Dienst an der Waffe nicht geeigneten Kameraden, der eine Verweigerung vorher vielleicht aufgrund intellektueller Überforderung nicht ausgesprochen hatte, die Ausbilder konstruktiv bei der Suche nach dem für ihn richtigen Weg halfen.