Sechs Monate Haft wegen Homosexualität. Dieses Urteil gegen einen Offizier sorgt in Südkorea seit Monaten für Wirbel und Diskussionen über die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen. Besonders bemerkenswert ist das, weil Themen, die sexuelle Minderheiten betreffen, zwar in Filmen und Popkultur aufgegriffen, sonst aber oft in den Hintergrund gedrängt werden. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts PEW sagten 57 Prozent der befragten Südkoreanerinnen und Südkoreaner, dass sie Homosexualität „moralisch inakzeptabel“ finden.

Jetzt aber melden sich in Talkshows Eltern zu Wort, die Angst haben, dass ihre wehrpflichtigen schwulen Söhne ins Gefängnis müssen; Jugendliche reden in Youtube-Videos über ihr Coming-out, und die jährliche Pride-Parade in der Hauptstadt Seoul verzeichnete einen Besucherrekord: 85.000 Menschen kamen diesen Sommer zu dem Umzug und protestierten gegen die Inhaftierung des unbekannten Soldaten, den das ganze Land nur unter dem Pseudonym Lieutenant A. kennt. Der Wut der Aktivisten wurde in den Nachrichten sogar mehr Zeit eingeräumt als den Hassparolen, mit denen einige in Südkorea sehr präsente christliche Sekten – wie schon im vergangenen Jahr – den Umzug stören wollten.

Homosexualität ist in Südkorea nicht grundsätzlich verboten...

Zwar ist Homosexualität in Südkorea nicht verboten. Angehörige der Streitkräfte unterstehen aber der gesonderten Rechtsprechung des Militärs. Das verfügt über eine eigene Gerichtsbarkeit und über einen eigenen Gesetzestext. Darin findet sich der Paragraf 92-6. Ursprünglich stand darin, dass es Soldaten verboten ist, mit einer anderen Person „Unzucht zu treiben“. Diese sehr schwammige Formulierung wurde mehrfach überarbeitet. Seit 2013 heißt es nun konkret: „Eine Person, die Analverkehr mit einer anderen Person ausübt [...], wird mit Haft oder Arbeitslager von nicht mehr als zwei Jahren bestraft.“ Im Prinzip kann das Gesetz auch gegen Heterosexuelle angewendet werden; in der Realität werden einvernehmliche heterosexuelle Sexualkontakte aber nicht verfolgt. 

Und weltweit?

In 27 der 28 Mitgliedsländer der Europäischen Union – einzige Ausnahme ist die Republik Zypern – können Homosexuelle uneingeschränkt für das Militär arbeiten. Ebenso in Kanada, Israel, Australien, Neuseeland, Südafrika und einigen anderen Ländern. In manchen Staaten – etwa in Mexiko oder der Türkei – ist Homosexualität an sich nicht illegal, darf im Militär aber nicht offen gezeigt werden. In mehr als 70 Ländern jedoch – zum Beispiel in weiten Teilen Asiens und Afrikas – ist Homosexualität strafbar und an einen Militärdienst somit nicht zu denken.

Da in Südkorea für Männer zwischen 18 und 35 die Wehrpflicht gilt – offiziell befindet sich das Land nach wie vor im Krieg mit dem Norden –, betrifft der „Unzuchts-Paragraf“ aber alle jungen schwulen Männer. Zwei Jahre lang verheimlichen, dass man auf Jungs steht? In einer Lebensphase, in der man seine Sexualität normalerweise gerade erst so richtig entdeckt? Davon abgesehen, dass eine solche Diskriminierung gegen Menschenrechte verstößt: Das kann nicht gut gehen. 

...doch der „Unzuchts-Paragraf“ stellt Analsex im Militär unter Strafe 

Mino* geht nicht auf Partys, auf denen man ihn als schwul identifizieren könnte. Der schlaksige 26-Jährige beschränkt sich lieber auf das Wischen in seinen Dating-Apps oder spaziert einsam durch die Nächte Seouls, immer am Han-Fluss entlang. Seine Lieblingsstelle befindet sich am Ende einer Brücke, die über eine zehnspurige Autobahn führt und hoch über dem Wasser einfach aufhört. Von hier aus besteht die fast 30 Millionen Einwohner zählende Metropolregion aus nichts anderem als Milliarden kleiner Lichter, die im dunklen Fluss flirren. 

 

„Einen Freund hatte ich immer nur, wenn ich im Ausland gelebt habe“, sagt Mino. Seine Mutter wundere sich wahrscheinlich schon, warum er noch nie eine Freundin mit nach Hause gebracht habe, „aber sie würde niemals fragen, ob ich auf Jungs stehe. Das ist in Südkorea einfach undenkbar.“

Gay Pride Korea  (Foto: Ryu Seung il/Polaris/laif)
Während sich die einen vor Kontaminierung schützen, feiern die anderen die Liebe. 85.000 Menschen sind diesen Sommer zur Gay-Pride in Seoul gekommen (Foto: Ryu Seung il/Polaris/laif)
 

Während der Schulzeit hat Mino in einem Auffanglager für Flüchtlinge aus Nordkorea gearbeitet. Er hat ihnen erklärt, wie Handys funktionieren oder man die U-Bahn nutzt. Zu sehen, wie aus geprügelten und verschüchterten Untertanen lebensfrohe Menschen wurden, habe ihn begeistert, sagt Mino. Allerdings konnte er irgendwann nicht mehr ertragen, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Nordkoreaner Schwulen den Tod gewünscht hätten. Und als ihm immer mehr bewusst wurde, dass Homosexualität auch im südlichen Teil der Halbinsel ein Tabu ist, beschloss er, in die USA zu gehen und dort ein Studium anzufangen. 

Jahrelang wurde das Gesetz kaum angewendet 

Wie ist die Situation in Deutschland? 

Sexuelle Handlungen zwischen Männern waren in der BRD unter dem § 175 bis 1969 und in der DDR bis 1968 strafbar, ab 1957 wurden sie in der DDR aber kaum noch geahndet. Zwischen 1968 und 1988 galt dort allerdings eine Sonderregelung, die einvernehmliche homosexuelle Handlungen an Jugendlichen unter Strafe stellte. In der Nationalen Volksarmee wurden Homosexuelle in der Regel entlassen, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wurde, die Bundeswehr musterte sie bis 1984 aus. Für Schlagzeilen sorgte der Fall des Vier-Sterne-Generals Günter Kießling, der allein wegen kursierender Gerüchte um seine angebliche Homosexualität 1983 unfreiwillig in den Ruhestand versetzt wurde. Bis zum Jahr 2000 durften Homosexuelle nicht Berufssoldaten werden und konnten auch keine höheren Ränge erlangen. Noch bis vor wenigen Jahren, so kritisierte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Dezember 2016, seien Schwule und Lesben in der Truppe diskriminiert worden. Mittlerweile gibt es in der deutschen Bundeswehr Gleichstellungsbeauftragte, seit 2002 berät außerdem der Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr (AHsAB) LGBT-Soldaten.

Wenn Mino heute von gemeinsamen Kochabenden mit seinem ersten festen Freund erzählt, legt er den Kopf in den Nacken und schaut in den Nachthimmel. Es war eine glückliche Zeit. Jetzt aber ist er zurück in Südkorea. Und Ende des Sommers beginnt sein Wehrdienst. „Viel länger wollte ich das nicht mehr hinauszögern“, sagt Mino. 

In den vergangenen zehn Jahren wurde der „Unzuchts-Paragraf“ nicht angewendet, sagt Hyelin Bang – bis zu dem Fall von Lieutenant A. Hyelin Bang ist die stellvertretende Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Military Human Rights Center of Korea, kurz MHRCK. Ihre Organisation weiß von 14 Fällen aus der Zeit vor der Verurteilung des Lieutenant A. Meist sei da eine Gewalttat Auslöser für einen Prozess gewesen. Aber selbst in diesen Fällen wäre das Gesetz problematisch, weil es nicht zwischen einvernehmlichem und durch Gewalt forciertem Analverkehr unterscheidet. Heißt: Im Falle einer Vergewaltigung werden sowohl der Täter als auch das Opfer bestraft.

Jetzt kommt es vermehrt zu Prozessen

Was viele Homosexuelle in Südkorea besonders verunsichert und wütend macht, ist, dass Lieutenant A. offenbar nicht in flagranti erwischt wurde. Er hatte seine Homosexualität immer versteckt. Den Ermittlern soll sein Name zufällig untergekommen sein, als vor einigen Monaten zwei Soldaten verhört wurden, die ein privates Pornovideo ins Internet gestellt hatten. Das Verteidigungsministerium nutzte diesen Vorfall, um eine „schwule Schwarzliste“ zu erstellen, so das MHRCK. Um sich vor einer Bestrafung zu retten, sollen die beiden festgenommenen Soldaten den Ermittlern Zugang zu den Kontaktdatenbanken ihrer Smartphones gewährt haben. „Im März haben wir durch einen Bekannten von Lieutenant A. erfahren, dass einige Soldaten überprüft werden, weil sie schwul sind und mit anderen Armeeangehörigen sexuellen Kontakt haben“, sagt Bang.

Dabei schreckt das Militär offenbar nicht vor der Vorgaukelung falscher Tatsachen und dem Eindringen in die tiefste Privatsphäre zurück, behauptet die Nichtregierungsorganisation MHRCK. „Eines der Überwachungsopfer wurde über eine schwule Dating-App kontaktiert.“ Als der Mann – ein einfacher Mannschaftssoldat – auf die falschen Avancen einging, sei sein Smartphone gehackt worden. „So haben sie Telefonnummern und Bilder gesammelt“, sagt Bang. „Dieses Vorgehen ist eindeutig illegal.“ Als Lieutenant A. ins Visier der Ermittler geriet, wurde sein Laptop durchstöbert. Er wurde verhört, bis er seine sexuelle Orientierung preisgab. Es kam zur Anklage.

Was passiert gerade im US-amerikanischen Militär?

Erst während der Präsidentschaft von Barack Obama wurde die „Don’t Ask, Don’t Tell“-Regelung abgeschafft: Homosexualität wurde bis dahin „toleriert“, solange sie geheim gehalten wurde. Kam doch einmal heraus, dass ein Soldat oder eine Soldatin schwul oder lesbisch war, wurde er oder sie entlassen. Mittlerweile steht das Militär sowohl sexueller Orientierung als auch sexuellen Identitäten abseits „der Norm“ offen gegenüber. Das könnte sich aber demnächst ändern: US-Präsident Donald Trump forderte im Juli ein Wiedereinsetzen des Transgender-Verbots; es soll am 23. März 2018 in Kraft treten. Ende August beschloss der US-Verteidigungsminister James Mattis nun aber, dass Transmenschen, die bereits für die Streitkräfte arbeiten, bis auf weiteres im Dienst bleiben dürfen. Eine Expertenkommission soll prüfen, „was das Beste für die Schlagkraft des Militärs ist“, und Trump sollen darauf basierend Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden.

Viele junge Männer sind verunsichert

„Ich bin mir sicher, dass ich mich besser schützen könnte als Lieutenant A.“, ist Mino überzeugt. „Aber es ist schon bedrohlich, dass das Verteidigungsministerium scheinbar gegen mich vorgehen kann. Insbesondere, wenn sie dafür illegale Mittel einsetzen dürfen.“ Wenn Mino über seinen bevorstehenden Wehrdienst spricht, wechselt er ständig seinen Standpunkt. Als Mannschaftssoldat werde ihm schon nichts passieren! Schließlich kleine Fische! Oder? Na klar! Hm, aber was, wenn doch? Schließlich hört er ganz auf, über das Thema zu reden. Nervös zupft er an seiner Brille, der Fluss wird vom Rauschen der Schnellstraße übertönt.

„Was mir wirklich Unbehagen bereitet, ist, dass es hier überhaupt keine älteren Schwulen gibt. Bei Grindr sind die Leute höchstens 37, vielleicht 41. Das war’s. Die hören dann einfach auf zu existieren“, sagt Mino. Er höre oft von Schwulen, die eine Scheinehe eingehen, sagt Mino. Noch öfter aber von welchen, die sich das Leben genommen haben. „Ich hoffe, dass ich nach dem Militär wieder in die USA gehen kann.“

Die Einführung der Ehe für alle in Deutschland macht Hoffnung

Wie viele schwule Offiziere derzeit in Südkorea auf ihren Prozess warten, ist nicht ganz klar. Das MHRCK geht von mindestens 40 aus. Die Menschenrechtsanwältin und Universitätsdozentin Minhee Ryu kämpft unter anderem für die Ehe für alle in Südkorea. Sie hofft, dass die Regierung des neu gewählten Präsidenten Moon Jae-in den obersten Befehlshaber der Streitkräfte bald durch einen liberaleren General ersetzt und es dann gar nicht erst zu weiteren Prozessen kommt. Sicher ist das jedoch nicht, sagte der frühere Menschenrechtsanwalt und jetzige Präsident doch in einer TV-Debatte über Homosexualität: „I don’t like it.“

Optimistisch stimmt Minhee Ryu, dass in Deutschland vor kurzem die Ehe für alle beschlossen wurde: „Unsere Rechtsprechung ist von der deutschen und französischen geprägt“, erklärt sie. „Außerdem genießt Deutschland in Südkorea hohes Ansehen. Wenn dort Gesetze eingeführt werden, sprechen Juristen auch hier darüber“, sagt sie.

*Name geändert

Titelbild: Jörg Brüggemann / OSTKREUZ