Thema – Klimawandel

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Taifune, Starkregen, Erdrutsche: In Vietnam sieht man die Folgen globaler Erwärmung schon heute deutlich – und auch, wer am härtesten davon betroffen ist

  • 8 Min.
Foto: HOANG DINH NAM/AFP/Getty Images

Den Tag, als der Sturm ihr Zuhause zerstörte, wird Huynh Thi Lanh nicht vergessen. Mit 135 Kilometern pro Stunde peitschte der Taifun Damrey am 4. November 2017 über das Südchinesische Meer. Gegen zwei Uhr erreichte er die Ostküste von Vietnam – an dem Huynhs Haus stand, nur wenige Meter vom Strand entfernt. „Ich bin nur gerannt“, sagt die 52-Jährige. Mehrere Stunden verharrten sie und ihr Mann Ong Le Van-Tuan in einem Haus im Landesinneren. „Wir hörten, wie der Taifun Teile von Häusern durch die Luft wirbelte“, sagt sie. Um ihr Leben zu retten, ließen sie all ihr Hab und Gut zurück. „Als wir zurückkamen, hatten wir noch nicht mal mehr Kleidung.“ 

Laut dem Globalen Klima-Risiko-Index der NGO Germanwatch war Vietnam 2017 weltweit am sechststärksten von Wetterex­tremen betroffen. Auf die letzten 20 Jahre bezogen liegt Vietnam auf Platz neun. Aufgrund von Erdrutschen und Taifunen starben im Jahr 2017 298 Menschen, Schäden in Höhe von 3,5 Milliarden Euro entstanden. Besonders die arme Bevölkerung auf dem Land leidet unter den Folgen des Klimawandels.

Die Regierung in Hanoi hat viele Pläne für Katastrophenfälle entwickelt. Nur kommt davon in den Dörfern wenig an

Huynh Thi Lanh und Ong Le Van-Tuan schauen erschöpft aus ihrem Bretterverschlag. Ein blaues Tuch schützt sie vor der Sonne. Vor der Hütte steht ein Reiskocher auf einem Metalltisch, daneben ein Ventilator, der etwas kühle Luft in die Unterkunft wirbelt. Huynh und Ong haben ihr Leben auf knapp vier Quadratmetern eingerichtet. Hier kochen, essen und schlafen sie. Das dünne Wellblech und die Holzbretter schützen kaum vor Regen. Für den nächsten Taifun sind sie nicht gewappnet.

Die beiden hofften auf Geld der Regierung, um ihr Haus wieder aufzubauen. „Die Regierung hat uns ein paar Kilogramm Reis zum Essen gegeben“, sagt Ong. Die Regierung in Hanoi hat viele Pläne für den Fall von Klimakatastrophen entwickelt. Doch im über tausend Kilometer entfernten Dorf Van Ninh kommt davon wenig an. Ein hoher Ministeriumsmitarbeiter begründet das mit der schlechten Kooperation der Verantwortlichen vor Ort.

Die Region im südlichen Teil der vietnamesischen Ostküste ist Stürme gewohnt. Doch der Taifun Damrey hatte eine außergewöhnliche Stärke und Zerstörungskraft. Laut einem Bericht der Provinz Khanh Hoa sind landesweit 107 Menschen beim Taifun gestorben. Huynh Thi Lanh und viele andere Dorfbewohner sprechen von über 140 Toten.

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Vietnamesin auf einem Markt im Mekongdelta

Im Mekongdelta könnte der Meeresspiegel bis zu 75 Zentimeter ansteigen. Eine Folge der Extremwetter sieht Thanh Ha heute schon: Ihre Mangostane gedeihen schlecht, sie muss mittlerweile den doppelten Preis nehmen (Foto: Franziska Broich)

„Am Tag danach haben wir nicht nur die Überreste unserer Häuser gefunden, sondern auch die leblosen Körper der Fischer“, erzählt eine Dorfbewohnerin. Viele der Toten hätten zu den Minderheiten der E-de und der Ra-glai gehört. „Die Mitglieder dieser Minderheiten sind in unser Dorf gekommen, um etwas Geld zu verdienen“, sagt sie. „Oft haben sie sich um die Fischfarmen im Meer gekümmert.“ Diese Arbeit sei bei den Dorfbewohnern nicht beliebt, da man oft tagelang auf dem offenen Meer auf den Fischfarmen verbringe. Fast ein Sechstel der vietnamesischen Bevölkerung gehört einer der 53 ethnischen Minderheiten an, die oft extrem arm sind. 

Der Generaldirektor des Vietnam Instituts für Klimawandel (IMHEN), Nguyen Van Thang, geht davon aus, dass die Anzahl und die Intensität der Taifune in Vietnam in den kommenden Jahren weiter zunehmen werden. Ihm zufolge könnte die Temperatur in Teilen Vietnams durchschnittlich bis zu vier Grad Celsius bis zum Ende des 21. Jahrhunderts ansteigen.

Zudem werde der Niederschlag in Vietnam durch den Klimawandel um 20 Prozent zunehmen. Im schlimmsten Fall werde der Meeresspiegel im Mekongdelta bis zu 75 Zentimeter ansteigen, so Nguyen.

Dort, im Süden Vietnams, ist das Wasser für die Menschen Fluch und Segen zugleich. Die Arme des Mekongs machen die Region zu einer der fruchtbarsten der Welt und tragen dazu bei, dass Vietnam der weltweit fünftgrößte Reisexporteur ist. Gleichzeitig gehört das Mekongdelta, das etwas größer als Baden-Württemberg ist, zu den drei Deltas, die weltweit am stärksten vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind.

Von den 17,5 Mio. Bewohnern im Mekongdelta arbeiten etwa 70 Prozent in der Landwirtschaft oder Fischerei. Der Klimawandel bedroht sie in ihrer Existenz

In der Marktstraße von Can Tho, der größten Stadt des Mündungsgebiets, arbeitet die 50-jährige Thanh Ha. Sie verkauft Mangostane, eine purpurfarbene Frucht, groß wie eine Mandarine, deren weißes Fruchtfleisch ein bisschen nach Litschi schmeckt. Auf einmal packt sie eilig ihre Ware in die Bambuskörbe und läuft unter das Dach der Markthalle einige Meter entfernt. Nur Minuten später beginnt es zu regnen. Die Tropfen werden immer größer, starker Wind kommt auf. Es dauert nicht lange, bis das Wasser etwa fünf bis zehn Zentimeter hoch auf der Straße steht. Das Kanalsystem ist durch den herbeigespülten Müll verstopft.

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Gender und Klima – Wäscheleine in Vietnam

Am härtesten trifft der Klimawandel die, die ohnehin arm sind. Und unter ihnen wiederum die ohnehin Unterprivilegierten, etwa Frauen oder ethnische Minderheiten (Foto: Franziska Broich)

„Der Regen wird immer heftiger“, sagt Thanh. Zwar seien die Menschen im Mekongdelta Starkregen gewöhnt, aber in den vergangenen Jahren sei das Wetter extremer geworden. Ihre Mangostane verkauft sie für zwei Euro pro Kilo, fast doppelt so teuer wie sonst. Grund sei der Klimawandel, sagt sie: In diesem Jahr sei es viel wärmer. „Das ist nicht gut für die Frucht, und deshalb gibt es weniger davon.“

Die Wetteränderungen bedrohen viele in ihrer Existenzgrundlage: Von den 17,5 Millionen Bewohnern im Mekongdelta arbeiten etwa 70 Prozent in der Landwirtschaft oder Fischerei. Während es in der Trockenzeit weniger Niederschlag als bisher gibt, fällt in der Regenzeit in kürzerer Zeit noch mehr Regen als früher. Durch die lange Trockenzeit steigt der Salzgehalt in den Flussarmen des Mekongs und im Grundwasser an und zerstört die Reisernten. Ende 2016 verlor bereits ein Großteil der Bauern im Mekongdelta seine Reisernte durch eine Dürre. Immer mehr Landwirte funktionieren ihre Reisfelder deswegen in Fischfarmen um.

Für Thanh Ha ist der Mangostaneverkauf das einzige Einkommen. Da die Frucht teurer ist, kaufen sie auch weniger Menschen. „Deshalb habe ich dieses Jahr nur die Hälfte von dem verdient, was ich normalerweise einnehme“, sagt sie. Dabei hat Thanh noch Glück, denn ihre beiden Söhne haben eine Arbeit in der Stadt und können sie unterstützen. Die vietnamesischen Städte boomen, so wie die gesamte Wirtschaft boomt. Laut Weltbank hat Vietnam in den vergangenen 30 Jahren weltweit mit den größten Wachstumserfolg erzielt. Dennoch leben fast 10 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Besonders Frauen leiden unter dem Klimawandel. Sie machen nach Überflutungen sauber und kommen dabei mit verschmutztem Wasser in Berührung

Besonders Frauen leiden unter dem Klimawandel, so lautet die These von Ly Quoc Dang. Der 34-Jährige stammt aus dem Mekongdelta, ist heute Doktorand in Thailand und für einige Monate Feldforschung zurückgekehrt. Oft geht er morgens um sechs Uhr in ein Café am Hafen von Can Tho, dort treffen sich viele Frauen nach ihrer ersten Schicht auf dem schwimmenden Markt, trinken einen typisch vietnamesischen Kaffee mit süßer Kondensmilch und tauschen sich aus. Die 64-jährige Ly Thi Xuan Yen ist Hochwasser gewohnt. „Ich brauche nur eine halbe Stunde, um alle unsere Gegenstände und Möbel im Erdgeschoss vor der Flut in Sicherheit zu bringen“, sagt sie und lacht. In der Regenzeit müsse sie das etwa sechsmal im Monat machen.


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Frau von der ethnischen Minderheit der Cil

Lass das mal sacken: Durch Erdrutsche hat Liong Hol-K Mang 2018 ihre gesamte Ernte verloren (Foto: Franziska Broich)

„Es sind oft die Frauen, die mit dem Wasser kämpfen“, sagt Ly Quoc Dang. „Sie haben mir erzählt, dass nach einer Überflutung meistens sie das Haus sauber machen müssen“, sagt er. So kämen die Frauen eher mit dem Wasser in Berührung, das durch den Müll oft verschmutzt sei. Zudem bildeten sich nach Überflutungen oft stehende Gewässer, die das Risiko erhöhten, an Denguefieber zu erkranken. „Am allerhärtesten trifft der Klimawandel aber Frauen, die zu einer Minderheit gehören“, sagt Ly Quoc. Das gelte nicht nur für das Mekongdelta, sondern auch für andere Regionen.

Die 35-jährige Liong Hol-K Mang gehört zur Minderheit der Cil. Mit ihrer sechsköpfigen Familie wohnt sie im zentralen Bergland von Vietnam, ihr Dorf Dung K’No liegt inmitten eines Nationalparks. Grüne Wälder reihen sich an Kaffeeplantagen und reißende Flüsse. Der viele Regen hat an einigen Stellen die rote Erde auf die Straße gespült.

Es ist kalt, regnet, und Nebel verdeckt die Sicht zum Nachbarhügel. Etwa 20 Dorfbewohner drängen sich unter das Dach an der zentralen Kreuzung. Ein Lkw mit Hunderten kleinen Kaffeepflanzen ist gerade angekommen. „Die Regierung hat ihn geschickt“, sagt einer der Männer. Viele Bewohner haben im vergangenen Jahr ihre gesamte Ernte durch Erdrutsche verloren. 

Erklären können sich die Dorfbewohner den vielen Regen nicht, das Wort „Klimawandel“ haben sie noch nie gehört

Durch den vielen Regen kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Erdrutschen in Vietnam. Mehrere Menschen starben in den Schlammlawinen. Eine Erklärung für den vielen Regen haben die meisten Bewohner nicht. Das Wort Klimawandel haben sie noch nie gehört.

Für Liong Hol-K bedeutete der Erdrutsch den finanziellen Ruin. „1.000 Quadratmeter meiner Kaffeeplantage sind abgerutscht“, sagt sie traurig. Die Kaffeeplantage war das Fami­lieneinkommen. „Die Regierung hat mich mit 800.000 vietnamesischen Dong für die Kaffeebäume entschädigt“, sagt sie. Das sind etwa 30 Euro. Doch es fehle an allen Ecken. „Wir können uns noch nicht mal Medikamente leisten, wenn die Kinder krank sind“, sagt sie. Und das sei immer öfter der Fall, seitdem es so viel regne.

Auf dem Nachbarhügel sei im vergangenen Jahr auch ein Haus abgerutscht, erzählt Liong Hol-K. „Ich habe Angst, dass auch unser Haus eines Tages abrutschen könnte“, sagt sie leise. Nur ein Schritt trennt ihre Hauswand vom Abhang.

Seit 2012 ist „Gender und Klima“ fester Tagesordnungspunkt der Weltklimakonferenzen. Denn der Klimawandel ist nicht geschlechtsneutral: Einerseits verursachen Frauen weniger CO2 als Männer, etwa weil sie seltener Fleisch essen oder mit dem eigenen Auto unterwegs sind. Zum anderen leiden sie stärker unter Naturkata­­s­trophen. Da Frauen noch immer hauptsächlich für die Betreuung von Familienangehörigen zuständig sind, halten sie sich häufiger zu Hause auf und sind weniger mobil. Auch leiden sie stärker unter Hitzewellen oder lernen, global gesehen, seltener schwimmen. So waren beim Zyklon Sidr im Jahr 2007 in Bangladesch 80 Prozent der Opfer Frauen oder Mädchen.

Titelbild: HOANG DINH NAM/AFP/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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