Sie wirken wie eine Mahnung, die verkohlten Autowracks, die vor dem ebenfalls ausgebrannten Parlamentsgebäude im Herzen der Millionenstadt Ouagadougou im Staub stehen. Wie eine Mahnung an die Politiker, sich nie wieder gegen den Willen des Volkes zu stellen. Anderthalb Jahre ist es her, dass die Menschen in Burkina Faso zu Tausenden auf die Straße gingen, um den Präsidenten Blaise Compaoré zu verjagen – erst aus dem Amt und dann aus dem Land. Er hatte sich nach 27 Jahren an der Macht eine weitere Amtszeit erlauben wollen. Der hartnäckige Protest machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Es wurde eine Übergangsregierung eingesetzt, ein Putsch von Compaoré-Getreuen scheiterte. Im November 2015 wählten die Menschen dann das erste Mal seit 55 Jahren weitgehend fair und frei ein neues Staatsoberhaupt.

Burkina Fasos kleine Revolution hat große Wellen geschlagen. Das Land mit seinen 18 Millionen Einwohnern spielt auf der politischen Bühne Afrikas zwar keine große Rolle, aber der demokratische Wandel kommt zu einer Zeit, in der in Afrika wieder viele Staatsmänner versuchen, ihre Macht über die erlaubte Amtszeit hinaus auszudehnen – und damit durchkommen. In Burundi etwa werden Proteste blutig niedergeschlagen. In Burkina Faso hielt sich die Armee zurück. Zwar kamen auch dort einige Dutzend Menschen um – doch ist das ein im Vergleich zu anderen Ländern geringer Blutzoll.

„Le Balai Citoyen“ heißt so viel wie „Bürgerbesen“: ein Besen, der die Korruption wegfegen soll

Der Rapper Serge Bambara, der sich „Smockey“ nennt, würde aus dem alten Parlamentsgebäude in Ouagadougou jetzt gern eine Gedenkstätte machen – am besten mit Verbindung zum neuen Parlament, damit die Abgeordneten auf dem Weg zu ihren Büros den verwüsteten Sitzungssaal durchqueren müssen. „Sie sollen immer in Kontakt bleiben mit diesem schmerzhaften Kapitel unserer Geschichte“, wünscht sich der 44-jährige Mitbegründer der Bürgerbewegung „Le Balai Citoyen“, die den Protest gegen die politische Elite anführte. Der Name heißt so viel wie „Bürgerbesen“ und steht sinnbildlich dafür, die Korruption wegfegen zu wollen. Smockey ließ sich davon selbst dann nicht abbringen, als sein Aufnahmestudio von einer Panzerfaust zerstört wurde.

Eine engagierte Zivilgesellschaft hat trotz jahrzehntelanger Autokratie Tradition in Burkina Faso. Dem Westafrika-Experten Alexander Stroh zufolge gab es in der Geschichte des Landes immer wieder kämpferische Bündnisse, die sich für die Rechte der Burkinabé eingesetzt haben. Ein Beispiel ist die „Burkinische Bewegung für Menschenrechte“ (MBDHP), einer – so Stroh – „gut organisierten Großorganisation“.

Aber warum haben die engagierten Bürger Compaoré erst jetzt zu Fall gebracht? Stroh vermutet, dass das coole, hippe Image von Balai-Citoyen-Initiatoren wie Smockey zum Erfolg der Bewegung beigetragen hat – ebenso wie die „Protestfreudigkeit“ der extrem jungen Bevölkerung des Landes: So brachten manche zu den Demonstrationen neben ausgelassener Stimmung auch gleich noch ein paar Besen mit, die sie trotzig in den Himmel streckten. Somit sei der Balai „gar nicht unähnlich zu jüngeren, eher spontanen Protestformen in Europa“, sagt Stroh. Wichtig sei jedoch gewesen, dass sich Smockey & Co. nie gegen die traditionelle Zivilgesellschaft gestellt hätten, sondern eher versucht habe, diese „zu ergänzen“.

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Proteste in Burkina Faso  (Foto: Goran Basic/Keystone Schweiz/laif)
Gerade kein Besen in Sicht: eine Demonstration im Januar 2014 gegen den damaligen Präsidenten Compaoré in Ouagadougou. Zu den Protesten gegen den autokratischen Herrscher brachten viele Demonstranten als Symbol einen Besen mit (Foto: Goran Basic/Keystone Schweiz/laif)

Die Vehemenz des zivilgesellschaftlichen Engagements in Burkina Faso ist umso bemerkenswerter, da der Binnenstaat sogar im afrikanischen Vergleich als unterentwickelt gilt: Etwa jeder dritte Bewohner kann weder lesen noch schreiben, und jedes dritte Kind beendet nicht einmal die Grundschule. Vor allem Frauen haben wenig Zugang zu Bildung, und ein Fünftel der Bevölkerung gilt als unterernährt. Doch trotz der Nöte prägt eine „große ethnische und religiöse Toleranz“ das Land, wie es beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung heißt. Das schlägt sich sogar im Namen nieder: Burkina Faso heißt so viel wie „Land der Aufrichtigen“. Der Sozialist Thomas Sankara hatte die ehemalige französische Kolonie so getauft, nachdem er sich an die Macht geputscht hatte. 1987 wurde er umgebracht – heute wird er von vielen Menschen in Burkina Faso als „Che Guevara Afrikas“ verehrt. „Wehe denen, die das Volk knebeln wollen!“, hat Sankara einmal gesagt – eine fast prophetische Einschätzung. 

Trotz allem wäre es verfrüht, Burkina Faso als Musterbeispiel für die Demokratisierung in Afrika auszumachen. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ stuft die Pressefreiheit in Burkina Faso heute zwar als „zufriedenstellend“ ein – und somit besser als in den meisten afrikanischen Ländern. Sogar das Staatsfernsehen kann hier kritisch über die Regierung berichten. Doch Korruption und Willkür sind weiterhin verbreitet. Deshalb machen die Bürgerbesen weiter, etwa mit Aktionen zur politischen Bildung. „We must remain vigilant“, mahnt der Rapper Art Melody mit Blick auf die bekannten Gesichter in der neuen Regierung unter Roch Kaboré: „Wir müssen wachsam bleiben.“

Dies ist ein Text aus dem fluter-Heft „Afrika“, der dort in einer gekürzten Fassung abgedruckt wurde. 

Titelbild: ISSOUF SANOGO/AFP/Getty Images