Das Heft – Nr. 79

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Das Wagnis meines Lebens, Teil 1

Als er sah, wie eine Frau auf die Gleise gezerrt werden sollte, ging Mazen dazwischen

 Illustration: Studio Pong

Ich wartete gerade auf die Bahn, als ich plötzlich Schreie hörte. Sie kamen von einem jungen Mann, der versuchte, eine ältere Frau auf die Gleise zu ziehen. „Wegen dir ist mein Vater abgehauen. Ich bringe dich und mich um“, schrie er. In der Ferne konnte man schon die Bahn sehen.

Beim Anblick der weinenden Frau musste ich an meine eigene Mutter denken. Ich werde nie ihre Tränen vergessen, als ich am 26. Juli 2015 Abschied von ihr nehmen musste. Sie, mein Vater und meine drei Schwestern sind immer noch in Syrien, während ich schon seit Jahren in Deutschland lebe.

Ich lief auf den Mann zu, packte ihn am Arm und versuchte, ihn zu beruhigen. Doch als er auch mich anschrie, wurde ich lauter. „So darfst du nicht mit deiner Mutter reden!“, sagte ich in bestimmtem Ton. Dann beruhigte er sich. Einen kurzen Moment später umarmte er weinend seine Mutter. Ich stieg dann in die Bahn, weil ich spürte, dass niemand mehr in Gefahr war.

„Kameras am Bahnsteig hatten die Szene aufgenommen, und man sah, dass alle anderen Reisenden wegschauten“

Wie sich herausstellte, war der junge Mann 20 Jahre alt und psychisch krank. Mehrmals musste ich zur Polizei und aussagen, sogar vor Gericht. Kameras am Bahnsteig hatten die Szene aufgenommen, und man sah, dass alle anderen Reisenden wegschauten, als der Mann seine Mutter auf die Gleise zerren wollte. Als der Richter sich bei mir bedankte und mich fragte, warum ich das gemacht habe, bekam ich einen ganz roten Kopf. Ich habe ja nur das getan, was mir beigebracht wurde. In Syrien habe ich gelernt, dass Kinder respektvoll mit ihren Eltern umgehen.

Am 17. September 2020 erhielt ich von der Stadt Ludwigsburg den Zivilcourage-Preis. Gleichzeitig wurde ich gefragt, ob ich mir denn etwas wünschen würde. Ich wollte eigentlich gar nichts. Mir war es ja nur darum gegangen, etwas Schlimmes zu verhindern. Aber sie wollten mir unbedingt etwas geben, also erzählte ich, dass ich gern
in einem Tonstudio etwas aufnehmen würde. Ich mache nämlich professionell Musik – das habe ich an einem Konservatorium in Suweida studiert, meiner Geburtsstadt im Süden Syriens. Ich nahm ein Gedicht von Friedrich Schiller auf, „Das Mädchen aus der Fremde“. Ich habe es mit arabischer Musik unterlegt, singe aber auf Deutsch. Musik verbindet. Das weiß ich heute noch mal mehr als früher.

Zivilcourage beweisen, seine Träume verfolgen oder Ängste bezwingen – ein bisschen Risiko kann sich lohnen. In unserer Reihe berichteten neben Mazen zwei weitere Menschen vom Wagnis ihres Lebens.

Illustration: Studio Pong

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Laura Stein
  ·  
04.07.2021-12:07

Sehr schöner Beitrag, man darf in solchen Situationen nicht wegschauen, allerdings gab es laut meinem Wissen vor dem Krieg kein MusikKonservatorium in Suweida, wäre interessant zu erfahren welches Konservatorium der Autor meint?