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Das Wagnis meines Lebens, Teil 2

Freund, Job, Kinderwunsch. Hatte Monja Rönneburg alles, fand es aber gar nicht so gut. Und dann?

 Illustration: Studio Pong

Schon mit Anfang zwanzig habe ich für mein Empfinden ein ziemlich erwachsenes Leben geführt. Ich hatte einen Vollzeitjob als ausgebildete Zahntechnikerin und einen Freund, mit dem ich in einem ruhigen Viertel von Lübeck wohnte, wo es viele junge Familien gab. Für ihn war das perfekt. Er wollte bald heiraten und Kinder haben. Ich hatte eher einen anderen Traum: eine eigene Konditorei. Schon während meiner Ausbildung zur Zahntechnikerin habe ich gemerkt, dass ich viel mehr Lust auf Torten als auf Zahnspangen hatte. Zum Ausgleich habe ich jedes Wochenende gebacken. Einmal habe ich auch einen Praktikumstag in einer Konditorei absolviert, der aber fast ausschließlich darin bestand, stundenlang Äpfel zu schälen und Zitronenschalen abzureiben.

Eines Abends sah ich im Fernsehen einen Beitrag über eine Frau, die erst als Stewardess gearbeitet und später eine Konditorei in London gegründet hat. Das hat mich schwer beeindruckt und mir den Anstoß gegeben, selbst auch noch mal neu anzufangen. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, habe ich mir gesagt. Lieber schäle ich drei Jahre Äpfel, als mich ein Leben lang zu ärgern, meinen Traum nicht gelebt zu haben.

Ich kündigte also meine gut bezahlte unbefristete Stelle im Dentallabor und fand schließlich einen Ausbildungsplatz bei einem großen Marzipanproduzenten. Fast zeitgleich heirateten mein Freund und ich, obwohl wir schon seit Längerem ziemlich verschiedene Vorstellungen vom Leben hatten.

Während er weiterhin eine Familie gründen wollte, träumte ich nicht von Kindern, sondern von der Selbstständigkeit. Lange hielt die Beziehung nicht. Wir trennten uns, und ich ließ mit einem Kloß im Hals mein ganzes altes Leben hinter mir.

„Es ist schon verrückt, dass ich mich damals scheiden ließ, um heute Torten für Hochzeiten anderer zu backen“

Zum Glück machten mir meine Eltern keine Vorwürfe, dass ich einen sicheren Job aufgegeben hatte, sondern unterstützten mich sogar finanziell. Die Ausbildung zog ich in zwei statt drei Jahren durch – so viel Energie hatte ich. Ich fühlte mich wieder jung und lebendig. Ich wohnte auch nicht mehr am ruhigen Stadtrand, sondern direkt über einer Kneipe inmitten der Lübecker Altstadt.

Im Anschluss an meine Gesellenprüfung machte ich dann meinen Meister. Ich fand einen Job in einem Café, für das ich eigene Kuchenkreationen backte. Plötzlich hatte ich so viel Freiraum, dass ich nebenher an meiner Geschäftsidee arbeiten konnte: ein Onlineshop für Torten. Nachdem der Name und das Konzept standen, erstellte ich eine Facebook-Seite, über die gleich viele Anfragen kamen. Irgendwann war klar, dass ich einen eigenen Laden mit Küche anmieten musste. Doch auch der war schnell zu klein. Ich suchte mir einen größeren, da im alten die Kühlkapazitäten nicht mehr ausreichten. Es ist schon verrückt, dass ich mich damals scheiden ließ, um heute Torten für Hochzeiten anderer zu backen. Aber ich bin endlich angekommen.

Zivilcourage beweisen, seine Träume verfolgen oder Ängste bezwingen – ein bisschen Risiko kann sich lohnen. In unserer Reihe berichteten neben Monja zwei weitere Menschen vom Wagnis ihres Lebens.

Illustration: Studio Pong

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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