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Postkolonialer Rollentausch

Über 150.000 Portugiesen und Portugiesinnen verließen während der Wirtschaftskrise ihre Heimat, um in der ehemaligen Kolonie Angola ihr Glück zu suchen. Wie geht es ihnen heute?

Man stelle sich vor, massenhaft Deutsche verließen das Land, weil ihnen ein Leben im westafrikanischen Namibia bessere Perspektiven verspricht. Oder Hunderttausende Französinnen zögen zum Arbeiten nach Guinea und Senegal. Das wirkt seltsam, weil es das gewohnte Migrationsmuster – vom ehemals kolonialisierten in das kolonialisierende Land – umkehrt.

Genau diese umgekehrte Wirtschaftsmigration erlebte Angola zwischen 2010 und 2015: Mehr als 150.000 Portugiesinnen und Portugiesen zogen in das Land an der Westküste Afrikas. Während ihr Heimatland besonders hart von der Wirtschaftskrise getroffen wurde, boomte Angola aufgrund seiner reichen Erdöl- und Diamantvorkommen. Die Wohnungsmieten in wohlhabenden Gegenden der Hauptstadt Luanda gehören mittlerweile zu den höchsten der Welt.

In Angola endete der Kalte Krieg nicht mit dem Fall der Mauer, sondern erst 2002

Dieses Wachstum erlebt das Land erst seit den frühen 2000ern. Während in Deutschland der Kalte Krieg mit dem Mauerfall endete, wütete er in Angola noch bis 2002: Der dort 27 Jahre andauernde Bürgerkrieg war zeitweise ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Ostblock und den Westmächten: Die Sowjetunion unterstützte die Regierung der kommunistischen MPLA, während die USA die Rebellen der antikommunistischen UNITA finanzierten. Der Krieg kostete Schätzungen zufolge über eine Million Menschen das Leben, vertrieb Abermillionen und hinterließ verminte Landstriche.

 

Begonnen hatte der Bürgerkrieg im November 1975, als Angola seine Unabhängigkeit von Portugal ausrief. Zu dem Zeitpunkt blickten die beiden Länder auf fast 500 Jahre Kolonialgeschichte zurück. Für die Ländereien interessierten sich die Portugiesen Ende des 15. Jahrhunderts zunächst nicht, ihre Priorität war es, Menschen zu versklaven und für die Zuckerrohrplantagen in Brasilien zu kaufen. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert sind so geschätzt 3,5 Millionen Sklaven über die Häfen Angolas verschifft worden.

Die Portugiesen versklavten die schwarze Bevölkerung Angolas – im eigenen Land

1869 fingen die Briten an, den transatlantischen Sklavenhandel zu unterbinden, daher errichteten die Portugiesen in Angola Plantagen, auf denen die schwarze Bevölkerung zur Arbeit gezwungen wurde. In Verträge gegossen wurde diese Gewaltherrschaft in den heutigen Grenzen Angolas auf der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/1885, bei der die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent untereinander aufteilten. Die letzten Widerstände der Bevölkerung schlugen die Kolonialherren jedoch erst in den 1920er-Jahren nieder.

Nach Jahrhunderten der Unterdrückung strömten im Verlauf der vergangenen zehn Jahre nun erneut Portugiesen ins Land, diesmal, weil sie als ausgebildete Fachkräfte gefragt sind und sich im wirtschaftlich wachsenden Angola eine bessere Zukunft versprechen. Auch investierte Angola Hunderte Millionen Euro in Portugal. Die Verbrechen aus der Kolonialzeit lässt all das natürlich nicht vergessen – die Beziehungen zwischen Angola und Portugal waren aber wahrscheinlich nie besser.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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