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Wie Nazis Tiere für ihre Propaganda einsetzten

In seinem neuen Buch „Tiere im Nationalsozialismus” klärt Jan Mohnhaupt über brutale Symbolik auf

  • 4 Min.
Hitler, Reh

fluter.de: Für Ihr Buch haben Sie sich mit der Symbolik von Tieren in der NS-Zeit befasst. Warum hat das kaum jemand vor Ihnen getan?

Jan Mohnhaupt: Man hatte Angst, beim Fokus auf die Tiere das Leid der menschlichen Opfer des Nationalsozialismus zu schmälern. Ich habe bei meiner Recherche schnell gemerkt, dass das nicht passiert, ganz im Gegenteil: Das Schicksal der Tiere hängt unmittelbar mit dem der Menschen zusammen. Ein drastisches Beispiel ist das Haustierverbot für Juden, hinter dem eine perfide logistische Überlegung steckte: Auch wenn es nicht offiziell kommuniziert wurde, ging es darum, dass man sich nicht um verbliebene Haustiere kümmern musste, wenn die Besitzer deportiert wurden.

Kurz nach der Machtübertragung 1933 verabschiedeten die Nazis ein „Reichstierschutzgesetz”. Ging es denen wirklich ums Tierwohl?

Es diente auch dazu, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Im Krieg wurden die Gesetze zum Teil wieder gelockert, zum Beispiel Jagdverbote aufgehoben, um das Volk bei Laune zu halten und den Krieg zu gewinnen. Das Reichstierschutzgesetz sah zwar vor, dass Tiere nicht unnötig gequält werden – wissenschaftlich geführten Instituten waren Tierversuche jedoch erlaubt, solange ein Erkenntnisgewinn in Aussicht stand. Mit diesem Argument haben die Nazis im Grunde alles legitimiert. Auch Versuche an Menschen.

„Weil die Katze ursprünglich aus dem ‚Orient‘ stammt, hielten Katzengegner sie für ein ‚jüdisches Tier‘”

In dem ambivalenten Verhältnis zur Katze spiegeln sich Teile der nationalsozialistischen Ideologie besonders deutlich wider.

Die einen sahen in der Katze einen „hygienischen Helfer“ bei der Volksgesundheit, die anderen einen Streuner, der Vögel tötet – und dafür eingesperrt, ja sogar abgeschossen werden muss. Dazu kam der ideologische Unterbau: Weil die Katze ursprünglich aus dem „Orient“ stammt, hielten Katzengegner sie für ein „jüdisches Tier”. Manche meinten sogar, sie stecke mit dem Teufel unter einer Decke, weil sie sich nicht zähmen lässt und ein „lasterhaftes“ Leben führt.

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Hermann Goering mit einem seiner Haustierlöwen  (Foto: PhotoQuest/Getty Images)

Hielt nicht alle Katzen für „jüdische Tiere“: Hermann Göring hatte ein Faible für Löwen und lieh sich immer mal wieder Jungtiere aus

(Foto: PhotoQuest/Getty Images)

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Hitler, Hund, Blondi, Nazis, Tiere (Foto: AFP/AFP via Getty Images)

Hitlers Schäferhündin Blondi musste ihm in den Tod folgen. Zusammen mit ihren Welpen wurde sie mit Zyankali vergiftet

(Foto: AFP/AFP via Getty Images)

Welche Rolle spielte der Hund im „Dritten Reich“?

An der Seite des „Führers“ war der Hund vor allem Propagandamittel und sollte Hitler als nahbaren Tierfreund zeigen. Dass es Hitler, wenn es drauf ankam, weniger um Hundeliebe als um Unterordnung ging, zeigt das Beispiel vom Tod seiner Schäferhündin Blondi. Hitler wollte partout nicht, dass sein Hund nach seinem eigenen Tod irgendwem – womöglich den Russen – in die Hände fällt, genauso wie er selbst nicht in einem Panoptikum im Moskauer Zoo enden wollte. Er verlangte, dass seine Liebsten mit ihm gehen, und ordnete die Tötung seiner Hündin und deren Welpen mit Zyankali an. In Blondis verkohltem Halsband fand man später die Inschrift „Immer mit dir“.

Auch die Fotos von Hitler mit seinen dressierten Schäferhunden demonstrierten, wie sehr er sie unter Kontrolle hatte.

Der Schäferhund war in der NS-Diktatur ein bedeutendes Statussymbol: ein reinrassiger deutscher Hund, der gehorcht und auch noch ein bisschen aussieht wie ein Wolf.

„Der Wolf steht für die ‚Urwildnis‘ Germaniens, er hat für sie etwas Blutrünstiges und Unerbittliches“

In privaten Kreisen ließ sich Hitler mit dem Decknamen „Wolf“ anreden, sein Hauptquartier nannte er „Wolfsschanze“.

Kein Tier haben die Nazis mehr angehimmelt. Der Wolf steht für die „Urwildnis“ Germaniens, er hat für sie etwas Blutrünstiges und Unerbittliches. Goebbels hat schon 1928, als es darum ging, in den Reichstag einzuziehen, gesagt: „Wir kommen nicht als Freunde (…), wir kommen als Feinde, wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ Paradoxerweise haben die Nazis den Wolf aber nicht geschützt, weil man dadurch mit den Landwirten eine große Anhängerschaft vergrämt hätte. Sobald mal ein Wolf nach Ostpreußen eingewandert ist, wurde er zur Strecke gebracht.

Zoo im KZ Buchenwald (Foto: Gedenkstätte Buchenwald)

Ganz in der Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald gab es einen Zoo, finanziert aus erzwungenen Spenden der Häftlinge. Er sollte den SS-Männern „Zerstreuung und Unterhaltung“ bieten

(Foto: Gedenkstätte Buchenwald)

Die NS-Rassenideologie durchzog selbst die unverdächtigsten Lebenswelten. Wie ließen sich Insekten ideologisch vereinnahmen?

Das beste Beispiel dafür sind Kartoffelkäfer und Seidenraupen. Der Kartoffelkäfer stand symbolisch für den „Erbfeind“ Frankreich. Er fraß der Bevölkerung die Ernte weg. Sogenannte „Abwehrdienste“ sammelten sie vom Feld und vernichteten sie. Für die Zucht der Seidenraupen dagegen wurden unter anderem von Schülern extra Maulbeerbaumhaine angelegt. Mit der Seide aus deren ausgekochten Kokons sollten Fallschirme für die Luftwaffe produziert werden. Schon Schulkinder lernten so, wer vermeintlich Schädling und wer Nützling ist.

„Menschen sollten schlussfolgern, dass Juden, ebenso wie Läuse, vernichtet werden müssen“

In der Weltanschauung der Nazis ließ sich dieses Schema auch auf den Menschen übertragen.

Ja. In Karikaturen oder auf Plakaten wurden zum Beispiel Läuse mit Juden gleichgesetzt – indem man sie mit vermeintlich jüdischen Attributen zeichnete. Menschen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, sollten logisch schlussfolgern, dass Juden, ebenso wie Läuse, vernichtet werden müssen.

Welche Geschichte hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Die Geschichte über den Zoo im KZ Buchenwald, nur einen Steinwurf vom Krematorium entfernt. Es gibt kaum ein drastischeres Bild für das Tier- und Menschenbild der Nazis: ein Zoo mit einem Bärenzwinger zur Unterhaltung der KZ-Wärter, in dem Bären mit Hackfleisch und Honig verwöhnt wurden, während ein paar Meter weiter Menschen zu Tausenden ermordet wurden.

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Jan Mohnhaupt (Foto: Peter-Andreas Hassiepen)
(Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

Jan Mohnhaupt ist Sachbuchautor und freier Journalist. 2017 erschien sein Buch „Der Zoo der Anderen“. Bei der Recherche dazu ist er auf das Thema für sein aktuelles Buch „Tiere im Nationalsozialismus“ gestoßen.

Titelbild: picture-alliance / akg-images. Das Foto wurde etwa 1936 auf dem Obersalzberg aufgenommen – und in den folgenden Jahren als Postkarte verbreitet.

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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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