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Viele Nazis, wenig Diskurs

Im Spiel „Wolfenstein: Youngblood“ müssen zwei Schwestern ihren verschollenen Vater vor den Nazis retten. Wer auf eine Auseinandersetzung mit der Geschichte gehofft hat, sitzt im falschen Film

  • 3 Min.
Szene aus dem Computerspiel "Wolfenstein: Youngblood"

Die Teenie-Schwestern Soph und Jess ziehen marodierend durch das Paris der 1980er-Jahre und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Die Gewalt trifft nicht irgendwelche Unschuldigen, sondern – wen eigentlich? Wer „Wolfenstein: Youngblood“ in Deutschland kauft, der muss das unter Umständen noch einmal googeln.

Das hätte nicht sein müssen. Die Schwestern schießen auf Nazis. Nur im deutschen Handel wird neben der internationalen auch eine Version vertrieben, in der nicht nur verfassungsfeindliche Symbole, sondern alle eindeutigen Erkennungszeichen der Ideologie fehlen.

Die Sache mit den ahistorischen Allzweckbösewichtern …

Dabei ist diese Debatte eigentlich schon geführt worden. Hakenkreuze sind in Deutschland nur dann erlaubt, wenn sie in einem künstlerischen oder dokumentarischen Zusammenhang gezeigt werden. Und bis kürzlich wurde diskutiert, ob Videospiele einen künstlerischen Zusammenhang darstellen können – ob das Attribut „Kunst“ erst einmal verdient werden muss.

Nicht nur die Nazis fehlen, auch die Titelcharaktere haben durch eine etwas farblose Übersetzung ins Deutsche viel verloren. Dabei sind sie eigentlich das Beste am Spiel. Soph und Jess sind die Töchter von B. J. Blazkowicz, dem amerikanisch-jüdischen Videospielagenten, der seit den 1990er-Jahren in Wolfenstein-Spielen Nazis erschießt. Nach einem Reboot, einem Prequel und einer Fortsetzung erscheint mit „Youngblood“ nun ein Spin-off-Titel. Längst hat sich der Plot verirrt, es geht um jüdische Geheimorganisationen mit quasimagischen Fähigkeiten, um tatsächliche Supermenschen, um Dimensionssprünge. Das hat mit den historischen Nazis bis auf den Hang zu Verschwörungstheorien wenig zu tun. Es steht nicht in einer Tradition des Erinnerns – es steht eher in der popkulturellen Tradition, Nazis als Allzweck-Bösewichte einzusetzen.

… die auch als Nazis bekannt sind

„Youngblood“ wirkt so, als würden die Autoren ihre Geschichte auch nicht mehr ernst nehmen. Soph und Jess sind in diesen alternativen 1980er-Jahren irgendwo zwischen „Bill & Ted“ und „Beavis & Butthead“ angesiedelt; sie rotzen und röhren durch das Spiel. Vom Verschwinden ihres Vaters, vom drohenden Tod engster Freunde und von apokalyptischen Gefahren lassen sie sich nicht die Laune verderben. Ganz am Anfang, als sie ihren ersten Menschen erschießen, halten sie schockiert inne, eine der beiden übergibt sich. Das war’s dann aber mit der menschlichen Reaktion auf exzessive Gewalt. Ab da werden die Schergen zu Aberhunderten umgelegt, und die Schwestern jubeln einander zu, als wäre das hier ein Abenteuerurlaub.

Nazis sind in diesem Spiel durch und durch böse, ihre Ziele stets größenwahnsinnig. Wer sich in ihren Reihen menschliche Züge leistet, der wird dafür entsetzlich bestraft. Nazis erscheinen in der Folge kaum noch als Menschen, sondern als Karikaturen, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Das ist Antifaschismus auf der Diskurshöhe eines „Nazis schlachten“-Graffiti. Nur kurz zeigen die spät enthüllten Antagonisten so etwas wie die Banalität des Bösen – da offenbaren sie plötzlich ihre sehr gewöhnlichen Sehnsüchte. Erst mit der Andeutung, dass auch die Gegner nur Menschen sind, gewinnt der Schrecken eine realistische Dimension.

Diese Spiele machen es besser

Die Szene ist schnell vergessen. „Youngblood“ ist ein unterhaltsames Actionspiel, mehr will es offenbar gar nicht sein. Es ist kein Beitrag zu einer irgendwie gearteten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das ist schade, denn der Vorgängertitel „Wolfenstein 2“ hatte das mit einigen überraschenden Szenen zur Geschichte des Helden noch geschafft; in Flashbacks wurde etwa erzählt, wie die Mutter, eine polnische Jüdin, vom rassistischen Vater misshandelt und dann an die Nazis verraten wurde. „Youngblood“ liefert dagegen höchstens ein paar Schenkelklopfer über die absurde Dimension menschlicher Allmachtsträume. Es ist eine Art B-Movie und ein nicht eben zwingender Versuch, die verworrene Geschichte weiterzuspinnen.

Auf diese Art bagatellisiert „Youngblood“ seine Bösewichte, auch wenn es antifaschistisch ist. Wie der Nationalsozialismus in einem Spiel nicht nur als Kanonenfutter, sondern auch als Thema taugt, das zeigen neben „Wolfenstein 2“ auch andere: „Attentat 1942“ ist ein intelligentes Adventure über den gelungenen Anschlag auf den hochrangigen Nazi Reinhard Heydrich. Und „Through the Darkest of Times“ will später in diesem Jahr von dem Widerstand gegen die Naziherrschaft in Berlin erzählen.

„Wolfenstein: Youngblood“ ist für 40 Euro für PC, PS4, Switch und Xbox One erhältlich.

Foto: Bethesda

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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