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„Ich fühle mich fast gefeiert dafür, dass ich anders bin“

Die meisten Tech-Brains im Silicon Valley sind weiß, männlich und hetero. Die Fotografin Helena Prize hat Menschen porträtiert, auf die das nicht zutrifft – und sie nach ihren Erfahrungen in der Branche gefragt

Techies

Das Silicon Valley gilt als einer der Ursprungsorte des technischen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte. Man könnte meinen, das Tal sei auch in Sachen Gleichberechtigung in der Arbeitswelt Vorreiter. Immerhin brüsten sich die Firmen mit Internationalität. Der Bekannte, den fast jeder hat, der in so einer Tech-Firma arbeitet, jettet ständig herum. Heute Büro in Dubai, morgen Delhi, dann Kapstadt. Doch wenn man sich die Führungsriege der großen Tech-Konzerne mal anschaut, wird schnell klar: Auch im vermeintlich weltoffenen Valley ist weiß, männlich und hetero zu sein von Vorteil. Zumindest sind Menschen mit diesen Merkmalen überrepräsentiert. Und da wird so schnell auch kein ethnisch und geschlechtermäßig diverserer Nachwuchs kommen. Woher auch? Bei Google etwa sind, eigenen Angaben zufolge, 69 Prozent der Mitarbeiter männlich, nur zwei Prozent afroamerikanisch, und in den Berufen, die mit Technik zu tun haben, arbeiten sogar nur 20 Prozent Frauen.

Ein paar nichtweiße, nichtmännliche Tech-Brains gibt es aber eben doch. Helena Prize hat sie fotografiert und in kurzen Steckbriefen nach ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen in der Tech-Branche gefragt – sie nennt die Arbeit „Techies Project“. 

Rana Abulbasal

Seit fünf Jahren im Silicon Valley, arbeitet als Project Specialist bei Facebook, aus Jordanien

„Ich bin eine muslimische, arabisch-amerikanische Frau. Ich kam aus Jordanien in die USA, um meinen Master of Business Administration zu machen – 2009 war das –, und habe mich dann entschieden, zu bleiben. Ich habe mein ganzes Leben in Jordanien zurückgelassen. Meine Träume waren zu groß für dieses kleine Land. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal bei einer Firma wie Facebook in der Bay Area lande. Es ist nicht leicht, ganz augenscheinlich anders zu sein und tagein, tagaus gegen Klischees anzukämpfen. Aber jetzt bin ich hier. Ich habe es geschafft.

Bis ich ins Silicon Valley gezogen bin, wusste ich nicht einmal, was Diversität ist. In Jordanien sahen fast alle aus wie ich und zogen sich so an wie ich, sprachen dieselbe Sprache. Als ich in Portland und Seattle zum Studieren war, habe ich einfach akzeptiert, dass ich eine Fremde bin. In der Bay Area wurde mir bewusst, dass ich Teil einer Minderheit bin. In einer Firma wie Facebook ist das eine gute Sache. Als muslimische Frau mit Hidschab fühlte ich mich hier akzeptiert, fast gefeiert dafür, dass ich anders bin. Das motiviert mich.“ 

Lukas Blakk

Seit zehn Jahren im Silicon Valley, arbeitet als Mobile Release Manager bei Pinterest, aus Ottawa, Ontario, Kanada

„Ich bin ein kanadischer Queer-Künstler und Aktivist, der mit 30 Jahren angefangen hat, Software-Development zu studieren. Ich strebte eine vernünftige Mittelklassen-Karriere mit Zahnversicherung an und bin zufällig im Silicon-Valley-Chaos gelandet. Jetzt verbringe ich viel Zeit damit, anderen Leuten Möglichkeiten zu verschaffen, sie zum Lernen zu motivieren und ihnen klarzumachen, dass sie eine bessere Bezahlung verlangen müssen. Das hat mir so viel geholfen, und ich wünsche das allen, vor allem denjenigen, die in Armut gefangen sind. Ich wurde in Ottawa geboren und bin dort aufgewachsen. Meine Mutter war sehr jung und outete sich, als sie im dritten Monat schwanger war. Sie zog von zu Hause aus. Das war in den Siebzigern noch ziemlich ungewöhnlich. Meine Mutter war auch Aktivistin, Feministin, eine Frau, die nicht viel auf Traditionen gibt. Sie fuhr Taxi, arbeitete auf dem Bau oder als DJane auf Queer- und Frauenpartys. Sie war ein großes Vorbild für mich. Sie verdiente nicht viel, wir hatten nie viel Zeug.

Ich habe das Gefühl, ich bin in dieser Branche, weil ich so viel Geld wie möglich scheffeln will. Aber auch, weil ich nach ein paar Jahren den Abflug machen kann, und dann gehen meine Leute und ich – die, die nicht so viel Geld haben, die keine Rentenvorsorge haben und keine finanzielle Stabilität ­– an einen ruhigen Ort und haben ein gutes Leben. Ich glaube nicht daran, dass ich das hier nur für mich mache. Ich muss das auch für andere machen, für so viele wie möglich. Aber es reicht einfach nicht. Die Schere zwischen Arm und Reich wird so schnell größer, und ich habe nie das Gefühl, dass ich genug tue, um anderen zu helfen. Manchmal will ich einfach wegrennen von dem ganzen Geld, das ich hier verdiene. Zurück in die Zeit, als die Dinge noch einfach waren und ich nicht Teil einer so verhassten Branche war.“ 

Tiffany Taylor

Seit sechs Jahren im Silicon Valley, arbeitet als Produktdesignerin, aus Belleville, Illinois

„Ich habe mir Webdesign und Coden selbst beigebracht. Ich hätte niemals gedacht, dass mein nerdiges Hobby aus der Schulzeit mal mein Beruf werden würde. Als schwarze Frau habe ich seltene Einblicke: Ich habe in meiner Zeit hier bisher nur eine einzige andere schwarze Frau kennengelernt, die diesen Job macht.

Zu den Schwierigkeiten hier gehört sicher ein gewisses Gefühl der Isolation. Das hat auch damit zu tun, dass ich oft unsicher bin, weil ich die Schule abgebrochen habe, aber dazu kommt, dass es hart ist, wenn niemand so aussieht wie du oder verstehen kann, womit du zu kämpfen hast. Das war eine Herausforderung für mich, besonders weil ich gerade versuche, meine Wurzeln zu erkunden und anzunehmen. Ich habe einen Gentest gemacht, um meine Herkunft und Ethnizität feststellen zu lassen, weil es in meinem Stammbaum viele Lücken gibt und ich mich endlich irgendwie definieren wollte. In letzter Zeit wird mir sehr viel bewusster, was es bedeutet, eine schwarze Frau zu sein, als es das vorher war. Ich bin stolz darauf, habe aber das Gefühl, dass ich in einem Business arbeite, in dem ich das nicht ausleben darf, weil ich nicht will, dass die Leute sich komisch fühlen. Außerhalb der Arbeit bin ich mir der Herausforderungen schwarzer Amerikaner und anderer Minderheiten, was Bürgerrechte angeht, sehr bewusst. Auf der Arbeit lasse ich das aber nicht raushängen, weil ich das Gefühl habe, es wäre unangemessen. Und das frustriert mich.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

3 Kommentare
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Equalism
  ·  
20.04.2018-12:04

Ist schon erstaunlich, dass in einem Land in dem vorwiegend Weiße leben, vorwiegend Weiße arbeiten. Das muss an Rassismus und Klassenungleichheit liegen. Wieviele Schwarze oder Weiße wohl in vietnamesischen Konzernen arbeiten oder Asiaten und Weiße im Kongonesischen Firmen.
Weshalb vorwiegend Männer in der Branche arbeiten, kann am Geschlechterbedingtem Interessenunterschied liegen. Laut http://www.bachelor-studium.net/beliebteste-studiengaenge steht Informatik, bei den männlichen Studenten, an dritter Stelle wohingegen Informatik bei den weiblichen Studenten nicht in der Top10 auftritt. Wenn wir uns Medizin, Germanistik oder Pädagogik anschauen werden wir dort mehr Frauen als Männer treffen doch das bedeutet nicht, dass Berufe welche aus diesen drei Studiengängen hervorgehen Sexistisch sind und Männer unterdrückt sondern einfach dass sich die Durchschnittsinteressen von Frauen und Männern sich unterscheiden.

Tl:Dr während Rassismus und Sexismus (insbesondere gegen Frauen) auf der Welt noch ein großes Problem sind, sollten wir unseren Focus auf dritte-Welt länder setzen denn nicht alles was in der ersten Welt passiert basiert auf XY-mus auch wenn sich Menschen gerne zu Opfern machen.

blubb
  ·  
10.06.2018-04:06

Und was denkst du woran es liegt dass Frauen diese und Männer jene Interessen haben?

Professor X
  ·  
01.05.2018-10:05

Eine Tech-Konzern kann es sich nicht leisten Leute auf ihre Hautfarbe oder Geschlecht zu reduzieren. Daher ist es völlig unbegründet, dass Weiße Hetero Männer einen Vorteil haben. Lächerlich