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Paranoia für alle

Hitlerstudien, Giftgaswolken und das konsumfromme Kleinstadtleben: Kein Wunder, dass sich Greta Gerwig und Adam Driver im Netflix-Film „Weißes Rauschen“ vor dem Tod fürchten

  • 4 Min.
Adam Driver, Greta Gerwig, Don Cheadle

Worum geht’s?

Jack Gladney ist Professor an einem kleinen College in der US-amerikanischen Provinz und Begründer des kruden Fachbereichs „Hitler-Studien“. Dabei spricht er kaum Deutsch und zerbricht sich am Wort „Kartoffelsalat“ fast die Zunge. Mit seiner Frau Babette verbindet ihn eine enorme Angst vor dem Tod. Oft streiten die beiden darüber, wer früher sterben wird. Aus unterschiedlichen Ehen hat das Paar vier unentwegt quasselnde Kinder, die sich für wissenschaftliche Hard Facts ebenso interessieren wie für reißerische Katastrophenberichte im Fernsehen. Als sich in der Nähe ein Chemieunfall mit giftigen Schadstoffen ereignet, müssen die Gladneys plötzlich aus ihrer Vorstadtsiedlung fliehen und geraten in ein dystopisch anmutendes Chaos. Nebenbei geht es noch um illegal gehandelte Medikamente und ein ziemlich amateurhaftes Mordkomplott. Klingt verwirrend, ist es auch.

Worum geht’s eigentlich?

„Weißes Rauschen“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Don DeLillo. Der erschien 1985 in einer Zeit, die geprägt war vom letzten Wettrüsten im Kalten Krieg und einem aufkommenden Bewusstsein für menschengemachte Umweltkatastrophen. Noch vor Tschernobyl hatte sich etwa 1979 bei Harrisburg, Pennsylvania, mitten in den USA ein Reaktorunfall ereignet. Zugleich erlebten Konsumkultur und Massenmedien einen Boom. Daraus resultiert in DeLillos Roman die Mischung aus Panikmache und Optimismus, die im Haus der Gladneys vorherrscht. Noah Baumbachs Verfilmung klebt nun weder an den 1980er-Jahren, noch versucht sie, den Stoff in Bezug auf heutige Ereignisse zu aktualisieren. Trotzdem schafft es der Film, in der überspitzt-neurotischen Familiendynamik der Gladneys eine Stimmung zu erzeugen, die sich sehr gegenwärtig anfühlt: Mit Krisen und tödlichen Bedrohungen kennt man sich in Zeiten von Corona, Ukrainekrieg und Erderhitzung schließlich aus. An aktuelle Ängste knüpft der Film an: Es geht um vage Langzeitschäden der giftigen Luftpartikel, die Omnipräsenz von Katastrophen in unseren Köpfen und eine beunruhigend unklare Informationslage. Mediale Dauerbeschallung – hier noch durch das sensationslüsterne Fernsehen – ist das eine. Aber die Echokammer in den eigenen vier Wänden ist mindestens genauso wichtig, wie Jack selbst erkennt: „Familie ist die Wiege aller Fehlinformation.“

 

Wie wird’s erzählt?

In drei ziemlich abwechslungsreichen Kapiteln. Der Film fängt als College-Satire an, wirkt zwischenzeitlich wie ein durchaus berührendes Familiendrama, nimmt dann eine Wendung zum Katastrophenfilm – nur um wesentliche Plotpoints immer wieder links liegen zu lassen. Starbesetzte Filme mit dieser Freiheit sind in Hollywood selten geworden, und es bleibt offen, ob dieser fast zweieinhalbstündige Film, der in keine Schublade passt und bis zum Ende überrascht, bei Netflix überhaupt ein Publikum findet. Noah Baumbach, der sonst eher realistisch erzählt, scheint sich bei Regisseuren wie David Lynch und den Coen-Brüdern inspiriert zu haben, die auf Künstlichkeit und Absurditäten setzen. Dazwischen dürfen die herausragenden Darsteller*innen um Adam Driver, Greta Gerwig und Don Cheadle sich gegenseitig mit den schwülstigen DeLillo-Dialogen an die Wand spielen: „Elvis ist mein Hitler“, sagt Cheadles Figur, Anwärter auf eine sogenannte Elvis-Professur, einmal mit hinreißendem Pathos.

Gut zu wissen

„Weißes Rauschen“ ist ein Begriff aus der Akustik und bezeichnet ein konstant wahrnehmbares Störgeräusch. In diesem Fall: den Sound des Todes im Leben der Gladneys.

Stärkste Szene

Ohne zu spoilern, lässt sich sagen, dass der Film zweifellos eine der besten Abspannsequenzen seit langem hat. Während die Credits anlaufen, veranstalten die handelnden Figuren zu einem extra für den Film komponierten Song von LCD Soundsystem eine wunderbar choreografierte Tanzeinlage im Supermarkt. So spendet „Weißes Rauschen“ bei aller Düsterkeit am Ende doch ein wenig Hoffnung. Blöd nur, dass die meisten Menschen diese Sequenz vermutlich auf Netflix sehen werden, wo zum Abspann ein automatisch verkleinertes Videofenster erscheint, das von übergroßen Werbebannern für weiteren Streaming-Content eingerahmt wird.

Nicht zu verwechseln mit …

„Das weiße Rauschen“ (2001) mit dem jungen Daniel Brühl in der Rolle eines drogenaffinen Studenten, der auf einem Trip hängen bleibt und plötzlich Stimmen hört. Und ja, den Film von Hans Weingartner gibt es auch bei Netflix – es bleibt verwirrend.

„Weißes Rauschen“ läuft in ausgewählten deutschen Kinos und ab dem 30. Dezember auf Netflix.

Titelbild: Netflix 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.