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Schmerz lass nach

Neben Essen und Jobs mangelt es in Venezuela vor allem an Medikamenten. Maria Pérez hat einen Weg gefunden, das zu ändern – mit Schmiergeld und Pillenpäckchen aus Mexiko

Leere Apotheke in Venezuela (Foto:  MERIDITH KOHUT/NYT/Redux/laif)

„Ende 2016 bekam ich eine Nachricht“, erzählt Maria Pérez. „Ein Baby brauche innerhalb der nächsten 24 Stunden ein Antibiotikum, sonst sterbe es.“ Die Venezolanerin hat daraufhin so viele Freunde um Geld gebeten, bis es reichte, um die sechs benötigten Ampullen zu kaufen. „Wir sind damit zum Flughafen und haben sie einem jungen Mann übergeben, der auf dem Weg nach Caracas war.“ Vor Ort hat ihn Pérez’ Kollege Rodolfo erwartet. Als die sechs Ampullen im Krankenhaus ankamen, war das Baby bereits tot.

Pérez kann eine Menge solcher Geschichten erzählen. In der Heimat der 43-jährigen Venezolanerin fehlt es an Medikamenten, Essen, Jobs, eigentlich an fast allem. Damit die Geschichten bald anders enden, sammelt eine NGO in Mexiko Medikamente und schickt sie nach Venezuela. Pérez leitet die Organisation gemeinsam mit zwei Freundinnen.

In Venezuela fehlen 85 Prozent der benötigten Medikamente …

Allerdings verbietet Staatschef Nicolás Maduro die Einfuhr von Hilfsgütern: Sie wäre nur eine „politische Show“, um ihn zu stürzen. Deshalb schmuggelt Pérez’ Organisation die Medikamente nach Venezuela. Weil das menschlich nachvollziehbar, aber rechtlich nicht ohne ist, bleiben Pérez, die Organisation und ihre 24 freiwilligen Helfer in dieser Geschichte anonym.

In Venezuela fehlen rund 85 Prozent der eigentlich benötigten Medikamente, es gibt keine Verhütungsmittel, Antibiotika sind Mangelware. Die Liste der Spenden, die die Organisation annimmt, umfasst 43 Medikamente. Sie helfen gegen Krämpfe, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs-, Schilddrüsen- und Immun-Erkrankungen. „Wir nehmen nur Medikamente an, die lebensnotwendig sind“, sagt Pérez. Sie steht mit fünf Freiwilligen auf der Terrasse eines schicken Coworking-Space in Mexiko-Stadt. Die jüngsten Spenden – finanziert von Privatpersonen und Firmen – liegen auf einem Stehtisch und warten darauf, sortiert zu werden.

Einmal im Monat treffen sich die Freiwilligen hier, um zwei Arten von Paketen vorzubereiten: kleine Ziplock-Tüten mit höchstens einem Kilo Gewicht, die Privatpersonen auf ihrem Flug nach Venezuela in ihrem Gepäck verstecken, und bis zu 100 Kilo schwere Pakete, die ein „Kurierdienst“ – sprich: professionelle Schmuggler – einmal im Monat für 950 Dollar transportiert. Auch das wird durch Spenden finanziert.

… aber eine humanitäre Not gibt es nicht. Sagt zumindest die Regierung

Laut der Regierung Maduro ist das eigentlich nicht nötig: Offiziell gibt es keine humanitäre Not in Venezuela. Im Februar hatte er eine Brücke blockieren lassen, um Hilfslieferungen zu verhindern, er sieht darin Vorboten einer Militärinvasion der USA. Tatsächlich aber hangelt sich das Land von einem Tiefpunkt zum nächsten: In den vergangenen fünf Jahren flohen mehr als drei Millionen Venezolaner ins Ausland, die Zuhausegebliebenen haben im Schnitt elf Kilo an Gewicht verloren. Es gibt nicht genug Lebensmittel. Und das, was da ist, können sich nur die wenigsten leisten – dieses Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds mit einer Inflationsrate von zehn Millionen Prozent. Seit der Wahl Maduros zum Präsidenten im Jahr 2013 und dem Einbruch des Ölpreises 2014 haben sich die durch Korruption, Missmanagement und hohe Schulden entstandenen Probleme zu einer alles umfassenden Krise entwickelt.

Venezuela

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Pérez hatte Venezuela schon 2009 wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation verlassen. Damals bedeuteten die Probleme allerdings noch, dass sie als freie Videoproduzentin wenige Aufträge bekam – und nicht, dass zwei Kilo Fleisch einen Monatslohn kosten. Pérez nahm ein Jobangebot in Mexiko an und lebte gut, während sich die Situation in ihrer Heimat weiter verschlimmerte. Bis man ihr 2015 Brustkrebs diagnostizierte.

In drei Jahren hat die Organisation rund 8.000 Patienten geholfen

Nachdem Pérez eine Brust amputiert worden war, kehrte sie für die Chemotherapie in ihre Heimat zurück; sie wollte bei ihrer Familie sein. Die Chemotherapie dauerte ein Jahr. Alle drei Wochen injizierte man ihr Medikamente aus einer Ampulle. 17 Stück brauchte sie, eine kostete 3.000 US-Dollar. Pérez musste sie selbst bezahlen und importieren lassen – in Venezuela gab es zu diesem Zeitpunkt schon kaum noch Medikamente. Nach neun Monaten waren Pérez’ Ersparnisse aufgebraucht.

Zurück in Mexiko verlor sie zunächst ihre Wohnung, dann ihren Partner, ihren Job, schließlich starb auch noch ihre Mutter. „Wenn du Krebs hast, sagen dir die Leute, du musst kämpfen“, sagt Pérez – für die Familie, den Job, den Partner. „Aber wenn du all das verloren hast, wozu noch die Mühe?“

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Kurze Zeit später bekam Pérez einen Anruf von zwei Freundinnen aus Venezuela: Ob sie ihnen helfen könne, Medikamente zu sammeln und zu klassifizieren? Der Grundstein für ihre Organisation war gelegt. An guten Tagen sortierte Pérez die gespendeten Schachteln. Der neue Sinn in ihrem Leben ließ die schlechten Tage immer weniger werden. Das ist drei Jahre her. Seitdem konnte sie eigenen Angaben zufolge 8.000 Patienten erreichen und rund zwei Tonnen Medikamente ins Land schmuggeln.

Der „Kurierdienst“ landet nämlich stets auf einem unauffälligen Flughafen, eine längere Autofahrt von Caracas entfernt. Dort schmiert er den militärischen Geheimdienst, den Zoll und die Polizei des Flughafens. Anschließend gehen die Pakete an die Freiwilligen vor Ort, die sie dann an die örtlichen Hilfsorganisationen verteilen.

So reibungslos, wie das klingt, ist es aber längst nicht. 2017 wurde die Besitzerin des „Kurierdienstes“ in Caracas festgenommen und 24 Stunden lang im Keller eines Gefängnisses verhört. Sie berichtete, dass der militärische Geheimdienst sowohl den Namen der Organisation als auch den der drei Gründerinnen kenne. „Das Problem ist, dass sie denken, dass wir von der Opposition finanziert werden“, sagt Pérez. Ein Familienmitglied eines Oppositionsführers hatte zuvor in sozialen Netzwerken für die Organisation geworben.

„Wir liefern genauso an Soldaten wie an die Opposition. Wir kämpfen gegen die Medikamentenknappheit – nicht gegen das Regime.“

Dr. Hernández López, Professor für internationale Beziehungen an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), sagt: „Wenn die Organisation in irgendeiner Form mit der Opposition in Verbindung zu stehen scheint, wird es sehr schwer, den militärischen Geheimdienst davon zu überzeugen, dass sie aus humanitären Gründen handelt.“ Lopez hält die Arbeit von Pérez dabei für essenziell: „Die Hilfsorganisationen sind momentan die Einzigen, die erste Hilfe ins Land bringen.“ Da das Regime keine Unterstützung akzeptiere, entscheide die Arbeit Einzelner über Leben und Tod vieler Venezolaner.

Pérez selbst versichert, zu 100 Prozent apolitisch zu arbeiten. „Wir liefern genauso an Soldaten wie an Oppositionsmitglieder. Wir kämpfen gegen die Medikamentenknappheit – nicht gegen das Regime.“

Der militärische Geheimdienst hat die Frau vom „Kurierdienst“ schließlich wieder gehen lassen – gegen Bezahlung und nicht ohne zu betonen, dass die Gründerinnen der Hilfsorganisation ein Verhör erwartet, wenn sie wieder ins Land kommen. Pérez nimmt diese Aussichten in Kauf: Sie arbeitet weiter, organisiert über WhatsApp Medikamentenlieferungen, exklusive Charity-Events und Meetings mit Pharmafirmen.

Während einige Freiwillige Schachteln stapeln, sitzt Pérez vor ihrem Laptop, einem Notizblock und dem ständig vibrierenden Smartphone. Sie zählt nach, wie viele der insgesamt 23 Bundesländer Venezuelas sie bereits mit Medikamenten erreicht hat: „…13, 14, 15.“ Über die Hälfte. Pérez seufzt. „Ich bin wieder gesund, mein Land aber noch lange nicht.“

Fotos: Meridith Kohut/NYT/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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