Thema – Gender

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„In einer perfekten Welt müsste ein solches Buch gar nicht existieren”

Die Öffentlichkeit diskutiert viel, aber falsch über trans Personen, sagt die Autorin Shon Faye

Shon Faye

Ende August wurde der trans Mann Malte C. in Münster brutal niedergeschlagen. Er wollte Teilnehmer:innen eines CSD-Umzugs helfen, die homofeindlich beleidigt wurden. Malte C. starb ein paar Tage später an seinen Verletzungen. Der Vorfall zeigt: Queerfeindlichkeit ist kein Relikt vergangener Tage. In einer Umfrage der Europäischen Grundrechteagentur gaben 17 Prozent der trans Personen in Europa an, wegen ihrer geschlechtlichen Identität zuletzt Gewalt erfahren zu haben. Darüber hinaus sind trans Personen überproportional von Obdachlosigkeit, Sucht und Armut betroffen.

Doch statt sich mit diesen drängenden Problemen zu beschäftigen, würden sich die öffentlichen Debatten zu trans Personen, angefeuert von den Medien, um polarisierende Themen drehen. Zum Beispiel darum, welche Toiletten trans Personen nutzen sollten. Das zumindest behauptet die britische Autorin Shon Faye, die selbst trans ist, in ihrem Buch „Die Transgender-Frage“.

fluter.de: Das erste Kapitel deines Buches „Die Transgender-Frage“ handelt von einem trans Mädchen. Du beschreibst, wie das Kind von früh an wusste, dass es trans ist. Warum beginnt das Buch mit dieser Geschichte?

Shon Faye: Viele Menschen haben mittlerweile eingesehen, dass trans Personen existieren. Allerdings fällt es einigen immer noch schwer zu akzeptieren, dass auch trans Kinder existieren. Deswegen habe ich die Geschichte dieses jungen trans Mädchens erzählt, das seine soziale Transition bereits durchlaufen hat. Dass viele Menschen ihre Transitionen heutzutage immer noch erst im Erwachsenenalter beginnen, liegt nicht unbedingt daran, dass sie nicht bereits im jungen Alter wussten, dass sie trans sind. Sondern daran, dass die Gesellschaft trans Personen gegenüber erst seit kurzer Zeit offener und toleranter geworden ist. 

„Es geht bei dieser Änderung darum, dass die Gesellschaft die Lebensrealität von jungen trans Personen anerkennt“

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„Die Transgender-Frage“ von Shon Faye
„Die Transgender-Frage“ von Shon Faye (336 Seiten, 25 Euro) ist im Hanser Verlag erschienen

In deinem Buch kritisierst du die öffentliche Debatte um junge trans Personen. Wo liegt das Problem?

Es gibt nach wie vor bei vielen die Vorstellung, dass, wenn man junge trans Personen an einem Coming-out und einer Transition hindert, man sie lange genug schikaniert und zum Schweigen bringt, man ihre trans Identität aufhalten kann. In der öffentlichen Debatte begründen diese Menschen ihr Handeln damit, Kinder schützen zu wollen. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil der Fall: Durch ihre Äußerungen setzen sie die psychische Gesundheit von trans Kindern und Jugendlichen aufs Spiel. Sie schaffen bewusst eine queerfeindliche Atmosphäre, in der Kinder und Jugendliche es nicht mehr wagen, sich zu outen, geschweige denn, eine Transition zu machen. Hinter dem Handeln dieser Menschen steckt die tiefe Überzeugung, dass trans Personen minderwertiger sind als Cis-Personen.

In Deutschland plant die Ampelkoalition das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz, das es Jugendlichen ab 14 Jahren ermöglicht, mit dem Einverständnis der Sorgeberechtigten den Geschlechtseintrag und Vornamen im Personenstandsregister ändern zu lassen. Welchen Stellenwert hat eine solche Gesetzesänderung für junge trans Personen?

Wenn junge trans Menschen, die früh über ihre Geschlechtsidentität Bescheid wissen, Dokumente bei sich tragen, die ihnen ein anderes Geschlecht ausweisen, sagt ihnen die Gesellschaft, dass ihr Leben eine Lüge ist. Sie werden täglich daran erinnert, dass sie nicht als das gesehen werden, was sie sind. Es geht bei dieser Änderung also darum, dass die Gesellschaft die Lebensrealität von jungen trans Personen anerkennt.

„Dass trans Personen die Zweigeschlechtlichkeit allein schon durch ihr Dasein infrage stellen, bedroht für manche Menschen den Kern ihrer eigenen Identität“

Die öffentliche Debatte um das Gesetz ist groß, Kritiker:innen sprechen trans Jugendlichen ab, alt genug zu sein, um solche Entscheidungen zu treffen.

Bei der Änderung des Personenstandes geht es nicht um medizinische Eingriffe am Körper, sondern lediglich darum, Einträge auf Dokumenten ändern zu lassen. Die Entscheidung für diesen Schritt kommt bei den meisten nicht einfach spontan. Deswegen scheint es mir vernünftig, diesen Personen die Autonomie zuzusprechen, ihre rechtlichen Dokumente ändern lassen zu können. In Großbritannien ist das erst ab 18 Jahren möglich, dafür erlauben wir Jugendlichen hier bereits ab 16 Jahren, der Armee beizutreten. Den Personenstand zu ändern ist definitiv eine Entscheidung mit geringerer Tragweite.

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Shon Faye
Shon Faye, 34, schreibt unter anderem für den „Guardian“ und „Vice“

Wir lesen und hören derzeit viel zu trans Themen. Dabei machen trans Personen in Europa weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus. Wieso sind diese Themen gerade so präsent?

Geschlechterrollen und die binäre Geschlechterordnung formen das Leben von uns allen. Sie formen, wie wir uns selbst sehen, unseren Platz in der Gesellschaft und wie wir das Verhalten anderer interpretieren. Dass trans Personen die Zweigeschlechtlichkeit allein schon durch ihr Dasein infrage stellen, bedroht für manche Menschen den Kern ihrer eigenen Identität und ihrer Interpretation der Welt. Deswegen verspüren manche den Drang, trans Personen ihre Lebensrealitäten und manchmal sogar ihre Existenz abzusprechen. Das kann so weit gehen, dass einige Menschen – zum Beispiel Rechte oder radikale Feministinnen – eine regelrechte Obsession mit trans Personen entwickeln. Ich glaube, letztlich steckt dahinter ein Gefühl der Angst. 

Hast du ein Beispiel für eine Debatte über trans Personen, die aus deiner Sicht fehlgeleitet war? 

In Großbritannien haben wir eine Lebenshaltungskostenkrise. Die Menschen werden im Winter vielleicht nicht in der Lage sein, ihre Strom- und Gasrechnungen zu bezahlen. Dazu haben den ganzen Sommer über die Bahnarbeiter:innen gestreikt. Und trotzdem haben Rishi Sunak und Liz Truss während ihrer Kandidaturen für das Premierminister:innenamt ausgiebig darüber debattiert, ob trans Frauen wirklich Frauen seien.

Vor kurzem hast du auf Instagram geschrieben: „Ich werde nie wieder mit dem Ziel schreiben, andere davon zu überzeugen, dass trans Menschen es verdienen, ein Leben frei von Feindseligkeiten zu führen. Dieser Teil meines Schaffens ist vorbei.“ Wie kam es dazu?

Für mich ist es einfach nicht kontrovers, zu sagen, dass trans Personen ein Leben leben sollten, ohne diskriminiert zu werden, ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, sie seien ein Problem. Diejenigen, die dauernd Diskussionen über uns und über unsere Köpfe hinweg führen, sollten sich endlich mal um ihren eigenen Kram kümmern. Diese Buchtour war so verdammt anstrengend. Ich wurde in Rezensionen falsch gegendert, ich wurde online diskriminiert, bei meinen Buchbesprechungen musste eine Security-Person anwesend sein. Ich bin froh, das Buch geschrieben zu haben – und dennoch glücklich, dass dieser Teil meines Lebens bald vorbei ist und ich mich neuen Sachen widmen kann.

Wolltest du das Buch schreiben, oder hattest du eher das Gefühl, dass du es schreiben musstest? 

Ich hatte definitiv das Gefühl, es schreiben zu müssen. In einer perfekten Welt müsste ein solches Buch gar nicht existieren.

Fotos: Stuart Simpson / Penguin Random House

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