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„Freiheit, Gleichheit, Akzeptanz“

In Polen müssen Menschen erklären, dass sie weder Pest, noch Invasion sind – sondern einfach LGBT

  • 5 Min.
LGBTQI-Aktivistin in Polen

„Liebe ist keine Sünde“ stand auf den Plakaten des Gleichheitsmarsches. Im Juli fand in Białystok, einer Stadt im Nordosten Polens, die erste Gay-Pride-Parade statt. Gefordert wurden Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: Freiheit zum Beispiel, Gleichheit und Akzeptanz. Damit ist in Polen aber offensichtlich nicht weit her: Die Demonstrierenden wurden von Gegenprotestlern angegriffen, darunter Nationalisten und Hooligans. Aufnahmen zeigen brennende Regenbogenfahnen und Männer, die Steine werfen und auf einen Teenager eintreten. Demonstrierende berichten, sie seien bespuckt und mit Urin bespritzt worden.

Zwei von drei Homosexuellen in Polen haben Hass und physische Gewalt schon selbst erlebt

Laut einer Studie aus dem Jahr 2016 erfahren zwei Drittel der Homosexuellen in Polen Hass und physische Gewalt, aber nur vier Prozent der Taten werden polizeilich gemeldet. Auch wenn Übergriffe wie in Białystok die Ausnahme sind: Homophobie ist in Polen verbreiteter als in den meisten europäischen Ländern.

 

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Seit Jahren gehen die zwei wichtigsten Kräfte im Land gegen die LGBTQI-Community vor: die Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und die katholische Kirche. Sie wehrt sich gegen die „Ehe für alle“ und fürchtet, dass ihr Einfluss schwinden könnte, wenn sich die katholische polnische Gesellschaft öffnet. Der Krakauer Erzbischof Marek Jędraszewski warnte im August gar vor der „regenbogenfarbenen Pest“. Die rechtskonservative PiS-Regierung setzt hingegen methodisch auf Homophobie: Feindbilder helfen, Wähler*innen für die anstehenden Parlamentswahlen zu aktivieren.

Drei Tage vor der Wahl warnt Polens Staatsfernsehen vor einer „LGBT-Invasion“

Vor der Wahl 2015 schürte die PiS noch Ängste vor Überfremdung. Im diesjährigen Wahlkampf stellt sie vor allem Homo- und Transsexuelle als Bedrohung für die polnische Identität und Nation dar. Laut PiS-Chef Jarosław Kaczyński würden queere Menschen der Mehrheitsgesellschaft aggressiv ihre „LGBT-Ideologie“ aufzwingen. Immer wieder bringt er Homosexuelle mit pädophilen Übergriffen in Verbindung. Auch regierungsnahe Medien hetzen gegen sexuelle Minderheiten: Zeitungen spotten über die „Schwulenehe“, das Magazin „Gazeta Polska“ legte einer Ausgabe sogar Sticker mit der Aufschrift „LGBT-freie Zone“ bei. Deren Vertrieb wurde verboten, trotzdem erklären sich bis heute ganze Städte, Kreise und Kommunen als „LGBT-frei“. Und drei Tage vor der Parlamentswahl am Sonntag veröffentlichte dann auch noch der staatliche Fernsehsender TVP1 eine vermeintliche Doku mit dem Titel „LGBT-Invasion“.

Trotz allem sieht die queere Community in Białystok einen Wendepunkt: Die Zahl der LGBTQI-Paraden steigt, der offen schwul lebende Politiker Robert Biedroń und seine im Februar 2019 gegründete linksliberale Partei Wiosna gelten als Hoffnungsträger. Und kürzlich erklärten Zehntausende überwiegend junge Polinnen und Polen unter dem Hashtag #JestemLGBT, dass sie homosexuell sind – und ganz normale Menschen.

Polen ist politisch gespalten, aber in einer Sache einig: Diese Wahl ist die wichtigste seit 30 Jahren. Warum? Das Wichtigste im FAQ

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