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Eine Serie für Boris Johnson

Nach sechs Jahren Pause geht „Top Boy“ in die dritte Staffel – diesmal auf internationaler Netflix-Bühne. Behält die britische Gangsterserie die Authentizität, für die sie gefeiert wurde?

  • 4 Min.
Foto: Netflix

„Ich hoffe, Boris Johnson guckt ‚Top Boy‘“, wünschte sich der Hauptdarsteller Ashley Walters, als die dritte Staffel auf Netflix erschien. Wer die ersten beiden Staffeln kennt, die zwischen 2011 und 2013 auf dem britischen Sender Channel 4 liefen, versteht, warum. Selten bekam man einen ähnlich realitätsnahen Einblick in das Leben in einer Londoner Sozialbausiedlung.

Die Serie drehte sich eben nicht nur um Dealer wie Dushane (Ashley Walters) und Sully (Kane Robinson), sondern auch um ihre Nachbarn in der fiktiven Siedlung „Summerhouse“, die nicht mit geplatzten Deals und verfeindeten Gangs zu kämpfen haben, sondern mit steigenden Mieten und gesundheitlichen Problemen. Viele aus ebenjenem Milieu feierten die Serie für die authentische Repräsentation. „Top Boy“ blieb jedoch ein Nischenphänomen und wurde wieder abgesetzt, trotz leidenschaftlicher Fanbase.

Starthilfe von Rapper Drake 

Einer dieser leidenschaftlichen Fans ist der Rapper Drake. Der kanadische Superstar hat ein ausgeprägtes Faible für urbane Kultur aus Großbritannien. Nachdem er von der Absetzung erfuhr, überzeugte er prompt Netflix, die Rechte zu kaufen. Nun geht die Serie nach sechs Jahren weiter.

 

Die Handlung setzt einige Jahre nach der letzten Staffel ein: Dushane kehrt aus dem jamaikanischen Exil heim, um das Drogengeschäft im Viertel wieder an sich zu reißen. Dabei soll ihm der frisch aus der Haft entlassene Sully helfen. Nur steht ihnen jetzt der junge Jaime im Weg, und der ist nicht einfach einzuordnen: einerseits ein skrupelloser Gangster, der fürs Geschäft über Leichen geht, andererseits Vaterfigur für seine verwaisten Brüder, die er liebevoll umsorgt.

Mit wenigen Ausnahmen spielen die Hauptcharaktere äußerst überzeugend, die Dialoge sind nach wie vor authentisch. Schon wegen des Londoner Slangs lohnt es sich, die Serie im Original zu schauen. Wie die Stammbesetzung stammen auch die neuen Darsteller aus dem porträtierten Milieu, beispielsweise die Rapper Dave und Little Simz. Überragend spielt Grime-Legende Kano. Obwohl sein Charakter Sully durch extreme Brutalität auffällt, schafft er es, ihm unheimliche Tiefe und Verletzlichkeit zu verleihen. Dafür muss er nicht einmal reden, ein Blick in sein von Konflikten und Schmerz gezeichnetes Gesicht reicht.

Gangstergeschichte mit sozialer Checkliste

Trauriger Rekord: London ist die Säureangriff-Hauptstadt der westlichen Welt. 472 solcher Fälle gab es dort allein 2017. Im Gegensatz zu anderen Ländern trifft es in Großbritannien vor allem junge Männer.  

Die Szenen, in denen man etwas über die Probleme der britischen Gesellschaft lernen könnte, sind leider nicht mehr so elegant in die Geschichte eingeflochten und wirken wie das Abarbeiten einer Checkliste: Brexit: Check! „Windrush“-Generation: Check! Gentrifizierung, Rassismus: Check! Diese Themen werden angeschnitten, aber dann nicht weiterverfolgt. Lediglich das Problem vermehrter Säureattacken in London ist gut in die Geschichte integriert. Das zeigt klar, wo der Fokus der neuen Staffel liegt.

 

Das, was an der Serie bemerkenswert war, nämlich dass neben den Gangstergeschichten auch aus der Perspektive vieler Bewohner der Siedlung erzählt wird, vernachlässigt die dritte Staffel. Spannend bleibt die Serie, nur ist sie jetzt eher ein Hollywood-Gangstermärchen. Wirklich zu empfehlen ist dagegen die erste Staffel, die nun ebenfalls bei Netflix unter dem Namen „Top Boy Summerhouse“ zu sehen ist. Die wäre vielleicht auch der bessere Einstieg für Premier Boris Johnson.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Gast
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28.10.2019-03:10

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