Thema – Klimawandel

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Zeltbürger

Der Besuch bei einer Beduinenfamilie in Jordanien zeigt, wie wenig der Mensch eigentlich zum Leben braucht. Erschwert wird das vor allem durch den Klimawandel

Beduinenzelt

Als Abu Ibrahim den letzten Kaffee aus der kunstvoll gefertigten Kupferkanne in die kleinen Becher der Gäste gegossen hat, blickt er lächelnd aus dem Zelt mit der Feuerstelle in die Ferne. „Sei glücklich über das, was du hast“, sagt der Beduine, „und ärgere dich nicht über das, was dir fehlt.“

Abu Ibrahim und seine Familie – das heißt seine Frau und die sechs Kinder – haben in ihrem Zuhause in der rot schimmernden Wüste Jordaniens vor allem eins: ihre Ruhe. Ein Leben ohne den Lärm von Motoren und Massen, ohne ständige Berieselung durch Medien. Ein Leben der Einfachheit und der kurzen Distanzen. „Hinter diesem Berg dort wurde ich geboren“, Abu Ibra­him zeigt mit der rechten Hand Richtung Norden. Das war 1969, gut zwei Jahrzehnte nachdem seine Familie aus der Negevwüste vor den Wirren des Palästinakrieges in die bergige Gegend südlich des Toten Meers geflüchtet war. „Hier haben wir damals für unsere Ziegen Nahrung gefunden.“

Heute wachsen an diesem Ort in der sandigen Erde zwischen dem roten Gestein fast nur noch dürre Akazien und blasses Gestrüpp. Einzig wo etwas Wasser aus den Leitungen tropft, blüht auch schon mal ein Oleanderbusch. Zwischenzeitlich hat sich in der Senke, die circa neun Kilometer vom letzten Dorf und vom Ende einer asphaltierten Straße entfernt liegt, eine kleine Beduinengemeinde von vielleicht 30 Menschen und ihrem Vieh gebildet. Gut ein Dutzend Zelte und Hütten gibt es hier. Der Ort, den die Beduinen bewohnen, liegt in unmittelbarer Nähe eines einst von der jordanischen Königin Nur gestifteten weiß getünchten Schulgebäudes und der Feynan Ecolodge – ein Hotel für umwelt- und traditionsbewusste Touristen, das eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Beduinen geworden ist. Sie arbeiten dort oder bieten den Urlaubern Führungen durch die Wüste an.

Siehste: Ibrahim und seine Familie haben alles im Zelt …

… Computer, Solarzellen, Feuerstelle

Abu Ibrahim bittet seine Gäste in den mit bunten Plastikmatten ausgelegten Empfangsbereich des Hauptzelts der Familie. Ausrichtung und Öffnungen der rund 15 Meter langen Konstruktion orientieren sich an der Windrichtung. Der vordere Teil ist mit Koransuren und einer bunten Girlande dekoriert. Hinter einem raumbreiten Vorhang liegt der private Bereich. Hier lagern in mannshohen Stapeln Dutzende Matratzen, Kissen und Decken. Schränke, Tische, Stühle – all das gibt es hier nicht. Auch Strom ist rar. Er kommt aus einer kleinen Fotovoltaikanlage, die eine Autobatterie auflädt, die den Strom speichert – zum Beispiel für einen Fernsehabend nach dem Fastenbrechen.

„Meine Kinder werden bald nicht mehr so leben wie ich. Sie ziehen in die Stadt“

Hinter einem weiteren Raumtrenner liegt der Waschraum mit einer alten Zinkwanne. Rund zwei Stunden am Tag fließt Wasser durch die Leitungen, die von einem talaufwärts gelegenen Brunnen am Haus vorbeiführen. Für den Betrieb einer Toilette reicht das nicht, ihre Notdurft verrichten die Familienmitglieder irgendwo zwischen den Felsen, in gebührendem Abstand zu den Zelten.

Abu Ibrahim arbeitet als Hirte und Touristenführer, seine Frau Dschamala hält das familiäre Zuhause zusammen, im wahrsten Sinne des Wortes: Sie vernäht Plastikplanen und alte Säcke zu Zeltwänden und -decken. Das Haupt- und das danebenstehende Küchenzelt sind, anders als das kleine Feuerzelt, mit je 80 Zentimeter breiten Bahnen aus gewebter Ziegenwolle gedeckt. Bei Regen quillt die Wolle auf und macht die Außenhaut dichter, außerdem lässt das Öl in der Wolle das Wasser abperlen. So bleibt es im Inneren des „Bait al Sha’ar“ (das bedeutet: Haus aus Haaren) warm und trocken. Das Gerüst für Tücher und Planen bilden Metall-und Holzstäbe.

Die halten zusammen: Plastikplanen und alte Säcke werden zu Zeltwänden vernäht

Durch die zunehmende Trockenheit hat die Familie immer weniger Ziegen

Nur der Boden des Küchenzelts ist aus Hygienegründen mit Beton ausgegossen. Hier gibt es Metallteller, Regale aus alten Kisten und einen Gasherd. „Aber einen Kühlschrank haben wir nicht“, sagt Abu Ibrahim und zeigt auf eine Kiste mit Tomaten: „Die müssen wir innerhalb von vier Tagen verbrauchen, sonst werden sie schlecht.“ Täglich backt Dschamala das dünne Fladenbrot Sadsch und manchmal auch das dickere A’arboud direkt in der Glut des Feuers. „So schmeckt es viel besser“, sagt Abu Ibrahim, nachdem er die Asche lautstark abgeklopft und das Brot in dampfende Stücke geteilt hat. Fleisch gibt es nur, wenn gerade ein Huhn geschlachtet oder eine der Ziegen zum Metzger gebracht wird. Doch Abu Ibra-him hat längst nicht mehr so viele Ziegen wie noch vor einigen Jahren.

„Früher hatte ich 200 Ziegen, jetzt sind es nur noch 30. Mehr kann ich mir nicht mehr leisten.“ Zwar wurde es in Feynan im Sommer schon früher oft über 40 Grad heiß, sodass er mit seiner Familie von Juni bis Oktober in ein kühleres Quartier in den Bergen zog, doch mittlerweile sind auch die Winter zum Problem geworden. „Seit zehn Jahren regnet es selbst zwischen Oktober und März kaum noch. Deshalb muss ich meinen Ziegen zufüttern“, sagt Abu Ibrahim und öffnet das große blaue Fass, in dem eine Mischung aus Gerste, Weizen und Kleie lagert. Im Monat kostet allein das Ziegenfutter umgerechnet 51 Euro – für den Beduinen ein Vermögen.

Als eine Gruppe, die stark von den Gegebenheiten der Natur abhängig ist, nehmen die Beduinen die Auswirkungen des Klimawandels stärker wahr. Fakt ist: Ohne das Geld, das Abu Ibrahim durch das Kaffeekochen und die Touren für die Touristen der Ecolodge verdient (buchbar als „Bedouin Experience“), könnte er seine Familie schon jetzt nicht mehr ernähren. Deshalb ist sich Abu Ibrahim sicher: „Meine Kinder werden bald nicht mehr so leben wie ich. Sie ziehen in die Stadt.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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