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„Ich betrachte das ein Stück weit als meine Arbeit“

Thomas sammelt Pfandflaschen, viele Stunden am Tag. Warum es ihm dabei um mehr geht, als ein bisschen Geld zu verdienen

Foto: Hahn&Hartung

Anfangs hat es mich große Überwindung gekostet. Wenn ich Pfandflaschen gesehen habe, bin ich erst mal auf und ab gelaufen, wie ein Wolf, der um seine Beute streift. Wenn ich mich nicht beobachtet gefühlt habe, bin ich hingegangen und habe das Leergut eingeheimst. Währenddessen hatte ich ein riesiges Schamgefühl. Entdeckt dich ein Bekannter beim Sammeln, ist das wie eine schallende Ohrfeige.

„Clubs und Diskotheken sind immer erfolgversprechend.“

Vor fünf Monaten verlor ich meine Arbeit als Fleischer und meine Wohnung. Meine Frau hatte eine Affäre mit meinem Vorgesetzten – nachdem ich das herausfand und beide damit konfrontierte, schmiss der mich kurzerhand raus. Aus der gemeinsamen Wohnung mit meiner Frau bin ich dann sofort ausgezogen. Im Moment kann ich für 300 Euro im Monat in einem Zimmer bei der Heilsarmee in Berlin wohnen. Wenn ich die Miete und sonstige Fixkosten von meinem Arbeitslosengeld abziehe, bleiben mir für den Monat noch 170 Euro. Weil ich Mitte des Monats meistens keine Kohle mehr hatte, habe ich begonnen, Pfandflaschen zu sammeln.

In der Regel bin ich morgens um neun Uhr draußen, gehe alle Mülleimer der Umgebung ab und nehme dann die S-Bahn, um nach Neukölln, Kreuzberg oder Tiergarten zu fahren. Ich bin zwischen sechs und neun Stunden unterwegs, manchmal auch nachts. Clubs und Diskotheken sind immer erfolgversprechend, weil Leute vorm Reingehen Alkohol trinken und die Flaschen draußen liegen lassen – da kommt eine Menge zusammen.

Foto: Hahn&Hartung

Manchmal drücken ihm Leute den Pfand direkt in die Hand. An solchen Tagen sammelt Thomas Leergut im Wert von 30 Euro

 

Es ist wichtig, sich die Tonnen genau anzusehen, sonst greift man auf einmal in Glasscherben, Spucke oder Kotze. Idealerweise hat man einen Stock, mit dem man kurz wühlt. Handschuhe trage ich keine mehr. Es sieht komisch aus, sie immer anzuhaben, und an mein Handy kann ich damit auch nicht gehen. Desinfektionsmittel habe ich jetzt immer dabei. Abends sind ausgiebiges Duschen und Wurzelbürste angesagt.

An einem schlechten Tag verdiene ich höchstens fünf Euro. Dafür kriegst du nicht mehr als ein Brot und zwei Konservendosen. Und nicht bei allen Annahmestellen sind wir willkommen – es gibt Supermärkte, die nicht mehr als 20 Flaschen annehmen. Aus einem wurde ich letztens von einem Mitarbeiter rausgeschmissen: Ich solle mich verpissen, sagte er. An einem richtig guten Tag, wenn dir zum Beispiel Leute ihre leeren Flaschen in die Hand drücken, kommen auch mal 30 Euro zusammen.

„Flaschensammeln hat für mich noch eine andere Funktion: Es gibt mir Struktur.“

Anfangs habe ich einen Teil meiner Beute in Büschen versteckt, um ihn später zum Pfandautomaten zu bringen. Die Flaschen wurden aber regelmäßig geklaut. Einmal wurden sie mir sogar kaputtgetreten. Pfandsammler haben halt keinen guten Ruf. Bei meinem Alter verbinden die meisten damit automatisch Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht.

Foto: Hahn&Hartung

Zahltag: Nicht alle Supermärkte freuen sich über Pfandsammler, manche nehmen nur wenige Flaschen an. Aus einem Laden wurde Thomas kürzlich sogar rausgeschmissen

 

Tatsächlich gibt es Leute, die sammeln, um ihre Sucht zu befriedigen. Meistens nehmen sie nur die Plastikflaschen, die 25 Cent einbringen. Das nervt mich natürlich. (lacht) Es gibt auch Signale unter Sammlern: An Bahnhöfen stehen oft diese silbernen Mülleimer mit drei farbigen Tüten, um den Müll zu trennen. Pfandsammler ziehen die Tüten etwas heraus, sodass ein Zipfel herausguckt. Das bedeutet dann: „Hier habe ich schon gesucht.“ Manche machen das aber auch nur, damit man gar nicht erst in bestimmte Bereiche geht.

Zwar treffe ich häufig auf „Kollegen“, die sind aber meistens Eigenbrötler und verschlossen. Teils sind sie auch feindselig: Wenn sie durch das Klimpern mitkriegen, dass du auch suchst, versuchen sie, schneller als du bei der nächsten Tonne zu sein. Pfandsammeln ist ein hart umkämpfter Markt.

Neben dem Geldverdienen hat das Sammeln für mich noch eine andere Funktion: Es gibt mir Struktur. Ich liege nicht faul rum, sondern bin draußen unterwegs. Für mich und meinen Hund ist das sehr wichtig. Ich betrachte das mittlerweile ein Stück weit als meine Arbeit. Außerdem lerne ich zum Teil Leute kennen, die sich mit mir solidarisieren. Das gibt mir viel Kraft. Für mich ist das gerade eine absolute Ausnahmesituation. Ich will wieder zurück ins normale Leben. Dafür brauche ich erst mal eine feste Bleibe, damit ich mich in Ruhe um einen neuen Job kümmern kann. Bis dahin ist hoffentlich mein kaputtes Knie wieder in Ordnung – ich habe in meinem Leben nämlich nur handwerkliche Arbeit verrichtet.

Weitere Texte aus der Reihe „So ist es, ich zu sein“ findest du hier.

Fotos: Hahn&Hartung

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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MiaKühn
  ·  
15.02.2020-01:02

Vielleicht sollten Sie Aussagen erstenmal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen bevor Sie Artikel online stellen. Ich habe zufällig den selben Chef. Er ist der Beste und Aufrichtigste Mensch den ich kenne und die Aussage des Herren ist erstunken und erlogen.