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Wo Olympia politisch wurde

Nazis als Gastgeber, Black Power in Mexiko, ein Attentat in München: Die Liste der politischen Skandale bei Olympischen Spielen ist so lang, dass wir elf ausgesucht haben

  • 8 Min.

Los Angeles 1932

Paavo Nurmi galt als Wunderläufer. Neun Gold- und drei olympische Silbermedaillen hatte der Finne schon gewonnen, als er verkündete, bei den Spielen 1932 wieder an den Start gehen zu wollen. Drei Monate vor dem Beginn sperrte der Weltleichtathletikverband IAAF Nurmi, weil er Preisgelder angenommen und damit seinen Amateurstatus verletzt habe: Bis Anfang der 1980er-Jahre regelte ein Paragraf in den Statuten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dass bei Olympischen Spielen nur Amateure antreten durften. Weil mit Sigfrid Edström ein Schwede dem IAAF vorstand, vermuteten viele politische Gründe für den Ausschluss Nurmis. (Schweden und Finnen stritten immer wieder um Territorien.) Der Nachrichtendienst AP nannte es „eines der raffiniertesten politischen Manöver in der internationalen Sportgeschichte“. Trotz massiver Proteste blieb Nurmi die Teilnahme verwehrt. Finnland verlängerte daraufhin seinen Boykott des Finnkampen – ein Leichtathletik-Länderkampf zwischen Schweden und Finnland – für mehrere Jahre.

Hier kommt ihr direkt zum Skandal von

Los Angeles 1932
Berlin 1936
Melbourne 1956
Mexiko-Stadt 1968
München 1972
Montreal 1976
Moskau 1980
Los Angeles 1984
Atlanta 1996
Sotschi 2014
Tokio 2021

Berlin 1936

1931 vergab das IOC die Spiele von 1936 an Berlin. Zwei Jahre später ergriff Adolf Hitler die Macht, und die Nazis zeigten offen, dass sie das Weltereignis für Propaganda missbrauchen würden. Also reiste IOC-Chef Avery Brundage 1934 nach Deutschland. Sein Fazit: „Ich erhielt die positive Zusicherung (…), dass es keine Diskriminierung von Juden geben wird.“ Weit gefehlt: Durch den jahrelangen Wettkampfausschluss und die Manipulation ihrer Ergebnisse hatten die Nazis schon dafür gesorgt, dass sich jüdische Sportler*innen nicht für die Spiele qualifizierten. Bis auf eine Ausnahme: Helene Mayer. Die Fechterin wurde sogar gebeten, an den Spielen teilzunehmen, gewann Silber und zeigte bei der Siegerehrung den Hitlergruß. Auch Werner Seelenbinder nahm teil. 1942 wurde der mehrfache Deutsche Meister im Ringen, bekennende Kommunist und Widerstandskämpfer verhaftet, zwei Jahre später ermordet. Zum Star der Spiele wurde – zum Unmut der Nazis – mit Jesse Owens ein schwarzer Läufer.

Melbourne 1956

Im Wasserball-Halbfinale kommt es im Schwimmstadion von Melbourne zum Showdown: Der amtierende Olympiasieger Ungarn trifft auf die UdSSR. Einen Monat zuvor haben sowjetische Soldat*innen den ungarischen Volksaufstand blutig niedergeschlagen, mindestens 2.700 Ungar*innen wurden bei den Kämpfen getötet. Die Spieler nehmen den Konflikt mit ins Wasserbecken, das Spiel ist brutal. Als der Ungar Ervin Zádor kurz vor Schluss durch einen Schlag eine Platzwunde erleidet (siehe Foto), stürmen Zuschauer*innen in den Innenraum und gehen auf die sowjetische Auswahl los. Der Schiedsrichter bricht das Spiel ab, Ungarn gewinnt 4:0 und holt anschließend olympisches Gold. Zádor und einige seiner Teamkollegen gehen nach den Spielen ins Exil.

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Ervin Zádor (Foto: picture alliance/AP Photo)
Um Sport ging es eher wenigen, die im olympischen Wasserball-Halbfinale 1956 angetreten sind (Foto: picture alliance/AP Photo)

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Helene Mayer (Foto: picture-alliance/dpa)
Die Jüdin Helene Mayer gilt als beste Fechterin ihres Jahrhunderts: In deutschen Wohnzimmern standen damals Porzellanfiguren der „blonden He“ (Foto: picture-alliance/dpa)

Mexiko-Stadt 1968

Dass das keine gewöhnliche Siegerehrung wird, war klar, als die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos sowie der Australier Peter Norman das Olympiastadion betraten. Smith, der gerade den 200-Meter-Lauf gewonnen hatte, und Carlos (Bronze) trugen je einen schwarzen Handschuh, an den Füßen nur schwarze Socken. Smith hatte einen schwarzen Schal umgehängt, Carlos öffnete seine Trainingsjacke. Die beiden schwarzen Läufer verstießen damit gegen olympische Regeln, um auf Ungerechtigkeiten in den USA aufmerksam zu machen: Die bloßen Füße symbolisierten ihre Armut als Kinder, schwarze Socken, Handschuhe und Smiths Schal den Stolz schwarzer US-Amerikaner*innen, die offene Jacke Solidarität mit Arbeitnehmer*innen in der Heimat. Alle drei, auch der weiße Norman, der vorher Silber gewonnen hatte, trugen einen Pin der Menschenrechtsbewegung „Olympisches Projekt für Menschenrechte“ (OPHR). Während der US-Nationalhymne senkten Smith und Carlos den Kopf und streckten die Faust. Der Black-Power-Gruß war umstritten, weil sich die Black-Power-Bewegung Ende der 1960er-Jahre zunehmend radikalisierte.

Das US-Duo wurde für die Gesten umgehend suspendiert und nach Hause geschickt – auf Bestreben des erklärten OPHR-Gegners Avery Brundage, der 32 Jahre zuvor kein Problem damit hatte, dass während der Spiele der Hitlergruß gezeigt wurde.

München 1972

5. September: Acht Terroristen der Palästinenserorganisation „Schwarzer September“ dringen in das israelische Quartier im olympischen Dorf ein. Sie töten Ringer-Trainer Moshe Weinberg, den Gewichtheber Yossef Romano und nehmen neun andere Trainer und Sportler als Geiseln. Die Entführer fordern die Freilassung von 234 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie der RAF-Mitglieder Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Bei einer Rettungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck sterben alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist. IOC-Chef Brundage verkündet trotzdem, die Spiele fortsetzen zu wollen. Zwei Tage später startet das israelische Militär erste Vergeltungsschläge in Syrien und im Libanon.

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Montreal 1976

Seit 1964 war südafrikanischen Sportler*innen die Teilnahme an den Olympischen Spielen verboten: Das IOC wollte die rassistische Apartheidpolitik ihres Heimatlandes ächten, dessen Regime keine schwarzen Sportler für die Wettkämpfe nominierte. Der Ausschluss galt auch 1976, trotzdem ließ sich die Rugbynationalmannschaft von Neuseeland auf eine gut bezahlte Tournee durch Südafrika ein. Weil Rugby zwar nicht olympisch war, Neuseeland aber (trotz Protesten) eine olympische Mannschaft stellen durfte, boykottierten Guyana, der Irak und mehr als 20 afrikanische Länder die Spiele von Montreal. Darunter auch Kenia: „Die Regierung und die Bürger Kenias“, sagte Außenminister James Osogo, „sind der Ansicht, dass Prinzipien mehr wert sind als Medaillen.“

Moskau 1980

Im Dezember 1979 marschierte das sowjetische Militär in Afghanistan ein. Die USA unter Präsident Jimmy Carter beschlossen daraufhin, die Spiele in Moskau zu boykottieren. So wird der Kalte Krieg in den Olympischen Spielen fortgesetzt. Dem Olympia-Boykott der USA folgten Dutzende Nationen, sodass nur 81 Nationen an den Spielen teilnahmen, darunter Afghanistan und die DDR, nicht aber die BRD. „Der Sport“, sagte der damalige Innenminister Gerhart Baum, „wurde als politische Waffe genutzt, aus guter Absicht.“

Los Angeles 1984

Im September 1983 hatte ein sowjetischer Abfangjäger ein südkoreanisches Passagierflugzeug abgeschossen. Als Reaktion forderten zunächst rechtskonservative US-Politiker den Ausschluss sowjetischer Sportler*innen. Später verweigerte das US-Außenministerium dem Olympia-Attaché Oleg Jermischkin die Akkreditierung für die Spiele: Jermischkin war als KGB-Agent enttarnt worden. Das ließ die Situation eskalieren. Im Mai 1984 verkündete Moskau, die Spiele zu boykottieren; 18 weitere Nationen – darunter die DDR – folgten. Der „letzte große symbolische Akt des Kalten Krieges zwischen Ost und West“ („Süddeutsche Zeitung“) war zugleich der letzte große politische Boykott der Olympischen Spiele.

Atlanta 1996

Acht Tage liefen die 26. Olympischen Sommerspiele, als sich am Morgen des 27. Juli 1996 beim Polizeinotruf ein Mann meldete: Innerhalb der nächsten halben Stunde gehe eine Bombe im Centennial Olympic Park hoch. Fast zeitgleich entdeckte ein Wachmann eine verdächtige Tasche und begann mit der Evakuierung des Parks – die vermutlich viele Leben rettete. Wenige Minuten später explodierte die mit Nägeln und Schrauben gespickte Rohrbombe. Sie kostete zwei Personen das Leben, 111 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Der Attentäter Eric Rudolph, ein christlich-fundamentalistischer Terrorist, stellte sich – sieben Jahre und drei weitere Anschläge später.

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Atlanta 1996 (Foto: Manuel Moura/picture-alliane/dpa|epa afp)
Die „Coca-Cola-Spiele“ von Atlanta 1996 werden eine Riesenshow – bis acht Tage nach Eröffnung eine Rohrbombe hochging (Foto: Manuel Moura/picture-alliane/dpa|epa afp)

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Terrorist zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Münchner Sommerspiele (Foto: picture alliance/Olympische Spiele)
Nach 1936 mal wieder Olympia-Gastgeber: München wollte 1972 heitere Spiele in einem toleranten Land. Dann stürmten palästinensische Terroristen das olympische Dorf (Foto: picture alliance/Olympische Spiele)

Sotschi 2014

„Mit der Ausgrenzung von Homosexuellen“, sagte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im August 2013, „geht Russland einen weiteren großen Schritt in Richtung einer lupenreinen Diktatur.“ Wegen der homophoben Gesetzgebung im Land des Gastgebers wurde monatelang offen über einen politischen Boykott diskutiert. „Grotesk“, nannte es CDU-Politiker Jens Spahn, „dass die Welt in einem Land zu Gast sein soll, in dem per Gesetz gegen Schwule und Lesben gehetzt wird.“ Letztlich schickten doch alle Nationen ihre Mannschaften zu den Winterspielen von Sotschi, die schließlich von einem ganz anderen Skandal überschattet wurden: dem Staatsdoping des Gastgebers.

Tokio 2021

Schlechte Nachrichten schrieben die „Corona-Spiele“ schon als sie noch gar nicht begonnen hatten: Einen Tag vor der Eröffnungsfeier wurde Kentaro Kobayashi, Kreativdirektor der Veranstaltung, von seinen Aufgaben entbunden. Kobayashi hatte sich in einem früheren Auftritt als Komiker über den Holocaust lustig gemacht. Schon sein Vorgänger war wegen sexistischer Äußerungen entlassen worden. Später floh die belarussische Läuferin Kristina Timanowskaja aus Angst vor Repressionen ins polnische Exil und der Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer, Patrick Moster, sorgte für einen Skandal, weil er seinen Fahrer während eines Rennens mit einer rassistischen Äußerung motiviert hatte.

Unser Titelbild (picture-alliane/dpa) zeigt das Attentat von München 1972 (links) und den Black-Power-Gruß von Mexiko 1968 (rechts).

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