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Der erste Schwule der Republik

Den Bürgermeister von Słupsk kennt in Polen fast jeder. Weil er einen guten Job macht. Vor allem aber: weil er auf Männer steht. Porträt von einem, der ein dickes Fell hat

Biedron

Als ich vorsichtig an die Tür des Bürgermeisterbüros klopfe, kommt ein Rathausmitarbeiter des Weges, lacht und sagt: „Ist nicht nötig, hier muss man nicht vorher anklopfen.“ An der Tür verkündet ein Aufkleber: „Hier wirst du Leitungswasser bekommen“. Da bittet der Bürgermeister mich auch schon herein, er ist gerade dabei, mit seinen Sekretären herumzuflachsen.

Eine ungewöhnliche Szene ist das für eine polnische Behörde, aber Biedroń tut alles, um die Distanz zwischen dem neugotischen Rathaus und dem normalen Bürger zu verringern – und um der Kommune Einsparungen zu ermöglichen: 2014 hat ihm sein Vorgänger eine der am höchsten verschuldeten Städte Polens hinterlassen. 

Er hat zudem das Porträt des polnischen Papstes Johannes Paul II. aus seinem Büro entfernt, ebenso einige Spirituosen und einen Fernseher mit einem Pornokanal-Zugang. Stattdessen hat er ein Foto seines Partners auf den Schreibtisch gestellt. Er reduzierte sein eigenes Gehalt und bewegte sich fortan nur noch mit dem Fahrrad oder zu Fuß durch Słupsk, wenngleich ihm seine Kritiker nachsagen, es sei ohnehin wahrscheinlicher, dass man ihm in den Straßen der Hauptstadt Warschau begegne. 

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Vor dem Eintreten anklopfen? Dem Bürgermeister ist das ziemlich egal

Als bei einer Umfrage zur Präsidentschaftswahl 2020 vor kurzem 15 Prozent der Befragten angaben, ihn wählen zu wollen, erklärten die Medien ihn zu einem polnischen Hoffnungsträger und Durchstarter: Während die polnische Linksliberale ihn bejubelt, sehen andere ihn kritischer als jemanden, der die Medien für sich zu nutzen weiß. Viele religiöse Polen und auch Unterstützer der rechtskonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wiederum unterstellen ihm eine antipolnische Einstellung und nehmen Anstoß an seiner sexuellen Orientierung. 

„Ich hatte das Gefühl, ich sei der einzige Schwule im ganzen Dorf und kaum Hoffnung, je einen anderen homosexuellen Mann zu treffen.“

Wie ist Biedroń da angekommen, wo er heute ist? Die 90er-Jahre waren keine einfache Zeit für einen schwulen Teenager, jedenfalls nicht im Karpatenvorland, einer der in politischer und religiöser Hinsicht konservativsten Regionen Polens. Dort ist Biedroń aufgewachsen. In einer Berufsfachschule für Hotelmanagement verliebte er sich in einen Klassenkameraden. Im Unterricht hieß es, Homosexualität sei eine Krankheit. 

„Es war sehr hart für mich, denn in Polen wurde Homosexualität damals nur mit Aids assoziiert“, erinnert sich Biedroń. „Ich hatte das Gefühl, ich sei der einzige Schwule im ganzen Dorf und kaum Hoffnung, je einen anderen homosexuellen Mann zu treffen.“ 1995 ist Biedroń dann nach Berlin getrampt und hat dort die LGBT-Organisation Man-O-Meter kennengelernt. Er kehrte nach Polen zurück, begann ein Studium der Politikwissenschaften und beschloss, sein Leben dem politischen Aktivismus zu widmen. „Ich erkannte damals, dass man anders leben kann, ohne sich für seine sexuelle Orientierung schämen zu müssen.“

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Möchte Rathaus und Bürger näher zusammenbringen – dafür sitzt er auch schon mal auf dem Tisch

 

Ende 2017 hat das polnische Parlament eine Reihe von Änderungen im Wahlrecht des Landes beschlossen. Allerdings wurde der kontroverseste Vorschlag, der den Zuschnitt der Wahlbezirke und die Änderung der Direktwahl in ein Verhältniswahlrecht betraf und die Wahlergebnisse in Zukunft womöglich stark beeinflusst hätte, in letzter Minute doch wieder zurückgenommen. Dennoch: Dass in Zukunft die staatliche Wahlkommission mehrheitlich durch Parlamentsmitglieder statt durch unabhängige Richter besetzt werden soll, sorgt immer noch für heftige Diskussionen. Auch wird das Innenministerium ab 2019 einen größeren Einfluss auf die Besetzung der Wahlleiter vor Ort nehmen können. Diese Gesetzesänderungen werden von Experten und der politischen Opposition kritisiert. Sie geben zu bedenken, dass es so zu einer Politisierung von Wahlposten und letztlich auch zu Wahlfälschungen kommen könne. Die regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hingegen sagt, dass sie auf diese Weise die Tranparenz des Wahlverfahrens erhöhen wolle. Die bevorstehenden Kommunalwahlen im Jahr 2018 sind von diesen geplanten Änderungen jedoch noch nicht betroffen. 

Im katholisch geprägten Polen war Homosexualität lange ein Tabu. Bis heute gibt es dazu in den Schulen keine angemessene Aufklärung, es gibt viel Gewalt gegen homosexuelle Menschen und Lebenspartnerschaften, und Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen sind in Polen gesetzlich nicht anerkannt. Unter der PiS-Regierung dürfte das auch bis auf weiteres so bleiben, auch wenn einer aktuellen IPSOS-Umfrage zufolge 32 Prozent der Polen eine solche Gesetzesänderung befürworten. 

Die polnische LGBT-Organisation Kampagne gegen Homophobie (KPH), die Biedroń 2001 mitbegründet hat, sieht darin einen Stimmungswandel. „Als wir begannen, wurden schwule Männer im Fernsehen mit schwarzen Balken vor den Augen unkenntlich gemacht, und die Menschen sprachen über ‚diese Dinge‘ im Flüsterton oder lieber gar nicht“, erklärt Marta Abramowicz, Mitgründerin von KPH. „Viele Schwule ließen uns wissen, dass sie darüber nachdachten, ihrem Leben eher ein Ende zu bereiten, als es weiter im Verborgenen führen zu müssen.“ Im Laufe der Jahre sei es aber gelungen, Homosexuellen mehr Mut zuzusprechen. So sei die polnische Gesellschaft toleranter geworden. 

2011 ist Robert Biedrón dann als erster offen Homosexueller ins polnische Parlament gewählt worden – zusammen mit Anna Grodzka, einer Transsexuellen. „Niemand hatte es bis dahin für möglich gehalten, dass ich es bei den Parlamentswahlen schaffen könnte.“  Biedroń hat sowohl verbale als auch körperliche Gewalt erfahren, mehrere Male. Heute habe er ein dickes Fell, sagt er. Er reagiert nicht mit Aggression auf Anfeindungen, aber er ist auch bereit zu kämpfen.

In der Zeit seiner Kandidatur fürs Bürgermeisteramt ist er bei einem Basketballspiel ausgebuht worden. Als er dann Bürgermeister war, ist er ein zweites und ein drittes Mal hingegangen. Beim letzten Mal wurde er dann mit Ovationen empfangen. 

„Der einzige positive Aspekt seiner Arbeit ist, dass er Słupsk in Polen sehr bekannt gemacht hat“, sagt eine Kritikerin.

Wenn es um seine Heimatregion geht, erinnert Biedroń sich vor allem an das Gefühl der Isolation, wenn man dort „schwul, links und atheistisch“ war, wie Biedroń sich selbst beschreibt. Er sieht aber auch die sozialen Probleme, mit denen die Menschen in den Jahren der Systemtransformation ab 1989 konfrontiert waren. Die Modernisierung hat damals hauptsächlich in den großen Städten stattgefunden, während der Rest des Landes zu großen Teilen in Arbeitslosigkeit und Frustration versank. Gewalt und Alkohol waren Alltag für Biedroń und seine Klassenkameraden.

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Eine Kritikerin bemängelt, Biedroń würde inkompetenten Freunden gut bezahlte Jobs bei der Stadt verschaffen. Die Einwohner von Słupsk sehen das anders: 70 Prozent sind mit der Arbeit zufrieden

„Słupsk, genau wie mein Heimatort Krosno, war in den Jahren des Kommunismus die Metropole der Region“, erklärt er. „Das Leben florierte hier, der öffentliche Nahverkehr funktionierte wie am Schnürchen, die Menschen kamen hierher, um zu studieren und zu arbeiten. Daran erinnern sich viele Einwohner noch, und deshalb haben sie den Zusammenbruch dieser Orte als sehr schmerzhaft erlebt. Der Glaube, dass die steigende Flut alle Boote mit hochheben würde, stellte sich als ein Wunschtraum heraus.“

2014 stellte sich Biedroń zur Wahl für das Bürgermeisteramt. Er versprach eine grüne, menschenfreundliche und transparente Stadt, in der der Zugang zu öffentlichen Leistungen leicht sein soll, und die finanziellen Schwierigkeiten, die sein Vorgänger hinterlassen hatte, sollten aus dem Weg geräumt werden. Biedroń gewann die Wahl mit 57 Prozent der Stimmen. 

Auch durch gutes Finanzmanagement ist es ihm gelungen, 2016 erstmals wieder 20,5 Millionen Złoty (ungefähr 4,8 Millionen Euro) Überschuss zu erwirtschaften, nachdem die Stadt die Jahre davor immer weiter Schulden angehäuft hatte. Er führte Quoten ein, damit gleich viele Männer und Frauen im Stadtrat sitzen, und anstatt einen ideologischen Krieg anzuzetteln, ist er mit allen Ratsfraktionen in einen Dialog getreten. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt ist gesunken, und die große Abwanderung von Menschen aus Słupsk in den vergangenen Jahren wurde kompensiert durch Zuwanderer, hauptsächlich aus der Ukraine. 

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Mit Wollmütze raus aus dem Rathaus und rein in die Stadt. Mittlerweile kennt fast jeder Pole die kleine Stadt Słupsk – wegen ihres Bürgermeisters, aber auch, weil sie sich so gut entwickelt

Es gibt aber auch viel Kritik: Biedroń schiele vor allem auf das gute Bild, das er in den Medien abgebe, seine hehren Versprechungen halte er nicht ein. Er reise zu viel in der Welt herum und gebe Interviews, um sich selbst zu promoten, anstatt sich um die Regierung von Słupsk zu kümmern. „Als Bürgermeister hatte Biedroń bisher keinen Erfolg, was dadurch bedingt ist, dass er bei Sitzungen des Stadtrates oder auch sonst im städtischen Leben und im Rathaus durch Abwesenheit geglänzt hat“, sagt Patrycja Jędrzejewska, eine Doktorandin am Institut für Geschichte und Politikwissenschaften an der Pommerschen Universität in Słupsk. Und sie ergänzt: „Der einzige positive Aspekt seiner Arbeit ist, dass er Słupsk in Polen sehr bekannt gemacht hat.“

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440.000 Follower hat Biedroń auf Facebook – mehr als jeder andere polnische Politiker

Bei der Frage beispielsweise, wie das geplante Freizeitbad in Słupsk fertiggestellt werden soll, erscheine Biedroń ziemlich ratlos. Ärgerlich sei auch, dass er Freunden hoch bezahlte Posten bei der Stadt verschaffe, statt auf Leute zu setzen, die wirklich über die nötige Erfahrung verfügen.

Der Biedroń-Effekt

Die Einwohner von Słupsk sehen das mehrheitlich anders. Rund 70 Prozent von ihnen unterstützen Biedroń neuesten Umfragen zufolge, was mit Blick auf das politische Meinungsklima in ganz Polen eine beachtliche Zahl ist. „Ich studiere in Danzig und muss mich nicht mehr schämen, wenn ich erzähle, von wo ich komme“, sagt eine junge Frau auf der Straße begeistert. Słupsk ist zu einem Symbol dafür geworden, wie sich kleine Städte auch entwickeln können – und Biedroń in linksliberalen Kreisen einer der populärsten Politiker des Landes. Die Medien haben das als den „Biedroń-Effekt“ bezeichnet. Auf Facebook hat der Bürgermeister mehr als 440.000 Follower – mehr als jeder andere polnische Politiker. Aber Biedroń ist nicht überall beliebt. Die rassistischen und homophoben Einstellungen haben wieder zugenommen, wie Nichtregierungsorganisationen festgestellt haben, und sie nehmen an, dass das auch durch Statements von Politikern aus dem Regierungslager befeuert wurde. 

Und wie steht er zu einer Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2020? Biedroń selbst denkt, dass die Zustimmungsrate in Umfragen eine Auswirkung der Tatsache ist, dass viele Bürger des Landes des „polnisch-polnischen Krieges“ müde sind. So wird in Polen das große Zerwürfnis zwischen dem konservativen und dem liberalen Lager bezeichnet, die sich politisch und kulturell feindselig gegenüberstehen. Erst mal konzentriert er sich auf die nächsten Kommunalwahlen, bei denen er hofft, als Bürgermeister im Amt bestätigt zu werden. Zurzeit sieht es gut aus. 

Fotos: Piotr Malecki

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Stolperin
  ·  
10.07.2018-12:07

Słupsk ist keine kleine Stadt. Sie hat ueber 91 000 Einwohner. Ist das wenig?