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„Die Welt braucht mehr queere Geschichten“

Zwei Frauen, die sich lieben – in Russland ein Tabu. Dagegen schreibt Wlada Kolosowa mit ihrem Roman „Fliegende Hunde“ an. Ebenso gegen die ausbeuterische Modelbranche und gefährliche Diät-Plattformen. Wir haben mit ihr drüber gesprochen

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Ein lesbisches Pärchen in Russland

fluter.de: Warum wolltest du unbedingt ein Buch über eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen russischen Frauen schreiben? 

Wlada Kolosowa: Ich bin in Russland geboren und erst mit zwölf mit meiner Mutter nach Deutschland gezogen, weiß also, wie es ist, in einer russischen Kleinstadt aufzuwachsen. Ich finde es spannend, Leser an Orte mitzunehmen, an die sie sonst nicht kommen würden. „Fliegende Hunde“ ist aus zwei meiner Kurzgeschichten über junge russische Frauen entstanden. In der einen verliert sich Oksana in einer Online-Community für Magersüchtige. In der anderen geht Lena nach Asien, um Karriere als Model zu machen. Die beiden Frauen verlieben sich, aber das ist nur einer der Konflikte im Roman. Ich finde, die Welt braucht mehr Geschichten, bei denen das Queer-Sein ganz selbstverständlich ein Teil der Erzählung ist. Nicht nur Bücher, die sich um ein Coming-out drehen.

Deine beiden Protagonistinnen leben in einer trostlosen Trabantenstadt von Sankt Petersburg. Bist du in einem ähnlichen Vorort groß geworden? 

Ich bin in Sankt Petersburg geboren, aber in einer Siedlung hinter dem Polarkreis aufgewachsen. Später habe ich in einer Kleinstadt bei Tula gewohnt. Plattenbauten, Alkoholiker im Hof, tratschende Großmütter auf der Bank vor dem Haus – das kenne ich alles gut. Krylatowo, der Ort der Handlung, ist zwar fiktiv, aber aus vielen realen Details zusammengestückelt.

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Fliegende Hunde
Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde. 2018 bei Ullstein Fünf erschienen, 224 Seiten lang

In „Fliegende Hunde“ reißt du zahlreiche aktuelle Phänomene an, von gefährlichen Diät-Plattformen bis zur ausbeuterischen Modelbranche. 

Auf beiden Gebieten habe ich als Journalistin recherchiert. Auf das letzte Thema bin ich gekommen, als ich für eine Reportage ein weißrussisches Model ein Jahr lang begleitet habe. Natürlich ist längst nicht bei allen Agenturen der Grat zwischen Modeln und Prostitution so schmal wie in meiner Geschichte. Aber die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht.
Erst letztes Jahr ist eine 14-jährige Russin nach einer Modenschau in Schanghai gestorben. Sie war ernsthaft krank, wurde aber nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht, möglicherweise, weil ihre Agentur keine Versicherung für sie abgeschlossen hatte. 

In einer Szene sprechen die Eltern der Mädchen vom „sittenlosen Europa“ und sorgen sich darum, dass das Ausland Lena verderben könnte. Ist der russische Blick auf Europa tatsächlich so kritisch? 

Natürlich sehen das nicht alle Russen so. Aber die Meinung, dass die Bevölkerung Europas – von manchen auch „Gayropa“ genannt – durch die gleichgeschlechtliche Ehe aussterben wird, habe ich mehr als nur einmal gehört. 

Wie steht man in Russland zur Liebe zwischen Frauen, wie sie zwischen Lena und Oksana entsteht?

Lesbische Frauen stehen weniger in Gefahr, körperlich angegriffen zu werden, als schwule Männer. Das liegt daran, dass man ihre Liebe nicht ernst nimmt. Ich habe schon knutschende Frauen in russischen Clubs gesehen. Das geht okay, weil davon ausgegangen wird, dass sie sich nur küssen, um Männer heiß zu machen. Öffentlich ein Paar zu sein oder eine Familie zu gründen ist dagegen sehr schwer. In Russland darfst du nur dann lesbisch leben, wenn du ganz leise bist. Ein Frauenpaar, mit dem ich gesprochen habe, schläft zum Beispiel in getrennten Zimmern, seit sie Eltern sind. Einerseits, damit ihre Kinder nicht erzählen, dass Mama und Tanja sich ein Bett teilen. Andererseits wollen sie ihnen kein „schlechtes Beispiel“ sein. Da wurde quasi die gesellschaftliche Ablehnung ins Privatleben übernommen. 

Im Juni 2013 hat Russlands wiedergewählter Präsident Wladimir Putin ein Gesetz unterzeichnet, das „homosexuelle Propaganda“ unter Strafe stellt. 

 

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Wlada Kolosowa (Foto: Birgit Von Bally)
Wlada Kolosowa, 31, wurde in Sankt Petersburg geboren und kam mit zwölf nach Deutschland. Vor ein paar Jahren begann sie ihre russische Heimat wiederzuentdecken und darüber zu schreiben. Heute lebt sie in Berlin und ist Redakteurin bei Zeit Online. „Fliegende Hunde“ ist ihr erster Roman (Foto: Birgit Von Bally)

Wer sich in Russland vor Minderjährigen positiv über Themen wie Homo-, Bi- oder Transsexualität äußert, kann dafür eine Geldstrafe bekommen. Aber noch schlimmer als dieses Gesetz finde ich die Brutalität, die Homosexuelle zum Teil auch aus der Zivilbevölkerung erfahren. Ein Beispiel ist die Gruppe Occupy Pedofiljaj in dem sozialen Netzwerk VKontakte. Diese Leute setzen Homosexualität mit Pädophilie gleich. Ihre Mitglieder verabreden sich online mit homosexuellen Männern, um sie dann zusammenzuschlagen. 

Neben gleichgeschlechtlicher Liebe schreibst du auch noch über ein anderes heikles Thema: die Blockade von Leningrad. 

Leningrad – heute Sankt Petersburg – war während des Zweiten Weltkriegs fast zweieinhalb Jahre lang von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen. Etwa eine Million Menschen sind damals verhungert. Viele Menschen wollen nicht über diese schlimme Episode in der Geschichte reden. In meinem Roman ahmt eine Online-Community die Hungerblockade nach, um abzunehmen. Tatsächlich gibt es viele Foren, in denen Mädchen einander in ihrer Magersucht anspornen. Die Community hinter der „Leningrad-Diät“ ist allerdings fiktiv. Es ist eine grausame, totalitäre Gruppe. Oksana ist dieser Community verfallen und kocht Blockaderezepte wie Gürtelsuppe oder Pudding aus Tischlerleim nach. 

 

Wurde das wirklich während der Blockade gegessen?

Es sind keine Rezepte, die man nachkochen sollte. Aber sie basieren auf Aufzeichnungen, die ich in Archiven und Zeitzeugenberichten gefunden habe. Im Blockademuseum in Sankt Petersburg kann man sich die winzigen Brot-Tagesrationen ansehen, die die Menschen zugeteilt bekommen haben. Die Menschen haben in ihrer Verzweiflung alles gegessen, was organischen Ursprungs war: Tapetenkleister, Vaseline oder ihre eigenen Haustiere. 

Titelbild: Mads Nissen/Berlingske/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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