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Pessach, Ostern und Ramadan im Lockdown: Wie verändert Covid-19 den Alltag von Gläubigen?

Illustration: Bureau Chateau / Jannis Pätzold

Die Corona-Einschränkungen treffen viele Religionsgemeinschaften zu Ostern, Ramadan oder Pessach. Da die Gläubigen ihre Hochfeste nicht gemeinsam feiern können, fühlen sich manche in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt. Die ist eigentlich durch das Grundgesetz geschützt.

Grundgesetz, Artikel 4
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Das Bundesverfassungsgericht hält es momentan für rechtens, Gottesdienste zu verbieten. Es besteht aber auf eine regelmäßige und strengen Prüfung der Verhältnismäßigkeit, da das Verbot einen schwerwiegenden Eingriff in die Glaubensfreiheit darstelle. Vier junge Menschen erzählen, wie sie trotz Kontaktverbot nicht vom Glauben abfallen.

„Jetzt beginnt der Ramadan, und vieles ist unklar“

Soraya, 28, Referendarin aus der Nähe von Karlsruhe

Der Islam spielt eine zentrale Rolle in meinem Leben. Ich halte mich an die Essensvorschriften, trinke keinen Alkohol und bete fünfmal täglich. Vor Corona war ich immer mittwochabends beim Tafsir-Kreis meiner Gemeinde, in dem uns jemand den Koran erklärt, und sonntags in einem Intensivkurs.

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Muslimischer Gebetsteppich

Wohnzimmerandacht: Sorayas Gebetsteppich

In Anbetracht der Lage finde ich die Kurse per Videokonferenz und Slack ganz praktisch. Ich sehe trotz der Kontaktsperre die Gesichter meiner Glaubensgeschwister, was sehr schön ist, und finde das Lernen zu Hause sogar bequemer. Trotzdem gehört zu meiner Religion echter Kontakt. Das Gebet in der Gemeinschaft ist ganz besonders, weil wir nah beieinander, Körper an Körper, stehen und zu Gott beten.

Jetzt beginnt der Ramadan, und vieles ist unklar. Das gemeinsame Fastenbrechen mit Muslimen und Nichtmuslimen ist ein Erlebnis der Gemeinschaft: gemeinsam vorbereiten, austeilen und essen. Ich habe immer im Hinterkopf, dass die Kontaktbeschränkungen irgendwann zu Ende gehen. Aber es macht mich traurig, dass das dieses Jahr voraussichtlich fehlen wird: in der Gemeinschaft etwas für die Gemeinschaft tun.

„Am Laptop singen klingt einfach nicht so schön“

Monty, 28, Doktorand aus Berlin

Jüdisch sein ist für mich sehr stark an Gemeinschaft gebunden. Ich mache Gemeindehopping und gehe zu mehreren Gemeinden. In Berlin gibt es so viele Angebote.

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Kiddusch in Berlin

Muss sein: Siddur (Gebetbuch), Challe (abgedeckt), Kidduschwein und Kerzen

Mir ist wichtig, dass ich freitags zum Gottesdienst gehe. Dieses Jahr haben mich meine Dissertation und kleinere Krankheiten von dieser Routine abgehalten – schon vor Corona. Dann habe ich stattdessen zu Hause Kerzen angezündet, eine Challe (Hefezopf) besorgt und den Segen über Kerzen, Brot und Wein gesprochen. Das ist das Mindeste, was ich jede Woche möchte, und das funktioniert auch jetzt in Quarantäne.

Die Gemeinschaft ist der Aspekt, der in dieser Krise unerreichbar scheint. Es gibt jetzt viele Lösungen, etwa Hilfsnetzwerke für Menschen in Isolation. Die finde ich wichtig, und sie zeigen, was es heißt, religiös zu sein. Über Videokonferenzen zu beten, mit Leuten rund um den Globus, ist eine schöne Chance. Aber wenn man am Laptop singt, klingt das einfach nicht so schön. So gut die Technik ist, die ja auch Gemeinschaft schaffen kann: Die Zeitunterschiede und das Kratzen sind eigenartig.

Gerade ist das Pessach-Fest zu Ende gegangen. An Pessach steht die Geschichte des jüdischen Auszugs aus Ägypten im Mittelpunkt, der durch Speisen und Erzählungen gemeinsam mit der Familie erlebt wird. Das funktioniert über eine Videokonferenz nicht, aber ich habe andere Aspekte beherzigt, zum Beispiel die Wohnung aufgeräumt und das Gesäuerte aussortiert.

Die aktuellen Maßnahmen greifen stark in unsere persönlichen Rechte ein, ein hoher jüdischer Feiertag wie Pessach lässt einen das auch kritisch hinterfragen. Für mich als Asthmatiker, also Risikogruppe, ist die Pandemie auch emotional anstrengend, und die Gesundheit geht vor. Aber die Einschränkungen müssen maßvoll sein – und die Isolation irgendwann ein Ende finden.

„Vielen Sikhs ist egal, dass die Friseursalons gerade geschlossen sind: Wir schneiden uns nicht die Haare“

Harpreed, 22, Sonderpädagogik-Studentin aus Hamburg

Ich lebe meine Religion aktiv. Dazu gehören feste Gebete, zum Beispiel morgens, bevor die Sonne aufgeht, oder an den Wochenenden bei meiner Gemeinde im Gurdwara. Der Gurdwara ist das Gotteshaus der Sikhs und wird im Deutschen als „Das Tor zum Guru“ übersetzt.

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Mul Mantar Sikh Deutschland

Vom Fach: Kursmaterial und das „Mul Mantar“, die ersten Zeilen der heiligen Schrift im Sikhismus

Am 14. April haben wir Khalsa Sajna Diwas gefeiert, die Gründung der Khalsa-Gemeinschaft. Der Tag ist sehr, sehr wichtig, die Gemeinde ist normalerweise überfüllt, und hält besondere Vorträge und Gebete ab. Dieses Jahr war die Stimmung nicht gut, weil wir zu Hause feiern mussten.

Aber Covid-19 bedeutet nicht, dass wir uns als Gemeinde auseinanderleben. Wir treffen uns dreimal die Woche zu einer Videokonferenz, sprechen, beten, meditieren und singen. In meiner Gemeinde sind auch Sikhs aus England, Italien oder anderen Teilen Deutschlands, die ihre Erfahrungen mit der Quarantäne teilen. Auch mein Harmoniumunterricht kann weitergehen: Ich unterrichte das Instrument, weil viele Gebete darauf begleitet werden, und habe schon vor der Pandemie Lernvideos auf YouTube gestellt. Ich nehme jetzt noch mehr Videos auf und schicke die an meine Schüler, damit sie zu Hause üben.

Bis jetzt hat der Glaube auf Distanz ganz gut funktioniert. Aber so wichtig die Isolation für unsere Gesundheit ist: Der Gang in die Gemeinde fehlt mir, dort sind meine Freund. Mit ihnen kann ich auch über WhatsApp sprechen, aber sich gegenüberzusitzen, die Heilige Schrift vor sich zu haben, sich vor ihr zu verneigen – das fehlt mir.

Die anderen Einschränkungen stören mich nicht so. Vielen Sikhs dürfte zum Beispiel egal sein, dass Friseursalons gerade geschlossen sind: Wir schneiden uns nicht die Haare. Alles, was Gott gibt, ist ein Geschenk, das wir annehmen. Und im Alltag trage ich eh einen Turban.

„Tote Katholiken bringen uns auch nichts“

Matthias, 17, Abiturient aus Karlsruhe

Ich fühle mich durch die Beschränkungen nicht eingeschränkt. Durch das Virus, also höhere Gewalt, ist es eben nicht möglich, in den Gottesdienst zu gehen. Ich verstehe, dass manche Leute auf Religionsfreiheit pochen, aber dass Gemeinden geklagt haben, finde ich eher unchristlich. Jeder sollte ein Interesse daran haben, dass die Gemeinde, dass alle Menschen gesund sind. Tote Katholiken bringen uns, mal ganz salopp gesagt, auch nichts.

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Kreuz aus Olivenholz

Matthias betet immer vor dem Einschlafen

Die Osternacht ist normalerweise mein Lieblingsgottesdienst. Das Licht am Abend, die Kerzen, viele Musiker, eine volle Kirche, das ganze Drumherum. Es ist ja auch der höchste Feiertag der katholischen Kirche. Dieses Jahr hat meine Gemeinde St. Rafael den Gottesdienst live auf YouTube gestreamt.

Meine Familie und ich haben den Gottesdienst mitgeschaut und eine Kerze angezündet. Wir saßen auf dem Sofa, haben mitgesungen und gebetet. Ich war überrascht, wie digital meine Gemeinde ist.

Normalerweise geht in der Osternacht immer das Osterlicht durch die Bänke. Mit dem Leitungsteam der Ministranten habe ich initiiert, dass wir den Leuten nach der gestreamten Messe das Licht nach Hause bringen. Viele waren uns sehr dankbar.

Ich finde, so haben wir Ostern dieses Jahr relativ elegant gelöst. Aber noch ein Fest in Isolation brauche ich nicht, da gehen einfach Atmosphäre und Gemeinschaft verloren. Es ist etwas ganz anderes, zu fünft im Wohnzimmer zu sitzen, als mit mehr als hundert Menschen in der Kirche.

Titelbild: Bureau Chateau / Jannis Pätzold, alle kleinen Fotos: privat

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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