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Rap auf der roten Liste

Die Hip-Hop-Szene der Türkei wächst – und gerät immer wieder in den Konflikt zwischen Kunstfreiheit und Zensur

  • 4 Min.
Der Rapper 'Ezhel' umarmt Freunde nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis (Foto: BULENT KILIC/AFP/Getty Images)

Rap gewinnt in der Türkei in den letzten Jahren immer stärker an Popularität. Nicht so sehr in Radio und Fernsehen oder in den Printmedien, dafür aber umso mehr in den sozialen Medien. Seit Recep Tayyip Erdoğan das Land regiert – mittlerweile rund 16 Jahre –, haben sich starke gesellschaftliche und politische Veränderungen vollzogen. Zensur und Selbstzensur sind seit einigen Jahren an der Tagesordnung, genau wie Verhaftungswellen gegenüber Journalist*innen und Oppositionellen. Die Zensur von Kunst, Presse und auch der Wissenschaft zieht sich – unabhängig von der regierenden Partei – ohnehin wie ein roter Faden durch die Geschichte des Landes. Und die wirkt sich auch auf den Rap aus, der ja von expliziten Lyrics lebt. 

Türkischsprachiger Rap entstand nicht in der Türkei, sondern Ende der 1980er-Jahre in Berlin-Kreuzberg. Zu den Vorreitern zählen die Islamic Force, dessen damaliges Mitglied Killa Hakan heute immer noch aktiver MC ist. Durch die Crew Cartel wurde Rap in der Türkei Mitte der 1990er-Jahre populär. Der erste Rap-Act aus der Türkei selbst ist die Crew Nefret (dt.: Hass) aus Istanbul, bestehend aus Ceza (dt.: Strafe) und Dr. Fuchs. Ceza ist heute nach wie vor der populärste türkische Rapper. Er und andere Größen wie Sagopa Kajmer, Gazapizm, Canbay & Wolker und vor allem Ezhel boasten und dissen, doch anders als etwa in Deutschland stoßen MCs in der Türkei auf politische und juristische Barrieren, die zum Teil religiös-moralisch begründet sind und die (Kunst-)Freiheit einschränken. 

So wurde im Mai 2018 der Rapper Ezhel, mit bürgerlichem Namen Sercan Ipekcioglu, aus Ankara im Vorfeld der vorgezogenen Präsidentschaftswahlen in Untersuchungshaft genommen. Der Vorwurf: Im Song „Alo“ (dt.: Hallo) würde er zum Drogenkonsum aufrufen. Ezhel wurde auf Grundlage seines künstlerischen Werkes verhaftet und nicht, weil er eine reelle Straftat begangen hat. Amnesty International und Fans von Ezhel initiierten eine Kampagne zur Freilassung des Künstlers. Als das am 19. Juni geschah, forderte Ezhel: „Die Kunstfreiheit muss geschützt werden.“

208 Songs auf der roten Liste – in einem Jahr

Diese Forderung kann auf alle Musikrichtungen in der Türkei übertragen werden: Bereits im Jahr 2016 wurden vom staatlichen Sender TRT 208 Songs auf eine rote Liste gesetzt, unter anderem, weil das Wort sevişmek (dt.: Liebe machen) oder sarhoş (dt.: betrunken) vorkommt. Dies gleicht einer Kampfansage, weil es nicht nur um den Konsum von Alkohol geht, sondern auch darum, wer im öffentlichen Raum sichtbar sein darf. Und wer nicht.  

Wenn Rapper Alkohol- und Drogenkonsum thematisieren, greifen sie damit indirekt zum einen die Regierungspolitik an, die sich restriktiv auf das private und öffentliche Leben der Bürger*innen auswirkt. Zum anderen spiegeln sie in ihren Texten auch den Zustand des Landes wider: Wirtschaftlicher Abstieg, Flucht in Drogen und Alkoholkonsum zeigen die gesellschaftliche Krise, die für Teile der Bevölkerung spürbar ist. Das Video zu „Şehrimin tadı“ (Der Geschmack meiner Stadt) von Ezhel wurde über 60 Millionen Mal geklickt. Darin rappt er: „Immer nur für euch, Alter, wir wollen auch etwas / Die Jugendlichen sind arbeitslos, während ihr die Chefs seid, dann fick die Arbeit.“ 

Noch nie wurde in so vielen Fällen wegen Präsidentenbeleidigung ermittelt wie unter Erdoğan

Es gibt in der Türkei keine Rap-Songs, in denen explizit Regierungspolitiker verbal angegriffen werden. Angesichts der Tatsache, dass 2017 die Staatsanwaltschaft in 20.539 Fällen wegen Präsidentenbeleidigung ermittelte und es in über 6.000 Fällen zum Prozess kam, kann das als Selbstzensur gelesen werden. Präsidentenbeleidigung ist seit 1993 im türkischen Strafgesetz verankert, also bereits vor der Zeit Erdoğans, der seit 2003 Ministerpräsident war und seit 2014 Präsident ist. Jedoch kam das Gesetz nie so häufig zur Anwendung wie in seiner Amtszeit. Aktuell befindet sich die Türkei laut Reporter ohne Grenzen weltweit beim Thema Pressefreiheit nur noch auf dem 157. von 180 Plätzen. Die Türkei gehöre zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Im März mussten auch deutsche Journalisten das Land verlassen

Rapper*innen in der Türkei sind mit einer Reihe von Einschränkungen konfrontiert, die zum Beispiel in Deutschland durch die Kunstfreiheit im Grundgesetz gedeckt sind. Explizite Kraftausdrücke, wie beispielsweise das Wort bok (dt.: Scheiße), müssen auf Alben mit Stickern überklebt werden. 

„Frauen, die nicht Mütter werden, weil sie arbeiten, sind nur halbe Frauen“

Angesichts der konservativ-religiösen Politik und der Vorstellung, dass Rap eine männliche Domäne ist, sind weibliche MCs doppelt subversiv. Präsident Erdoğan konstatierte mehrfach, Männer und Frauen könnten nicht gleichberechtigt sein, weil das widernatürlich sei. Rap aber bietet Frauen die Möglichkeit, als solche zu sprechen und von einer breiten Masse gehört zu werden. Die Rapperin Ayben hat Ende 2017 das Album „Başkan“ (dt.: Chef, Präsident) produziert. Den Begriff Başkan verwendet sie selbst ausdrücklich im Straßenjargon, so wie es in Rap-Battles üblich ist. Er ist aber auch ein Angriff auf das herrschende Rollenverständnis. Unter anderem mit dem Satz „Frauen, die nicht Mütter werden, weil sie arbeiten, sind nur halbe Frauen“ hatte Erdoğan verdeutlicht, welch konservative Frauenpolitik er verfolgt. 2017 wurden nach Angaben des Frauenrechtsvereins Kadın cinayetlerini durduracağız platformu in der Türkei 409 Frauen ermordet. Ayben widmete ihr Album allen Frauen, die durch Unterdrückung und Gewalt zum Schweigen gebracht werden. So eröffnet Rapmusik ihren Künstler*innen und Fans solidarische Räume, um ein anderes Gesellschaftsmodell zu fordern und das herrschende zu kritisieren – wenn auch nur indirekt. 

Titelbild: BULENT KILIC/AFP/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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