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„Mama muss sich um Weltpolitik kümmern“

Die Comedienne Meltem Kaptan spielt im Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ die Mutter von Murat Kurnaz. Hier erklärt sie, warum der Fall des ehemaligen Guantánamo-Gefangenen bis heute aktuell ist

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Rabye Kurnaz vs. George W. Bush

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ läuft ab sofort in den Kinos, feierte aber auf der Berlinale Premiere – weshalb wir schon im Februar mit Meltem Kaptan gesprochen haben.

Meltem Kaptan (auf dem Titelbild rechts), geboren 1980 in Gütersloh, ist Comedienne, Autorin und Moderatorin, unter anderem bei der ARD-Sendung „Ladies Night“. „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Regisseur Andreas Dresen ist Kaptans erste deutsche Spielfilmproduktion. Dafür erhielt sie auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle. 

fluter.de: Frau Kaptan, in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ spielen Sie die Mutter von Murat Kurnaz, der von 2002 bis 2006 ohne Anklage im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba interniert war, weil ihm terroristische Aktivitäten im Zusammenhang mit 9/11 vorgeworfen wurden. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie von dem Fall erfahren haben?

Meltem Kaptan: Zum ersten Mal habe ich Murat Kurnaz in einem TV-Interview mit Reinhold Beckmann gesehen. Das war 2006, er war gerade nach Deutschland zurückgekommen. Dieses Bild von Murat Kurnaz hat sich mir eingeprägt: die langen Haare, der Bart und dieses verzögerte, langsame Sprechen. Seine Erscheinung hat mich sehr erschüttert.

Der Film thematisiert auch die deutsche Berichterstattung während seiner Inhaftierung. Welchen Eindruck hatten Sie davon bei der Recherche für Ihre Rolle?

Man erkennt in dem Film, welche Kraft Pressestimmen haben. Diese Schlagzeile „Der Bremer Taliban“ zum Beispiel: So wurde Murat Kurnaz in der Öffentlichkeit bekannt. Die Fixierung auf seine vermeintlich islamistische Haltung hat seine Rückkehr nach Deutschland erschwert. Auf der anderen Seite waren es aber auch Medien in den USA und in Deutschland, die auf den Fall und generell auf die Verbrechen in Guantánamo aufmerksam gemacht haben. Sie haben letztlich mitgeholfen, Kurnaz da rauszuholen. 

Die damalige Bundesregierung hat sich jahrelang nicht für die Freilassung von Kurnaz eingesetzt. Dabei spielte auch eine Rolle, dass Kurnaz zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, aber einen türkischen Pass hatte.

Für mich ist der Film deshalb so aktuell. Ich als Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund kann sagen, dass diese Frage immer noch gestellt wird: Wann gilt jemand als deutsch? Inwiefern übernehmen wir als Gesellschaft Verantwortung für junge Menschen, die hier sozialisiert und zur Schule gegangen sind? Egal ob sie Eltern mit anderer Herkunft haben. Murat Kurnaz gehört nach Deutschland. Da hätte die Frage nicht lauten sollen, ob er Schuld hatte, sondern ob die deutsche Rechtsstaatlichkeit auch für ihn da ist.

„Irgendwann habe ich auch im Alltag angefangen, ein paar Stunden wie Rabiye Kurnaz zu sprechen“

Seitdem wurde der Fall in Untersuchungsausschüssen des Bundestags verhandelt, Kurnaz selbst hat ein Buch veröffentlicht, es gibt mehrere Filme. Was hat Sie als Schauspielerin daran interessiert, die Geschichte nun aus der Perspektive der Mutter darzustellen?

Die Brutalität, die Kurnaz in Guantánamo erfahren hat, wurde in den anderen Filmen gezeigt. Die Perspektive der Mutter zeigt jetzt, wie sich eine politische Entscheidung auf das Schicksal eines einzelnen Menschen auswirkt. Dieser Mensch ist nicht allein, er hat Angehörige. Kurnaz’ Frau in der Türkei, die jahrelang auf ihn wartet. Sein kleiner Bruder, der sich aus Milch und Toast ein Essen macht, Mama muss sich ja um Weltpolitik kümmern. Und dann natürlich seine Mutter selbst, die eigentlich nur Mutter sein möchte, aber plötzlich vor dem Supreme Court steht.

Sie haben die echte Rabiye Kurnaz kennengelernt, die für die Rechte ihres Sohnes kämpfte. Was ist sie für ein Mensch?

Eine Art Übermutter, das kann man schon sagen. Sie steht 100 Prozent für ihre Kinder ein und sieht die Mutterrolle als Lebensaufgabe. Als Erstes ist mir aber aufgefallen, dass diese Frau nach allem, was sie erlebt hat, ihren Humor und ihre positive Lebenseinstellung behalten hat. Bei unserer ersten Begegnung war auch ihr Anwalt Bernhard Docke dabei (im Film gespielt von Alexander Scheer, Anm. d. Red.). Mit dem hat sie einen Witz nach dem anderen gerissen, die beiden haben schallend gelacht. Ihr Humor ist ihre Kraftquelle und musste unbedingt gezeigt werden. 

Im Film spricht die Familie Kurnaz einen Sprachmix aus Deutsch und Türkisch. Wie haben Sie in der Hinsicht mit der Drehbuchautorin Laila Stieler und dem Regisseur Andreas Dresen – die ja keine Türkisch-Muttersprachler sind – zusammengearbeitet? 

Das Drehbuch kam schon nah an die Essenz einer türkischen Familie heran. Oft werden deutsche Wörter in den türkischen Satz eingebaut, oder ein Satz fängt türkisch an und hört deutsch auf. Das kenne ich alles, es fühlte sich organisch an. Natürlich überprüft man alles noch mal und arbeitet gemeinsam an sprachlichen Details, etwa wann welcher Kosename verwendet wird: mein Schatz, mein Schäfchen. In Vorbereitung auf die Rolle der Rabiye habe ich mich auch mit ihrem Sprachduktus und ihrem Dialekt im Türkischen auseinandergesetzt. Irgendwann habe ich auch im Alltag angefangen, ein paar Stunden wie Rabiye Kurnaz zu sprechen.

Auch als Comedienne thematisieren Sie Integrationsdebatten oder eigene Erfahrungen mit einer postmigrantischen Identität. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen Ihrer Comedy und dem Film?

Es gibt eine Form von Comedy, die feiner ist als andere und besonders nah an einem Charakter. So wollte ich diese Figur anlegen, um in dieser tragischen Geschichte pietätvoll zu bleiben, die Balance zu halten. Themen wie Integration sind zwar in meiner Comedy immer wichtig gewesen, weil ich einen Migrationshintergrund habe. Postmigrantisch bedeutet für mich aber, dass ich mich als Mitglied der deutschen Gesellschaft sehe und in allen Bereichen mitgestalten möchte. Deswegen gehe ich auch in andere Gefilde, die nichts damit zu tun haben, dass ich einen Migrationshintergrund habe. 

Frank-Walter Steinmeier wurde gerade als Bundespräsident wiedergewählt. Er hat sich als Kanzleramtschef der rot-grünen Regierung damals mit dem Fall befasst, lehnt bisher aber ab, sich bei Murat Kurnaz zu entschuldigen. Was halten Sie von dieser Debatte?

Murat Kurnaz hat mal sinngemäß gesagt, er würde Herrn Steinmeier fragen: „Wenn ich ein Kind wäre, das in einem Becken ertrinkt, und Sie wären der Bademeister: Würden Sie mich dann auch erst fragen, welche Nationalität ich habe – oder würden Sie mich retten?“ Ich denke, damit ist alles gesagt.

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ läuft ab dem 28. April in den deutschen Kinos.

Titelbild: Andreas Hoefer /​ Pandora Film

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.