Das Heft – Nr. 78

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Im Rausch der Geschichte

Seit Jahrtausenden setzt der Mensch auf die berauschende Wirkung der Natur: eine kurze Geschichte pflanzlicher Drogen

Afghanische Polizisten zerstören ein Mohnfeld

Vorzeit: Pilze in der Wüste

Die Geschichte pflanzlicher Drogen ist fast so alt wie die Menschheit. Ihre früheste Darstellung stammt aus einer Zeit, als selbst die Sahara noch ein blühender Garten Eden war, und findet sich in einem Sandsteingebirge im südlichen Algerien. Dort zeigen prähistorische Höhlenmalereien Menschen mit rituellen Kopfbedeckungen beim glücklichen Tanz. In ihren Händen halten sie Pilze, von denen gestrichelte Linien zum Kopf führen – nicht nur die älteste Darstellung einer Droge überhaupt, sondern auch eine künstlerische Umsetzung ihrer Wirkung.

Die Bilder sind vermutlich 10.000 Jahre alt und verweisen auf den Gebrauch psilocybinhaltiger Pilze in frühen Hochkulturen. Das darin enthaltene Psilocyn oder Psilocybin wirkt ähnlich bewusstseinserweiternd wie LSD. Es führt zu einer Veränderung des Bewusstseinszustands, zu Wachträumen und Visionen, kann allerdings auch psychische Störungen verursachen.

Unter den Azteken waren die Pilze als „Teonanacatl“ bekannt, „Fleisch der Götter“. Göttlichen Ursprungs ist auch das älteste überlieferte Wort für Droge überhaupt, erstmals aufgeschrieben in Sanskrit in den ältesten religiösen Texten des alten Indien, den Veden. Darin ist die Rede von „Soma“ – zugleich Gott, Pflanze und berauschender Saft. Über die Zusammensetzung dieses Saftes rätselt die Wissenschaft bis heute. Vermutet wird, dass die Basis der Fliegenpilz war.

Frühzeit: Flüssiges Brot für den Pharao

Der Pilz kam aus der Mode, als erste Zivilisationen den Ackerbau kultivierten. In der Folge entdeckten sie fast zwangsläufig den Alkohol, beinahe gleichzeitig im Nahen Osten und Ostasien. Das älteste Rezept ist chinesisch, Brauereien lassen sich auch in Mesopotamien oder dem Sudan nachweisen. In der ägyptischen Mythologie war es Osiris, der den Menschen das Brauen beibrachte. Wobei es da nicht viel beizubringen gab. Gerstenbrei, feucht gelagert, beginnt zu gären. Zum Lohn für die Arbeiter an den Pyramiden gehörte nicht nur Brot, sondern auch Bier. Wegen seiner Wirkung war das Bier recht schnell Gegenstand sowohl drakonischer Verbote wie auch festlicher Rituale. Wer bei den Sumerern beim Panschen von Bier erwischt wurde, konnte in seinen Fässern ertränkt werden.

An hohen ägyptischen Feiertagen war das gemeinsame Besäufnis ein gesellschaftliches Ereignis. Wer während dieser Exzesse gezeugt wurde, galt künftig als Glückskind. Die Griechen neigten eher zur gärenden Traube und hatten mit Dionysos sogar einen für Rauschzustände zuständigen Gott. Doch auch in Athen diente der Alkohol höheren Zwecken. Im „Symposion“ wurde zwar gebechert, mit der gelockerten Zunge aber auch Philosophie betrieben.

Mittelalter: Gute Laune mit der Kräuterhexe

In finsteren Zeiten war das Wissen sehr nützlich, wogegen womöglich „ein Kraut gewachsen“ war – und wo man es finden konnte. Am Wegesrand wuchsen Helferlein, von der Tollkirsche über „Narrische Schwammerl“ bis zum Stechapfel. In den falschen Händen ließ sich damit viel Unheil anrichten. In kundigen Händen dienten die besänftigenden Stoffe der Heilung. Ein Gemisch aus Alraune, Bilsenkraut und Mohn war als „Schlafschwamm“ eine gängige Methode zur Narkose. Aus den angeritzten Samenkapseln der Mohnblume wurde schon im Mittelalter eine mächtige Droge gewonnen: das Opium. Der Saft hatte heilende Wirkung, wie schon Hildegard von Bingen notierte: „Und das safft geheltet man.“ Als eingedickte Paste mit Honig (Latwerge genannt) diente der Schlafmohn betäubenden Zwecken.

Der Einsatz solcher Mittel erfolgte oft unter den argwöhnischen Augen der Kirche, die Krankheiten für eine Strafe Gottes hielt. Wer zu viel wusste, konnte als „Kräuterhexe“ schnell auf dem Scheiterhaufen enden.

Frühe Neuzeit: Blätter für die Eroberer

Schon immer wurden in Südamerika die Blätter des Kokastrauchs gekaut. Sie halfen gegen Hunger, Müdigkeit, Kälte und dem Blut bei der Aufnahme von Sauerstoff. Eine Eigenschaft, die dem Kokastrauch zu einer blühenden Karriere auch in den Anden verhalf. Getrunken wurde Koka auch als Tee und gekaut stets mit Zusätzen aus Kalk oder Pflanzenasche. Zusammen mit Speichel aufgetragen wirkte es sogar schmerzlindernd.

Eine erste Wende war die Ankunft der spanischen Eroberer. Bekannt ist, dass viele davon nicht nur Gefallen an Gold und Silber und Tabak fanden, sondern ihre neuen Reiche mit Kokablättern in den Sattel- und Backentaschen eroberten. Die Wirkung der Kokapflanze diente den Ausbeutern beim Ausbeuten. So freute sich ein königlicher Buchhalter in Peru schon im 16. Jahrhundert: „Die Indios in den Minen können 36 Stunden unter Tag bleiben, ohne zu schlafen und zu essen.“ Später schaffte es der aufputschende Stoff sogar in die ursprüngliche Rezeptur einer weltbekannten US-Limonade.

Eine zweite Wende war die 1859 gelungene Isolierung von Kokain aus den Kokablättern. Aber das ist eine andere Geschichte und hat mit der Pflanze kaum mehr etwas zu tun.

Heute: Marihuana für die Massen

Cannabis, auch Marihuana, Gras, Weed, Pot oder Ganja genannt, ist so etwas wie der Klassiker im Garten der Spezialpflanzen. Schon im chinesischen und indischen Altertum nutzte man Cannabis zu medizinischen oder spirituellen Zwecken. Im Abendland wurde zwar Hanf angebaut, auf den Wirkstoff – Tetrahydrocannabinol, kurz THC – aber lange keinerlei Wert gelegt. In der christlichen Überlieferung galt er als exotisch und gefährlich. Kreuzritter fürchteten sich vor den Meuchelmördern der syrischen Assassinen, „Haschaschinen“, was übersetzt so viel wie „Haschischleute“ bedeutet – angeblich nutzten die Assassinen die Droge, um ihre Anhänger gefügig zu machen. Was eine Legende sein dürfte. Der Konsum von Gras macht die meisten Menschen antriebslos. Bei manchen löst er auch Psychosen aus.

Karriere im Westen machte Cannabis erstmals in Paris im exklusiven „Klub der Haschischesser“. Künstler und Intellektuelle von Victor Hugo über Charles Baudelaire bis zum Maler Eugène Delacroix trafen sich, um das mit Zimt, Nelken, Pistazien und Butter zu einer Paste verarbeitete „Haschisch“ zu sich zu nehmen. Ihr Ziel war eine Erweiterung des Bewusstseins, eine Steigerung der Sinneseindrücke – alles Motive, die heute noch Menschen zum Kiffen verleiten.

In den meisten Ländern ist Cannabis verboten, in anderen ist ein Umdenken im Gange, das nicht nur eine Legalisierung von Cannabis ermöglicht (etwa in den USA oder Uruguay), sondern auch die medikamentösen Vorzüge der Pflanze in den Blick rückt. In Deutschland sind seit einiger Zeit THC-freie CBD-Tropfen frei erhältlich. Deren Wirkstoff, das Cannabidiol, entspannt auch – berauscht aber nicht.

Du willst mehr zum Thema wissen? Auch über die Gefahren von Drogen? Klar, wir haben auch dazu schon ein fluter-Heft gemacht.

Titelbild:  Benjamin Lowy/Edit by Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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