Thema – Nachhaltigkeit

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Mir reicht’s

Schafft man es, sich ein Jahr lang nichts zu kaufen? Keine Klamotten, kein Handy, kein gar nichts? Christiane Schwausch hat es ausprobiert – und gar nicht mehr damit aufgehört

  • einmal Feuerzeug nachfüllen
Foto: Jan Q. Maschinski

fluter.de: Wie kamst du auf die Idee, ein Jahr lang nichts zu kaufen?

Christiane Schwausch: Besonders nach meiner Arbeit in der Entwicklungspolitik hatte ich das Gefühl, dass man eigentlich gar nichts mehr kaufen kann – denn in gewisser Weise klebt fast überall Blut dran. Wieso tue ich jemand anderem, der Umwelt und dem Klima etwas Schlechtes, nur weil ich mir etwas „Gutes“ tun will? Also nahm ich mich ein bisschen aus dem Konsumding raus, auch um zu schauen, wie das eigentlich alles genau funktioniert: Wie läuft die Wertschöpfungskette ab, wer ist beteiligt, was sind Alternativen?

 

Für die Umsetzung hast du dir ein Spiel überlegt.

Genau, das Projekt wurde zu einem Gemeinschaftsspiel, zu einer Online-Challenge. Die Regeln: Ein Jahr keine Konsumgüter kaufen. Joker pro Person: zwei. Austauschen kann man sich in einer Facebook-Gruppe.

 „Bei meiner Arbeit muss ich öfters schick aussehen. Da kann es ein Problem sein, wenn man merkt: Diese kaputten Schuhe oder Hosen gehen nicht mehr klar“

Auf welche Hürden bist du gestoßen?

 

Zum Beispiel bei technologischen Geräten, die ich beruflich brauche und für die es irgendwann einfach keine Software-Updates mehr gibt. Auch muss ich bei meiner Arbeit öfters mal schick aussehen, und da kann es schon ein Problem sein, wenn man merkt: Diese kaputten Schuhe oder Hosen gehen gar nicht mehr klar; du kannst das nicht noch ein halbes Jahr rauszögern oder zum zehnten Mal nähen. Es ist auch nicht immer einfach, den Freundeskreis davon zu überzeugen, dass ein Geburtstagsgruppengeschenk kein Zeug sein muss. Für viele Fälle finden sich aber schnell Alternativen.

 

Wofür hast du deine Joker eingesetzt?

Für einen gebrauchten Laptop, einen Secondhand-Föhn, ein Paar Secondhand-Businessschuhe und ein Buch.

 

Das sind aber mehr als zwei Sachen.

Ich stecke mittlerweile auch schon im sechsten Jahr Konsumstreik. Manche Regeln habe ich aber etwas aufgeweicht, zum Beispiel wenn ich Reparaturmaterial wie Garn brauche.

 

Warum hast du nicht wie geplant nach einem Jahr aufgehört?

Wenn man sieht, dass es geht, kommt man schlecht wieder raus. Wer schon mal eine Zeit lang aus seinem Rucksack gelebt hat, merkt auch, was er wirklich braucht. Viel Zeug, das bei einem zu Hause rumliegt, vergisst man auf Reisen sogar. 

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Christiane Schwausch (Foto: privat)

Christiane Schwausch, 35, ist Pressesprecherin der Alice Salomon Hochschule Berlin, Vorstandsvorsitzende des genug e.V. und freiberuflich in der Kampagnenarbeit tätig

(Foto: privat)

Apropos Garn: Hast du viel repariert?

Ja, seit der Challenge mache ich vieles selber – zum Beispiel nähe ich jetzt. Hätte ich die ganze Zeit nur konsumiert, hätte ich mir das nie beigebracht. So schätzt man dann auch schnell, wie viel Arbeit in der Produktion steckt. Es ist einfach unmöglich, dass Hosen so billig sind – man sitzt schon beim Ändern der Hosenbeine richtig lange! Und da sind Arbeitsschritte wie Baumwollanbau, Weben, Färben etc. noch nicht eingerechnet. Außerdem wurde mein Blick geschärft: Was ist ordentlich verarbeitet, und welches Material ist gut? Ich erkenne die Qualität eines Gegenstands jetzt viel besser.

Wie war denn dein Konsumverhalten vor der Challenge?

Ich war nicht die ganze Zeit shoppen, aber schon eine typische Person der 1990er, die gern einkaufen geht. Und dann noch aus der DDR – plötzlich gab es so viele Sachen. Heute frage ich mich vor einer Konsumentscheidung: Brauch ich das wirklich? 

Dein Ansatz, weniger zu konsumieren, geht in die Richtung der Degrowth-Bewegung, die eine Abkehr vom ständigen Wirtschaftswachstum fordert?

Die vielen Initiativen unter dem Schirm „Degrowth-Bewegung“ zeigen für mich einen Diskurs auf, der längst überfällig ist. Bisher geht Wachstum mit der Übernutzung natürlicher Ressourcen und Umweltzerstörung einher. Die Kritik am Wachstum als Nonplusultra-Lebensqualitätsindikator und das Aufzeigen von Alternativen will ich auch mit meinem Verein genug e.V. vorantreiben. Der ist aus der Konsum-Challenge entstanden.

 

Das klingt alles löblich, aber ist es manchmal nicht auch einfach schön, sich etwas Neues zu gönnen, sich zu belohnen? Was machst du stattdessen?

Ich geh dann immer einen trinken. Nein, im Ernst: Ich belohne mich nicht mehr mit neuen Klamotten oder Gadgets, aber konsumiere qualitätsorientierter.

„Einige Teilnehmer unserer Facebook-Gruppe haben ungefähr 300 Euro im Monat gespart. Ich selbst gebe gleich viel aus – aber für anderes“ 

 

Sparst du denn viel Geld durch das Nichts-Kaufen?

Einige Teilnehmer in unserer Facebook-Gruppe haben ungefähr 300 Euro im Monat gespart. Ich selbst gebe gleich viel aus – aber für anderes. Für gute Lebensmittel und Erlebnisse wie Konzerte und Kultur zum Beispiel. Und für Bahnreisen – Fliegen wäre meist viel günstiger, aber das will ich vermeiden.

 

Hat die Challenge dein Sozialleben verändert?

Ja, allein schon, weil ich mir öfters was von Freunden oder Nachbarn ausleihe. Wir haben jetzt im Hauseingang auch ein Tauschregal, und jeder weiß, wer eine Säge hat oder eine Fahrradpumpe. Man trinkt dann auch mal einen Kaffee miteinander. Es ist wichtig, das Tauschen und Teilen im Freundeskreis einfach offen anzubieten. Würde ich jetzt nicht öfter altes Holz auf der Straße finden und daraus etwas bauen, wäre ich nicht dauernd bei meinem Kumpel, der eine Schleifmaschine hat. Natürlich hätten wir auch so etwas miteinander zu tun, aber vielleicht nicht so intensiv. 

Titelbild: Jan Q. „Nailed It“ Maschinski 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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