Pro: Konsequent sein macht unglücklich

Klar, ein Flugzeug ist eine Dreckschleuder. Aber deswegen nichts von der Welt sehen oder im Fernbus verbittern? Nicht mit unserem Autor Philipp Brandstädter, der sich seines Hedonismus immerhin bewusst ist

Du verzichtest gern mal auf das Steak oder die Currywurst. Weil das mit der Massentierhaltung und der Regenwaldrodung für das viele Viehfutter und der Tiefpreispolitik im Supermarkt irgendwie nicht klargeht. Du fährst lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit, druckst deinen Geschäftsbrief beidseitig auf Recyclingpapier, drehst beim Zähneputzen den Wasserhahn zu und trittst vor dem Schlafengehen auf den roten Schalter an der Steckdosenleiste. Und dann geht’s in den Ferien mal eben in die Staaten. Beim Flug über den Atlantik schickst du mehr CO2 in die Atmosphäre, als dein Öko-Idealismus je hätte einsparen können. Na und?

Ja, ja, wir sind schuld. Wir erwärmen den Planeten, schmelzen die Polkappen, vermüllen die Ozeane mit Plastik und verpesten unsere Luft. Wer fliegt, schadet dem Klima besonders. Das weiß jeder, der nicht von egomanischer Ignoranz oder vielfliegender Reiseroutine verblendet ist. Das bedeutet aber nicht, dass man keinen Fuß mehr in ein Flugzeug setzen darf. Denn je mehr wir uns über unsere Lebensmittel, unsere Klamotten und unsere gekauften Dienstleistungen informieren, desto verzweifelter werden wir feststellen: Im Überfluss unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft schwimmend gibt es ohnehin keine richtigen Entscheidungen. Guten Flug also.

Die Angebote sind viel zu verlockend

Du beutest aus. Die Umwelt, die Menschen. Du siehst und liest es überall, kannst aber nichts daran ändern. Es zerreißt dich innerlich. Du tust es trotzdem. Die richtige Entscheidung musst du dir nämlich erst einmal leisten können. Ein Zugticket von Berlin nach Köln kann spargeplant und frühgebucht um die 20 Euro, bei einem Spontantrip aber auch 120 Euro kosten. So teuer ist ein Flugticket dank der aktuellen Kampfpreise von Billig-Airlines wie Ryanair nicht, die vorausschauenden Sparfüchse zahlen dort nur zehn Euro. Manchmal kostet der Weg zum Flughafen mehr Geld als das Flugticket selbst. Bist du bereit, aus superökologischem Idealismus ein Vielfaches zu bezahlen? Willst du auf deinem Wochenendausflug anderthalb Tage im Fernbus versauern?

Die Welt lässt sich kaum durch das tägliche Handeln des Einzelnen retten. Aber vielleicht durch grundsätzliches Selbstverständnis. Es kommt doch darauf an, dass du wenigstens weißt, was du anrichtest. Die moralische Debatte dreht sich hier wie so oft um den verantwortungsbewussten Hedonismus. Tu, was dir guttut, aber tu es bitte schön in vollem Bewusstsein. Sei dir bewusst, was sich in den Viehbetrieben abspielt, aber raste nicht gleich aus, wenn dir Mutti etwas Gutes tun will und Rouladen serviert. Sei dir ebenso bewusst, was für eine Dreckschleuder ein Flugzeug ist. Aber deswegen niemals Manchester, Istanbul oder Barcelona besuchen?

Die Angebote sind doch viel zu verlockend. Die Gelegenheiten viel zu großartig. Und so landen die Urlauber eben dort, wohin sie der Billigflieger zum Schnäppchenpreis tragen mag. Musst du deines schlechten Gewissens wegen darauf verzichten, die Welt zu sehen? Bist du ein schlechter Mensch, weil du mal Urlaub von deinem Luxusproblem machst, in einer Wohlstandsgesellschaft zu leben?

Unser Verhalten ist nicht konsequent

Du bemühst dich jeden Tag, das Richtige zu tun. Jetzt musst du auch noch das Klima retten. Es ist doch die Industrie und nicht der Flugverkehr der Touris, der den weltweiten CO2-Ausstoß hauptsächlich verursacht. Schon gar nicht der der deutschen Urlauber, die laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach neben der Reise nach Spanien, Italien oder Österreich ohnehin das gehaltvolle Daheimbleiben eher wählen als das große Fernweh.

Mal so gesehen: Du kannst die Welt doch auch durch Bildung retten. Gegen die Entfremdung ankämpfen, Grenzen überbrücken, etwas für die Völkerverständigung tun. Reisen macht’s möglich. Unser Verhalten ist nicht konsequent. Konsequent wäre, keine Sekunde länger zu konsumieren. Macht aber nicht glücklich. Also steig in den Flieger, aber noch mal: Tu es bewusst.

Das Gewissen lässt sich schließlich auch unterwegs noch beruhigen. Einfach einen Kurzen in den Tomatensaft kippen und dann die Statistiken so lesen, wie sie am besten in den Kram passen. Schließlich bist du in einem vollbesetzten Flugzeug energieeffizienter unterwegs, als wenn du dieselbe Strecke allein in einem SUV zurücklegen würdest. Du könntest auch eine Art Ablasshandel betreiben und pro Flug für deinen CO2-Ausgleich bezahlen. Ein Wasserwerk unterstützen. Ein paar Bäume pflanzen. Einfach ein paar Tage länger am Reiseziel bleiben und Land und Leute kennenlernen. Dann würde sich die weite Reise wenigstens etwas mehr lohnen.

Philipp Brandstädter lebt als freier Autor und ökologisch unkorrekter Wendehals in Berlin. Er kocht gern vegan, hat kein Auto und telefoniert mit einem Fairphone – kriegt aber nicht mehr zusammen, in wie vielen Flugzeugen er allein in den vergangenen Monaten gesessen hat.

Contra: Reisen zerstört unser Klima

Fliegen gehört verboten – in Deutschland zumindest. Wer es ernst meint mit dem Klimaschutz, darf heutzutage (eigentlich) nicht mehr ins Flugzeug steigen, findet Nick Reimer

„Fliegen Sie nicht“, heißt es im Buch „Wir Klimaretter – so ist die Wende noch zu schaffen“. Zusammen mit meinem Kollegen Toralf Staud hatte ich im Jahr 2007 klimafreundliche Alternativen zu unserem treibhausgasintensiven Leben zusammengetragen. Miet-Solaranlagen, Energie-Plus-Häuser, Holz als Baustoff oder nachwachsendes Benzin: Es gibt tatsächlich für fast jeden Lebensbereich fantastische Möglichkeiten. Nur an einer Stelle ließ sich nichts finden – beim Fliegen.

Fliegen ist die klimaschädlichste aller Mobilitätsarten. Während nach Einschätzung des Umweltbundesamtes ein Bahnreisender pro Personenkilometer im Fernverkehr 45 Gramm Treibhausgase (gemessen in CO2-Äquivalenten) verursacht, sind es bei einem Flugreisenden 231 Gramm pro Kilometer – mehr als das Fünffache. Eine Flugreise von Berlin nach Lissabon verursacht 1,25 Tonnen Treibhausgase, fast so viel wie die Summe an CO2, für deren Emission ein Namibier ein ganzes Jahr braucht. Derzeit ist der Flugverkehr weltweit für zwei Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, Tendenz stark steigend.

Streich zumindest den nächsten Flug

„Wer fliegt, zerstört das Leben anderer Menschen“, sagt der britische Umweltaktivist George Monbiot. Das mag rigoros klingen, aber es ist die Wahrheit. Flugzeuge verursachen nicht nur Kohlendioxid, sondern auch andere Schadstoffe, die einen Anteil am Treibhauseffekt haben und die noch dazu in besonders sensiblen Schichten der Erdatmosphäre ausgebracht werden: Stickoxide zum Beispiel, Sulfat-Aerosole oder auch Rußpartikel und Wasserdampf. Fliegen treibt also den Klimawandel an, und dessen Konsequenzen sind hinlänglich bekannt: Von „steigenden Zahlen von Todesfällen, Verletzungen und Erkrankungen durch Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände und Dürren“, schreibt die UN in ihrem „Weltklimabericht“.

„Fliegen Sie nicht mehr, streichen Sie zumindest den nächsten Flug“, haben wir deshalb in unserem Buch empfohlen. Nach dessen Erscheinen fragte mich mein damaliger Chef: „Hast du schon für Bali gebucht?“ Als für das Klima zuständiger Redakteur bei der Tageszeitung „taz“ sollte ich von der Klimakonferenz berichten, die 2007 auf der indonesischen Ferieninsel Bali einberufen worden war. Ein Dilemma.

Ich entschied mich für den Zug. Über Polen, die Ukraine, Russland, Kasachstan fuhr ich bis Kirgisistan, um dann auf der alten Seidenstraße den Tienschan nach Westchina zu überqueren. Durch die Wüste Lop Nor ging es 1.000 Kilometer im Liegebus, um dann weiter per Zug und Bus durch China und Vietnam zu reisen. Nach acht Wochen kam ich geschafft, aber pünktlich auf Bali an, nur das letzte Stück musste ich fliegen – die Fährverbindung war eingestellt worden.

Manchmal muss man fliegen

Die Anreisen zu den nächsten Klimakonferenzen waren weniger zeitaufwendig. Ins polnische Poznan und nach Kopenhagen kann man bequem mit dem Zug fahren, auch ins südafrikanische Durban machte ich mich 2011 per Bus und Bahn auf den Weg. 2010 gipfelten die Klimadiplomaten dann aber im mexikanischen Cancún. Eine Schiffspassage war unbezahlbar und außerdem auf Monate ausgebucht. Hier gab es zum Flugzeug keine Alternative.

Es gibt Reiseziele, die heute praktisch gar nicht anders zu erreichen sind als auf die klimaschädlichste Tour. In Deutschland aber sollte das Fliegen verboten werden. Inlandsflüge bringen praktisch kaum einen nennenswerten Zeitgewinn, und in der Bahn kann man nebenbei am Laptop arbeiten. Eben weil es Flüge gibt, die alternativlos sind, müssen jene Luftreisen, die unnötig die Atmosphäre angreifen, unterbleiben.

Auch nach Paris, Prag oder Mailand muss man nicht fliegen: Der Nachtzug ist eine komfortable Alternative. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man erreicht das Reiseziel ausgeruht, hat eine Übernachtung gespart und der Atmosphäre zusätzliche Belastungen erspart.

Beachtet wenigstens drei Regeln

Wer dennoch fliegen muss oder will, der sollte sich meiner Meinung nach seiner Verantwortung bewusst sein und ein paar Regeln beachten.

1. Sei dir deines Privilegs bewusst: Jeder Flug heute sorgt dafür, dass unsere Kindeskinder einmal weniger fliegen können, wenn die Globaltemperatur um nicht mehr als durchschnittlich zwei Grad weltweit ansteigen soll.

2. Flieg deshalb „gewissenhaft“ – also nicht für zehn Tage nach Afrika. Drei Wochen vor Ort rechtfertigen den Aufwand und die Klimaschuld schon eher.

3. Flieg nur noch mit einem CO2-Ausgleich: Für ein paar Euro – für einen Flug von Deutschland nach Lissabon sind es 27 – kann jeder seine Klimaschuld bei Anbietern wie Atmosfair kompensieren. Aber auch die geben in ihrer Werbung offen zu, nur die „zweitbeste“ Lösung zu sein. Am meisten bringe es dem Klima, gar nicht zu fliegen.

Tatsächlich bin ich in den vergangenen Jahren immer mindestens einmal geflogen. Aber nur mit Ausgleich. Wenn ich die Wahl habe, dann verzichte ich aufs Flugzeug: Auf Bahnreisen lernt man fantastische Leute kennen, genießt großartige Landschaften und bekommt ein Gefühl für die Entfernung.

Von Nick Reimer und Toralf Staud erschien 2007 das Buch „Wir Klimaretter – so ist die Wende noch zu schaffen“(Kiepenheuer & Witsch). Im Anschluss gründeten sie eine Reihe von Webportalen, die sich mit dem Thema befassen, unter anderem das Online-Magazin klimaretter.info, den klima-lügendetektor.de und klimadiplomatie.de. 2015 erschien von Nick Reimer „Schlusskonferenz – Zukunft und Geschichte der Klimadiplomatie“.

Was heißt hier kompensieren?

Die PR-Formel vom „klimaneutralen Fliegen“, mit der sich manche Anbieter schmücken, wird vom Anbieter Atmosfair nicht benutzt. Die Agentur verspricht aber, dafür zu sorgen, „dass genau die Menge Kohlendioxid, die der Flugpassagier durch seine Reise zu verantworten hat, an anderer Stelle wieder eingespart wird“. Dafür bietet Atmosfair einen Emissionrechner an, der für jede Reise den Ausstoß an Treibhausgas ausspuckt. Eingespart wird dann zum Beispiel in Sringeri Mutt an der indischen Westküste: Die Mahlzeiten der vielen tausend Pilger in diesem hinduistischen Wallfahrtsort wurden auf Dieselbrennern zubereitet, bis Atmosfair sie durch Solarkocher ersetzte. Der TÜV hat vor Ort ermittelt, wie viel Kohlendioxid durch den Verzicht auf Diesel gespart wurde, sodass Atmosfair diese Menge an bewusst reisende Flugkunden „verkaufen“ konnte. Leider ist ein CO2-Ausgleich nicht in jedem Fall so lobenswert, wie das Phänomen „Green Grabbing“ zeigt.

Vielleicht macht es ja auch der technische Fortschritt möglich, dass man irgendwann dem Fernweh nachgeben und dennoch das Klima schützen kann. Unser Artikel „Der Traum vom ökologischen Fliegen“ gibt einen Überblick über die Öko-Bestrebungen der Flugzeug-Branche