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„Meine Herren, meine Damen“

Vor 100 Jahren sprach erstmals eine Frau vor dem deutschen Reichstag. Marie Juchacz trat nicht nur für Gleichberechtigung ein, sondern für eine bessere Welt

Marie Juchacz  spricht vor dem deutschen Reichstag (Foto: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung)

„Ich erteile das Wort der Frau Abgeordneten Juchacz.“

Auf einmal steht sie da, im Saal des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, am Rednerpult. Hinter ihr steife Herren mit straffen Schnurrbärten, Frauen mit strengen Blicken, vor ihr die frisch gewählte Nationalversammlung der jungen Weimarer Republik.

Das Protokoll verzeichnet eine allgemeine „Heiterkeit“

Der Erste Weltkrieg ist seit einem Jahr vorbei. Er hat den Deutschen Tod und Trauer gebracht, aber auch eine Revolution und mit ihr diese Frau Abgeordnete Marie Juchacz. Sie wird an diesem 19. Februar 1919 als erste Frau vor einem deutschen Parlament sprechen. „Meine Herren, meine Damen“, hebt sie an. Eine allgemeine „Heiterkeit“ verzeichnet das Protokoll zu dieser ungewohnten Anrede. Das Eis ist gebrochen.

„Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit“, erklärt Juchacz. Sie meint das im November 1918 beschlossene Wahlrecht für Frauen, das einen Monat vor ihrer Rede sogleich 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen in Deutschland genutzt haben. Insgesamt 37 Frauen werden in die Nationalversammlung gewählt, eine davon ist Juchacz. „Der politische Kampf“, sagt sie, „wird sich von nun an in anderen Formen abspielen.“ 

Wie man das macht, sich freikämpfen, hatte sie da längst bewiesen. Im März 1879 im heutigen Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) geboren, heiratet sie 1903 einen Schneidermeister und bekommt zwei Kinder. Als ihr Mann sie missbraucht, verlässt sie ihn, zieht mit ihren Kindern nach Berlin und unterhält die Familie als Näherin. Mit ihrer Schwester Elisabeth besucht sie im Geheimen politische Veranstaltungen, die das Wahlrecht für Frauen forcieren. Dass das noch nicht existiert, ist unrecht. Dass sich Frauen strafbar machen, wenn sie sich zu politischen Zwecken versammeln, ist Schikane.

Dass sich Frauen strafbar machen, wenn sie sich zu politischen Zwecken versammeln, ist Schikane

Immerhin: Ab 1908 dürfen sich Frauen mit der Aufhebung des preußischen Vereinsgesetzes parteipolitisch engagieren. Ein Anfang. Juchacz zieht nach Köln, um ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Sie wird Sekretärin für Frauenfragen im SPD-Bezirk Obere Rheinprovinz. 1917, die Welt befindet sich im Krieg, kehrt sie als Zentrale Frauensekretärin der SPD nach Berlin zurück. Ihre Amtsvorgängerin Luise Zietz war zuvor aller Ämter enthoben worden, weil sie gegen den Kriegseintritt war. Juchacz ist zwar nicht für den Krieg, trägt die Parteilinie aber mit. Als Wegbereiterin leistet Juchacz ganze Arbeit für die Einführung des Frauenwahlrechts: Das Reichswahlgesetz, das ab dem 30. November 1918 gilt, verleiht allen Frauen und Männern das Wahlrecht, die am Wahltag mindestens 20 Jahre alt sind. 

So historisch ihre Rede vor dem Parlament gewesen sein mag, ihr Lebenswerk krönt Juchacz im Dezember 1919: Unter dem Eindruck der Nachkriegsarmut gründet sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Als sie, die den Faschismus öffentlich stets als „Todfeind“ bezeichnet hat, 1933 vor den Nazis ins Saarland, später über Frankreich nach New York fliehen muss, hat die AWO 135.000 Ehrenamtliche in 2.600 Ortsausschüssen. Hitler lässt die AWO auflösen. 

Unter dem Eindruck der Nachkriegsarmut gründet Juchacz die Arbeiterwohlfahrt

Erst 1949 kehrt Juchacz nach Deutschland zurück. Aus dem Exil hatte sie mit der „AWO New York – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ unter anderem Carepakete in ihre zerbombte Heimat schicken lassen. Als Ehrenvorsitzende der 1949 wiedergegründeten AWO beteiligt sie sich am Wiederaufbau Deutschlands, politisch wird sie aber nicht mehr aktiv.

Am 28. Januar 1956 stirbt Marie Juchacz 76-jährig in Düsseldorf. Ob sie sich bewusst war, wie aktuell ihre Rede vom 19. Februar 1919 heute, 100 Jahre danach, immer noch sein würde? „Wir Frauen“, sagte Marie Juchacz schon damals, „sind uns sehr bewusst, dass […] Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind.“ 

Titelbild: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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