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Fan und Feministin

Wie viel man heute von feministischen Ikonen wie Simone de Beauvoir lernen kann, das untersucht Julia Korbik in ihrem Buch „Oh, Simone“. Ein Cafébesuch

  • 3 Minuten
Julia Korbik

Es ist nicht Paris, sondern Berlin an einem kalten Tag. Wie auf einem der Schwarz-Weiß-Fotos von Simone de Beauvoir im Deux Magots sitzt Julia Korbik im Café auch gleich links neben der Tür. 

Korbik ist Journalistin und Autorin und hat das Buch „Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“ veröffentlicht. Darin erzählt sie in sechs Kapiteln von Beauvoirs Leben, Lieben, Denken, von ihren Kämpfen. Es ist keine klassische Biografie, sondern eine zugänglich geschriebene Nahaufnahme der im Buch wie eine Freundin genannten „Simone“. 

„(Aber) ich lasse mich auf das große Abenteuer ein, ich zu sein“, schreibt de Beauvoir 1929 in ihr Tagebuch. Das erste Mal hatte Korbik in der neunten Klasse von ihr gehört. Eigentlich ging es um ein Referat über den Existenzialisten Sartre, den Lebenspartner von Beauvoir. Aber sie mochte die Frau mit ihrem seltsamen Turban an seiner Seite. Beauvoirs Roman „Die Mandarins von Paris“ liest sie mit 18, da war sie schon schwer frankophil. Und seither lässt sie ihr neues Vorbild nicht mehr los. „Simone war eine außergewöhnliche Frau. Sie gehört nicht in den Schatten von Sartre“, sagt sie.

„Diese Frau hat das Potenzial, einen mit der Wucht ihrer Gedanken umzuhauen“

Am Anfang des Buchs steht ein Zitat von Beauvoir: „Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles …“ Das ist es, was Korbik so fasziniert: „Beauvoir war eine mutige, kritische Frau voller Fehler und großer Lebenslust, die nicht aufgehört hat, zu denken und tätig zu sein.“ Für Korbik ist sie immer wieder Inspiration, wenn es um die Arbeit geht oder um die Liebe, um den Freiheitswillen, um das Denken über die Welt und ganz wichtig: um den Feminismus. 

Etwa mit Sätzen wie diesen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft einnimmt.“ Beauvoirs sozialgeschichtliches und philosophisches Werk „Das andere Geschlecht“ gehört zu den Grundlagen der zweiten Welle des Feminismus. Mittlerweile gibt es feministische Literatur, die aktueller sind. Aber wie Beauvoir denkt und Fragen stellt, ist für Korbik sehr modern. Beauvoir rief schon 1973 zu einer Art #MeToo auf: In der Zeitschrift „Les Temps Modernes“ richtete sie eine Rubrik ein, in der Leserinnen von ihren Erfahrungen mit alltäglichen Übergriffen berichteten. 

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Oh, Simone!

Julia Korbik wirft einen frischer Blick auf Simone de Beauvoir und erzählt von ihr als Schriftstellerin, Philosophin, Freundin und Feministin.

„Diese Frau hat das Potenzial, einen mit der Wucht ihrer Gedanken umzuhauen“, schreibt Korbik in der Einleitung. Deshalb stört es sie auch so, dass nur wenige die Werke noch lesen und sich viele nicht an Beauvoir herantrauen. „Zugegeben, ihre Bücher sind dicht geschrieben. Aber es lohnt sich so sehr.“ 

Man muss Korbik nicht erst groß Fragen stellen, um etwas von ihr zu erfahren, denn sie erzählt viel. Und schnell. Von ihrem neuen Projekt in Polen für das Online-Magazin „Café Babel“ und vom Italienischkurs an der Volkshochschule. Dann stellt sie – ganz Journalistin – schnelle Rückfragen und diskutiert ihre Gedanken. „Wichtiger als irgendein Label ist mir, dass ich tätig bin, dass ich das tue, was ich als Feminismus begreife.“ 

Teil davon war ihr erstes Buch „Stand up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ oder ihr TED-Talk über feministische Perspektiven. Gerade schreibt sie ihr drittes Buch – „How to be a girl“ (erscheint im September) –, wieder ein Werk, das die Zugänglichkeit zu den großen feministischen Gedanken erleichtern soll. „Wegen meiner Arbeiten denken einige, ich könnte ihnen alles zum Feminismus beantworten und immer auch Widersprüche auflösen.“

„Beauvoir war eine mutige, kritische Frau voller Fehler und großer Lebenslust“

Aber das will Korbik nicht. Und kann sie nicht, wie sie freimütig zugibt. Selbst denken und etwas tun, darum gehe es. „Gleiche Rechte für alle in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht, immer und überall“, so beschreibt sie ihre feministische Überzeugung und das, wonach sie strebt. 

Irgendwann will Korbik wieder nach Frankreich ziehen. „Dort gibt es mehr Raum zum Scheitern im Alltag. Schon ein Baguette kaufen kann zu einem Abenteuer werden. Hier dagegen ist alles absehbar.“ Aber erst mal will sie für eine Zeit nach Rom. „Mein Italienisch soll ja besser werden.“ Untätig bleiben kann sie nicht.

Titelbild: Lars Mensel

Julia Korbik: „Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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