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Ganz großes Boxen

Covid-19 hat die Revolution im Libanon gestoppt und die Wirtschaftskrise verschärft. In einem Land, in dem drei von vier Menschen Hilfe vom Staat bräuchten, übernehmen jetzt NGOs

Libanon, Corona, Helfer

Die Helfer kennen viele Reaktionen: die Rührung der Alten, die Erleichterung der Mütter, Ungläubigkeit bei den Vätern und das gelöste Lachen der Kinder. Doch Nour Bassam, Hussein al-Achi und die anderen Aktivisten von Minteshreen kennen auch Ärger. Wenn es mal wieder nicht für alle reicht. Denn im Libanon reicht es ja nie. Es kann nicht reichen.

Wie groß die Not im Land ist, zeigt sich wieder mal an einem Nachmittag im Mai in Tripolis Viertel Hay al Tanak. Weite Teile der Metropole sind seit dem Bürgerkriegsende 1990 verarmt, seit der Währungskrise 2019 geht es noch schneller und noch steiler bergab. Der Libanon raste schon vor Corona in eine Staatspleite, die Corona-Pandemie und ihre Folgen geben den Menschen hier den Rest.

Der Libanon litt schon vor Corona unter der schlimmsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte

Deswegen bildet sich vor den Wellblechhäuschen von Hay al Tanak eine wütende Menschenmenge. Wer bestimmt, welche Familien die Boxen mit Lebensmitteln bekommen? Eine ältere Frau mit Kopftuch und ausgelatschten Sandalen verlangt nach Antworten, schimpft, wedelt mit dem Zeigefinger, ballt die Fäuste gen Himmel.

Nour, Hussein und ihre Freunde von Minteshreen haben gut 20 Kartons geliefert, in ihnen Nudeln, Reis, Linsen, Dosen mit Tomaten, Fisch und manches mehr. „Genug, um eine vierköpfige Familie eine Woche zu ernähren“, sagt Nour.

Die 29-Jährige arbeitet normalerweise für ein Mode-Start-up, ihr ein Jahr älterer Verlobter Hussein ist Rechtsanwalt. Aufgewachsen sind Nour und Hussein in der Hauptstadt Beirut. Dort bekamen sie die Massenaufstände seit Oktober 2019 vor der eigenen Haustür mit. Die Libanesen nennen sie „Thawra“, Revolution.

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Libanon, Corona, Helfer, Lebensmittel

1.500 solcher Carepakete haben die Minteshreen-Aktivisten mittlerweile ausgefahren …

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Libanon, Corona, Helfer

… Nour und Hussein (2. und 3. von links) müssen sich oft rechtfertigen, wem sie Lebensmittel liefern

Die Wut großer Teile der Bevölkerung galt nicht nur dem mittlerweile zurückgetretenen Regierungschef Saad Hariri, sondern einem System der Eliten, die Macht und Geld nach Religions- und Parteizugehörigkeit verteilen. Viele im Land hatten die staatliche Korruption, Vetternwirtschaft und die horrenden Preise im öffentlichen Dienst satt.

„Wir versuchen, jedem zu helfen, der sich meldet – egal welche Region oder Religion“, sagt Hussein

„Manche, denen wir helfen, zählen uns auch zur alten Machtelite oder denken, wir seien eine aus dem Ausland finanzierte NGO“, erklärt Hussein. Dabei ist Minteshreen – der Name bedeutet so viel wie „verteilen“ – unabhängig und lokal entstanden. In den Nächten der Revolution trafen sich die Freunde in einer Wohnung im zentralen Beiruter Stadtteil Gemmayze. Wegen der Straßenblockaden blieben einige von ihnen nächtelang. „Nour und ich haben dann angefangen, Sandwiches zu besorgen“, erzählt Hussein. „Wir holten sie von Freunden, denen Restaurants gehören. Am Ende waren es 8.000 Stück.“

Die damals noch namenlose Gruppe organisierte einen Protest vor der Zentrale des Elektrizitätsversorgers, eine Lichtshow am Unabhängigkeitstag und eine Diskussion mit führenden Ökonomen. „Die Revolution“, sagt Hussein, „war genau der Schock, den das libanesische Volk gebraucht hat.“

Erst während dieser Herbsttage des vergangenen Jahres zeigte sich für viele junge Libanesen, wie schlimm es um ihr Land steht. Sie erfuhren vom Finanzsystem, das die libanesische Wirtschaft seit dem Ende des Bürgerkriegs trug, aber auf gewaltigen Schulden fußt und nun krachend zusammenbrach. Für viele war das paradoxerweise ein Grund zu hoffen. „Vor der Revolution“, sagt Hussein, „waren wir sicher, dass sich nichts ändern wird.“ Nour und er überlegten, nach Kanada auszuwandern. „Aber durch die Revolution wuchsen unsere Erwartungen an das Leben hier plötzlich in den Himmel.“

In den folgenden Monaten schrumpften die Aussichten auf einen schnellen Wandel. Der Staat mobilisierte seine Sicherheitstruppen gegen die Demonstranten, eine neue Regierung dämpfte den Aufstand. „Und dann hat uns Corona voll erwischt“, sagt Hussein.

Die Libanesen brauchen Hilfe – aber die Motivation der Helfer ist nicht immer klar

Minteshreen hatte gerade einen Dreimonatsplan aufgestellt, um eine Partei zu gründen, beschloss aber nun, sich zunächst auf die Nothilfe zu konzentrieren. Denn mit dem Lockdown meldeten sich immer mehr Menschen aus den Revolutionscamps, die Hunger litten. Die Wirtschaft im Land stütze sich auf kleine Selbstständige ohne größere Reserven, sagt Hussein, auf Taxifahrer, Kellnerinnen und Bauarbeiter. Mit der Quarantäne Anfang März verloren viele von ihnen auf einen Schlag ihre Existenzgrundlage. Das Sozialministerium schätzt, dass mittlerweile 75 Prozent der Bevölkerung Hilfe vom Staat benötigen. „Aber es ist kein Geld mehr da, das man verteilen könnte“, sagt Hussein.

Minteshreen begann, Spenden von Libanesen im In- und Ausland zu sammeln, und organisierte Essensboxen von Supermarktketten. Die Kartons lagerten zunächst im Flur von Nours Wohnhaus in Beirut. „Nachdem wir die ersten Boxen ausgefahren hatten, stand unser WhatsApp nicht mehr still. Wir versuchen, jedem zu helfen, der sich meldet, egal welche Region oder Religion. Wir verfolgen keine Ideologie“, sagt Hussein. „Es geht nur darum, wann man anruft und wie der Standort in unsere Routen passt.“ Bis Anfang Mai haben die Minteshreen-Aktivisten schon 1.500 Boxen ausgefahren.

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Libanon, Corona, Helfer

Da werden sie geholfen: Jugendliche im Viertel Hay al Tanake in Tripoli

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Libanon, Corona, Helfer

Nour und Hussein wollen einen gerechten Libanon. Aber erst mal geht es darum, dass niemand hungert

NGOs wie Minteshreen entstehen mittlerweile überall im Libanon. Manche liefern Essen aus, andere sammeln Kleiderspenden, helfen beim Schreiben von Bewerbungen, klären zu Covid-19 auf oder beschaffen Unterkünfte für medizinisches Personal.

Die Menschen brauchen Hilfe, aber die Motivation der Helfer ist nicht immer klar: Auf den Straßen sieht man Helfer der Progressiven Sozialistischen Partei, die als ideologisch flexibel gilt, weil sie sich vor allem für die drusische Minderheit und das hinter der Partei stehende Wirtschaftsimperium einsetzt. Auch die Hisbollah verteilt Essensboxen, desinfiziert Gotteshäuser und behandelt Covid-19-Infizierte in eigenen Kliniken. Die islamistisch-schiitische Miliz wurde in Deutschland gerade erst als Terrororganisation eingestuft und verboten. Mit der Corona-Krise scheint auch der Klientelismus im Libanon wieder voll zu erstarken, gegen den sich die Revolution ursprünglich gerichtet hatte.

„Wir brauchen eine Alternative zum primitiven, irrationalen System, das den Libanon bisher organisiert hat“

Den tatsächlichen Einfluss dieser neuen Zivilgesellschaft könne man schwer beziffern, sagt Dr. Dany Ghsoub von der Notre-Dame-Universität bei Beirut. Es gebe einfach zu wenig verlässliche Daten im Libanon. Natürlich fehlt es den NGOs noch an Infrastruktur und Mitteln, um das Versagen des Staates von einem Tag auf den anderen aufzufangen oder um es mit den traditionellen Parteien aufzunehmen. Ihr Ziel sei aber ohnehin ein anderes, glaubt Ghsoub: Sie wollen das Vertrauen aufbauen, dass es Gegenentwürfe zur alten politischen Führung gibt. „Wir brauchen eine Alternative zu dem primitiven, irrationalen System, das die libanesische Gesellschaft bisher entlang regionaler und religiöser Grenzen organisiert hat.“

Die mittlerweile 21 Minteshreen-Mitglieder aus allen Teilen des Landes eine der Wille, den Libanon zu einem gerechteren Land zu machen, sagt Hussein. Minteshreen will dabei künftig nicht nur mit Lebensmittelboxen helfen. Hussein und seine Leute lassen Gesichtsmasken von zuvor arbeitslosen Schneidern produzieren und denken über eine Initiative zum Anbau von Obst und Gemüse auf Hausdächern nach. So könnten sich arme Familien irgendwann womöglich wieder selbst versorgen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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