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Den Terror auf die Matte zwingen

Schleudern, hebeln, werfen: Im russischen Dagestan bilden sie reihenweise junge Ringer aus – denn gute Sportler ziehen nicht in den Dschihad. Eine Fotostrecke

  • 5 Min.
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„Das Ringen hält Jungs davon ab, in den Wald zu verschwinden“, sagt Adam Saitiev. In den Wald verschwinden, das ist in seiner Heimat ein Synonym für: sich islamistischen Untergrundkämpfern anschließen.

Die russische Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus ist mehrheitlich muslimisch. Die meisten der drei Millionen Einwohner gehören dem Sufismus an, einem gemäßigten Islam. Doch in Dagestan konzentriert sich auch der islamistische Terrorismus.

„Dagestan ist seit 2009 das Epizentrum des bewaffneten Kampfes im Nordkaukasus“, erklärt Jekaterina Sokirjanskaja, Kaukasus-Expertin der International Crisis Group, gegenüber dem Deutschlandfunk. Die islamistischen Kämpfer, die im Untergrund agieren und gegen die Sicherheitsbehörden kämpfen, sind Ende der 1990er-Jahre aus dem benachbarten Tschetschenien ins Land gelangt.

Junge Ringer in Dagestan

Eine Sprossenwand, ein paar Matten und Fitnessbänder – fertig ist der Ringverein. Dass man zur Not auch ohne Equipment auskommt, macht den Sport noch beliebter. Die Bevölkerung Dagestans gehört zu der ärmsten in Russland

Junge Ringer in Dagestan

Nach dem Dehnen ist vor dem Dehnen: Kein Kampfsport kommt ohne Stretching-Sessions aus

Bis heute sollen sich nach Schätzungen der russischen Behörden mehr als 1.000 Kämpfer dem Islamischen Staat angeschlossen haben. Rund 15.000 Menschen stehen auf der Gefährderliste. Der jugendliche Bremer Gefährder, der Ende letzten Jahres abgeschoben wurde, stammte aus Dagestan, ebenso die zwei jungen Selbstmordattentäterinnen, die in der Moskauer U-Bahn 2010 eine Bombe zündeten. Und auch die beiden Brüder, die 2013 den Anschlag auf den Marathon in Boston verübten, lebten zumindest zeitweise dort.

Junge Ringer in Dagestan

Bei den ganz jungen Athleten ist der Übergang zwischen Ringen und rhythmischer Musikgymnastik fließend. Die Outfits tun das ihrige

Doch Dagestan ist noch für etwas anderes bekannt: seine unschlagbaren Ringer. Shirvani Muradov hat eine olympische Goldmedaille gewonnen, Mavlet Batirov und Adam Saitiev zwei und Adams Bruder Buvaisar gleich drei. Tausende Jungs träumen davon, es ihnen eines Tages gleichzutun. Und weil das ein besseres Ziel ist, als Kämpfer für ein Kalifat zu werden, stecken Dörfer, Städte und Kommunen viel Geld in den Ausbau von Trainingszentren – die oft Fitnesscenter, gemäßigte Moschee und Kindertagesstätte in einem sind.

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Eltern können ihre Kinder nach der Schule für mehrere Stunden zum Trainieren, aber auch zum Spielen vorbeibringen

Junge Ringer in Dagestan

An Wochenenden laufen die Ringer die Wanderwege außerhalb der Stadt entlang und fordern einander über den Dächern zum Kampf heraus

Junge Ringer in Dagestan

Beim Ringen geht es nicht darum, den Gegner k. o. zu schlagen, sondern durch regelkonforme Anwendung von Techniken mehr Punkte zu bekommen als er. Oder, was aber seltener vorkommt, den Kontrahenten drei Sekunden lang in Rückenlage zu halten

Junge Ringer in Dagestan beim Schachspielen

Die Trainer sind für die Kinder oft moralische Vorbilder, die sie herausfordern und in Disziplin und Geduld schulen. Zum Beispiel beim Schach

Junge Ringer in Dagestan

Für viele Ringer hat der Sport auch eine religiöse Komponente: Prophet Mohammed soll seine Gefährten dazu ermutigt haben, Sport zu treiben. Er selbst soll einmal einen großen Ringer besiegt und ihn dadurch bekehrt haben

Junge Ringer in Dagestan

Hier demonstriert ein Trainer die Ausführung einer Ringertechnik

Junge Ringer in Dagestan

Ein beachtlicher Teil derer, die sich dem islamistischen Untergrund anschließen, stecken noch in der Pubertät. Wer schwitzt, so hoffen die Trainer, kommt erst gar nicht auf dumme Gedanken

Junge Ringer in Dagestan

Die nächste Runde wird besser, so wahr Allah helfe

Junge Ringer in Dagestan

Ob der blaue Ringer oder Paul McCartney gewinnt, entscheidet der Kampfrichter: Er bewertet die einzelnen Grifftechniken

Fotos: Sergey Ponomarev NYT/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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