Zur Begrüßung verbeugt sich Rizwan Ahmad Basheer. Und als wollte er unbedingt verhindern, dass diese Geste des Respekts als Affront verstanden werden könnte, erklärt er: „Wir verbeugen uns, anstatt einander die Hand zu geben.“ Eine Minderheit mit einer eigenen Kultur und eigenen Wertvorstellungen könne Ängste hervorrufen in der Mehrheitsgesellschaft. Basheer ist Vorbehalte gegenüber seiner Religion gewohnt. Und er weiß, dass sie schließlich auch Ablehnung, Hass und sogar Gewalt nach sich ziehen können. Seine Vorsicht hat aber nichts mit Pegida zu tun und den Ängsten vor einer Islamisierung des Abendlandes, die derzeit in Deutschland geschürt werden. Sie beruht auf Erfahrungen, die Basheer schon in seiner Heimat gemacht hat.

Für nach Deutschland geflüchteten Ahmadiyyas ist das offene Ausleben ihrer Religiosität erstmal etwas Ungewohntes. Sie stehen für einen reformorientierten Islam

Der 24-Jährige stammt aus Faisalabad, der drittgrößten Stadt Pakistans. Seiner Definition nach ist er Muslim. Jedoch ist er weder Sunnit noch Schiit und damit kein Anhänger der beiden größten islamischen Glaubensrichtungen, denen die Einwohner Pakistans zu knapp 80 und etwa 15 Prozent angehören. Basheer gehört der Ahmadiyya-Bewegung an. In Pakistan und vielen anderen muslimisch geprägten Ländern hält eine Mehrheit seinen Glauben für Gotteslästerung. 

Ein Grund für diese extreme Ablehnung ist die eher reformorientierte Auslegung der islamischen Quellen, die die Ahmadiyya vertritt. Ihre Anhänger lehnen etwa den Dschihad mit dem Schwert ab – zugunsten eines Dschihad, der auf intellektueller Argumentation basiert. Auch ein Abfall vom Glauben unterliegt – anders als in manchen ultrakonservativen und politisch instrumentalisierten Auslegungen – keiner irdischen Strafe. Sie setzt sich für die Bildung von Frauen und gegen die Zwangsheirat ein und fordert die Trennung von Religion und Staat. Eine Rechtsprechung nach der Scharia befürworten die Anhänger der Bewegung nicht.

„Trotzdem sind wir auch konservativ“, betont Basheer

Auf einem Kugelschreiber, den man in einer Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin-Heinersdorf als Gastgeschenk bekommt, steht das hippiesk anmutende Motto der Religionsgemeinschaft: „Liebe für alle, Hass für keinen“. Mit dem Schreckgespenst des intoleranten, gefährlichen und die „westlichen Werte“ gefährdenden Muslim, vor dem Pegida Ängste schürt, hat das alles nichts zu tun. „Trotzdem sind auch wir konservativ“, betont Basheer. „Wir sind strenggläubige Muslime.“ Beten, Fasten, Almosen geben, all das zählt auch für ihn zum täglichen Leben. Drei bis vier Mal pro Woche geht er in die Moschee, einen weißen Quader mit Kuppeldach und einem kurzen Minarett. Für ihn ist dieses offene Ausleben seiner Religiosität keine Selbstverständlichkeit. „Die meisten Menschen in meinem Land sind uns feindlich gesinnt“, sagt Basheer. „Meine Familie hat sehr viele Probleme deshalb.“ 

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, wie sich die Religionsgemeinschaft offiziell nennt, gilt als eine der am stärksten verfolgten muslimischen Gemeinden. In Pakistan gibt es Parteien, deren Hauptziel die Bekämpfung der Ahmadiyya ist. In den Jahren nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1947 wurde erstmals gefordert, dass die Ahmadiyya per Dekret zu einer nichtmuslimischen Minderheit erklärt werden müsse. Und in den folgenden Jahrzehnten schritt die gesellschaftliche Ächtung immer weiter voran.

Zwei Jahre Gefängnis für ein „as-salamu aleikum“

Ihre Folgen sind drastisch. Basheer zählt die Schikanierungen auf: „Wir dürfen unseren Gebetsraum nicht Moschee nennen. Wenn wir irgendwelche baulichen Maßnahmen oder Renovierungsarbeiten an unserer Moschee vornehmen wollen, gibt es einen großen Aufschrei in der Bevölkerung. Man boykottiert unsere Geschäfte. Und wenn wir das muslimische Grußwort – as-salamu aleikum – benutzen, bestraft man uns mit bis zu zwei Jahren Gefängnis wegen Blasphemie.“ 

Wie viele Menschen weltweit zur Ahmadiyya gehören, ist nicht bekannt. Offizielle Erhebungen gibt es nicht. In der Berliner Gemeinde geht man von zehn Millionen Anhängern weltweit aus, davon mehrere hunderttausend in Pakistan – dem Ursprungsland, damals noch ein Teil von Britisch-Indien. Das spirituelle Oberhaupt – aktuell der fünfte Kalif der Ahmadiyya, Mirza Masrur Ahmad – lebt in London im Exil.

In den letzten Jahren wurde es immer gefährlicher

Auch Rizwan Ahmad Basheer hat vor zwei Jahren sein Land verlassen. Eigentlich wollte er Polizist werden und hatte ein Soziologiestudium begonnen. Aber das Leben für einen Ahmadi ist in den letzten Jahren immer gefährlicher geworden. 2010 starben bei zwei simultan ausgeführten Angriffen auf Ahmadiyya-Moscheen in Lahore während des Freitagsgebets 94 Menschen, 120 weitere wurden verletzt. 2011 wurde der liberale Gouverneur der Region Punjab, Salman Taseer, in Islamabad von seinem Bodyguard erschossen, weil er eine Aufhebung des umstrittenen Blasphemie-Paragrafen, der auch die Religionsfreiheit der Ahmadis stark einschränkt, gefordert hatte. Pakistanische Fundamentalisten feierten Malik Mumtaz Qadri, den Bodyguard und mittlerweile zum Tode verurteilten Mörder, als nationalen Helden.

„Die Stimmung war so feindselig“, sagt Basheer. „Ich konnte in der Uni kaum noch jemandem erzählen, dass ich Ahmadi bin. Man konnte einfach nicht wissen, wer dein Freund ist und wer dein Feind.“ Also brach er nach Deutschland auf – mit dem Flugzeug und einem gültigen Visum. Seit zwei Jahren wohnt er nun in einer Flüchtlingsunterkunft nahe dem Berliner Hauptbahnhof. Er wartet immer noch auf einen Termin, um mit seinem Fall beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorstellig werden zu können.