Martin Sellner weiß, wie man schimpft: Dem Kopf der rechtsextremen Identitären wurde laut eigener Aussage zum zweiten Mal die Einreise nach Großbritannien verweigert. Was genau passiert ist, bleibt strittig. Er wollte im Hyde Park eine Rede über muslimische Einwanderer halten. Dass es nicht dazu kam, kommt ihm jedoch sehr gelegen. Denn so kann er dem Vereinigten Königreich attestieren, ein „semi-totalitäres Land“ zu sein, das die Meinungsfreiheit im Sinne der Political Correctness unterdrückt. „Political Correctness“ und ihre Vertreter gehören zu den Hauptfeindbildern Sellners. Bei der Verlautbarung seines Ziels, diese zu „zerstören“, setzt er auch auf soziale Medien: „Ich sehe da einen Wirbelsturm, ein Chaospotential, das immun geworden ist gegen jedes moralische Dogma. Und das wird die Political Correctness massiv beschädigen.“ 

Haben Trolle Trump ins Amt geshitpostet?

Nicht nur er allein sieht in „der“ Political Correctness eine Unterdrückung der Meinungsfreiheit und hofft, dass sie beschädigt wird. Der Wahlsieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen gilt auch als großer Triumph amerikanischer Trolle gegen die „politisch Korrekten“. Sie hätten einen von ihnen, also einen der immer wieder mit angeblich „mutigen“, oft einfach nur plump rassistischen Äußerungen für Aufsehen sorgt, ins Amt geshitpostet – das sei ihr Verdienst, sagen sie. Organisiert haben die Trolle sich unter anderem in einem anonymen Internetforum namens „Politically Incorrect“ auf der Plattform 4chan. 

Einst gründete sich hier das bekannte Kollektiv „Anonymous“, inzwischen aber haben im Forum die Inhalte der sogenannten Alt-Right an Bedeutung gewonnen. Diese rechte Bewegung, deren Erkennungszeichen der auch von Trump geteilte Frosch Pepe ist, werde vor allem von gebildeten, aber perspektivlosen weißen Männern getragen, so die Kommunikationswissenschaftlerin Angela Nagle. Männern also, die ein gewisses „Unbehangen in der Kultur“ verspüren und dieses auf die vermeintliche Political Correctness projizieren.

„PC“ ist als Begriff im Kulturkampf zwischen „links“ und „rechts“ entstanden

Der Wahlerfolg Trumps bestätigt eine selbsterklärte Bewegung, die sich gegen die sogenannte „Political Correctness“ richtet. So sieht das Sellner, so sehen das die 4chan-Trolle und so sehen das auch manche Vertreter von Rechtspopulisten. Nicht nur für die extreme Rechte wie die Identitären ist der Kampf gegen eine verspürte „Political Correctness“ zu einem wichtigen Schlagwort geworden, wenn es darum geht, das eigene Handeln und Sprechen zu rechtfertigen.

„PC“ wird auch als Schimpfwort benutzt. Das war schon so, als es in den 90er-Jahren vermehrt in Artikeln auftauchte, die vor Sprachregelungen und „Tugendterror“ warnten. Positiv haben sich nur sehr wenige auf diesen Begriff bezogen – selten haben Gruppen die „Political Correctness“ als ein Programm oder Manifest vor sich hergetragen. „PC“ ist als Begriff im Kulturkampf zwischen „links“ und „rechts“ entstanden und wird teilweise auch im Mainstream diskutiert.

Wenn Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, auf einem Parteitag aber sagt, sie werde sich nicht den Mund verbieten lassen, „denn die ‚Political Correctness‘ gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“, dann wird deutlich, welche zentrale strategische Rolle dieses Phantom besonders in (rechts)populistischen Bewegungen einnimmt. Ein Phantom deshalb, weil PC kaum greifbar erscheint: Es wird von seinen Gegnern selten an bestimmten Positionen festgemacht, über die man diskutieren könnte, auch der Schutz von Minderheiten rückt in den Hintergrund; stattdessen scheint PC wie ein übermächtiges Prinzip von „oben“ im Raum zu schweben.  

Unterstützer Martin Sellner im Hyde Park (Foto: Matthew Chattle / Barcroft Images / Barcroft Media via Getty Images)
Unterstützer Martin Sellner im Hyde Park (Foto: Matthew Chattle / Barcroft Images / Barcroft Media via Getty Images)
 

Als Rechtspopulisten werden in der Politikwissenschaft jene definiert, die behaupten, den echten Willen eines Volkes gegen die Interessen korrupter oder elitärer Politiker zu vertreten. Auf der Seite ihrer Unterstützer spielt demnach eine Selbstwahrnehmung als vermeintlich Unterlegene oder Bedrohte eine Rolle: Sympathisanten fühlen sich häufig als Opfer eines übermächtigen Establishment, das den wahren Volkswillen unterdrückt und gegen die eigenen Interessen handelt: „Wir sind das Volk und nur wir sind das Volk“, wie Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller das zusammenfasst. Auch Studien zeigen, dass beispielsweise Trump vor allem dort gewählt wurde, wo die weiße Mehrheit schwindet. In Deutschland bekam die AfD viele Stimmen aus strukturschwachen Regionen – in Ost und West. In Frankreich geriert sich der Front National als Stimme der Arbeiterschicht, die – wie der Soziologe Didier Eribon meint – von der Linken vergessen wurde. Für den Brexit wurde vorwiegend von sozioökonomisch schlechter gestellten Gruppen gestimmt.

Rechtspopulismus basiert auf Abgrenzung – er benötigt Feinde. Und wo es keine gibt, werden welche imaginiert. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Volk und Elite ist dabei nur einer von mehreren. Denn das zugrundeliegende Weltbild ist komplexer: Rechtspopulismus gilt auch aufgrund der Vielzahl konservativer Denkfiguren als eine reaktive Ideologie, die ihr Weltbild dementsprechend vor allem aus der Abwehr moderner Prozesse speist.

Die Sprache soll so bleiben, wie sie immer war. „PC“ gehöre, ähnlich wie Globalisierung, Digitalisierung oder Gleichstellung, zu einem Zwangsprogramm

Der erstarkte Rechtspopulismus ist für viele Experten eine Reaktion auf Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Die Anhänger rechtspopulistischer Bewegungen fühlen sich oft vernachlässigt, wenn ihnen andere Gruppen gleichgestellt werden, die sie als minderwertig betrachten. Das können zum Beispiel Frauen sein, Schwarze oder Homosexuelle. Sie wollen diese emanzipativen Errungenschaften aufhalten. 

Dass jetzt auch noch der Mohrenkopf zum Schokokuss wird, passt ins Weltbild der Rechtspopulisten: Die gleiche Elite, die die Interessen des Volkes nicht mehr kennt, schreibe ihm, „dem Volk“, jetzt vor, wie es zu sprechen habe. Viel lieber möchte man bei den alten Ressentiments verweilen. Die Sprache soll so bleiben, wie sie immer war. „PC“ gehöre, ähnlich wie Globalisierung, Digitalisierung oder Gleichstellung, zu einem Zwangsprogramm, das der Mehrheit gegen ihren Willen zugunsten einer Minderheit (bzw. „der Elite“) aufgezwungen wird. Wer dagegen ist, werde als „unkorrekt“ aus dem Diskurs ausgeschlossen, klagen die „PC“-Kritiker. 

Wie schon im populistischen Konflikt zwischen Volk und Regierenden stehen die „politisch Inkorrekten“ dabei auf der moralisch guten Seite

Es ist das optimale Narrativ für Populisten, weil es einerseits ihre Rolle als Opfer und Außenseiter unterstreicht. Gleichzeitig bauen sie so eine Drohkulisse auf, von der sie behaupten, nur sie würden diese einreißen können. Wie schon im populistischen Konflikt zwischen Volk und Regierenden stehen die „politisch Inkorrekten“ dabei auf der moralisch guten Seite. Indem „Political Correctness“ und „Tugendterror“ mit Zwang und Bevormundung verbunden wird, können sich Rechtspopulisten als Kämpfer für die Freiheit ausgeben. Emanzipative Errungenschaften werden somit zu totalitären Regeln.

Und hier liegt die eigentliche Krux: „Politisch Korrektes“ will fortschrittlich sein. Dass Frauen wahrlich – also auch in der Sprache – gleichberechtigt sein sollten etwa, oder dass es eine rassistische Beleidigung ist, jemanden als Neger zu bezeichnen. Indem man solche Veränderungen als totalitär brandmarkt, sind es auf einmal die eigenen Ressentiments, die Emanzipation signalisieren.

Titelbild: Guy Corbishley/Alamy Live News