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Auf den Hund gekommen

Torben und Reinhardt sind zoophil – sie stehen auf Tiere. Dürfen die das?

  • 6 Min.
Fotos: Philip Frohwein

Im Sommer 2012 besuchte Torben* ein LARP-Festival. LARP steht für „Live Action Role Playing“. Torben befand sich da in seinen Zwanzigern, ein junger Mann auf der Suche nach sexueller Orientierung. „Weil ich nicht auf Frauen stand, war ich mir ziemlich sicher, dass ich auf Männer stehen müsste“, sagt er heute. Dann machte er auf dem Festival eine Erfahrung, die sein Leben verändern sollte. Er lernte eine einige Jahre ältere Frau kennen, die sich mit einem Fuchskostüm verkleidet hatte. „Ich fand die Dame wahnsinnig attraktiv“, erinnert sich Torben. „Das hat mich sehr irritiert.“

Einen Tag später sah er die Frau wieder, diesmal ohne ihr Kostüm. Da stellte Torben fest, dass er die Füchsin heiß fand, nicht die Person hinter der Verkleidung. Heute lebt er mit einem Schäferhund zusammen. Für Torben ist es normal, dass er mit seinem Schäferhund rauft, kuschelt, knutscht – und ab und zu mehr daraus wird. Dann fange der Hund an, ihn zu besteigen.

Der „ästhetisch-erotische Reiz“ einer grasenden Stute

Reinhardt* empfand schon als Kleinkind ein äußerst intimes Verhältnis zu Tieren. „Ich konnte es nicht mal ertragen, wenn meine Mutter die Schnecken im Garten vergiftete“, sagt er. Als Teenager spazierte er an einer Weide vorbei und beobachtete die dort grasenden Stuten: ein „ästhetisch-erotischer Reiz“, der den jungen Mann verwirrte. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass er verschiedene Geschlechter begehrt. „Ich dachte: Meine Güte, jetzt bist du noch seltsamer.“ Auch er lebt heute seine sexuelle Neigung aus. Torben und Reinhardt sind zoosexuell, sie stehen auf Tiere.

Im Großteil der Bevölkerung ruft das Thema Zoosexualität abstoßende bis entsetzte Reaktionen hervor. Auch wollen Torben und Reinhardt nur am Telefon interviewt werden. Unabhängig davon, welche Emotionen Zoosexualität (oder auch: Zoophilie) auslöst: Der Geschlechtsverkehr mit Tieren ist in Deutschland nicht immer ordnungswidrig. Das hat auch ein wenig mit Torben und Reinhardt zu tun. 

Zwischen 1969 und 2013 existierte dazu überhaupt kein Gesetz. Erst auf Druck von Tierschützern verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Reform des Tierschutzgesetzes:

Es ist verboten, ein Tier für eigene sexuelle Handlungen zu nutzen oder für sexuelle Handlungen Dritter abzurichten oder zur Verfügung zu stellen und dadurch zu artwidrigem Verhalten zu zwingen.

Seitdem ist Sex mit Tieren eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Strafe von bis zu 25.000 Euro geahndet werden kann.

Foto: Philip Frowein

Die Bilder zeigen das Zuhause von Michael K., der sich 2012 in einem „taz“-Interview als zoophil outete. Danach hielten Kritiker vor seinem Haus Mahnwachen ab

Gegen diese Entscheidung des Bundestages legten zwei Jahre später zwei Mitglieder eines Lobbyvereins namens ZETA offiziell Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. ZETA steht für „Zoophiles Engagement für Toleranz und Aufklärung“, beschreibt sich auf seiner Homepage als „eine Art Selbsthilfegruppe“ und hat derzeit knapp 100 Mitglieder, zu denen auch Torben und Reinhardt zählen. Zwar lehnten die Richter in Karlsruhe die Beschwerde ab, betonten aber in ihrer Erklärung, dass der Tatbestand des reformierten Gesetzes nur dann greife, „wenn das Tier zu einem artwidrigen Verhalten gezwungen wird“.

Das wirft viele Fragen auf: Welches Verhalten ist artwidrig und welches nicht? Wann wendet ein Zoosexueller Zwang an, wenn er seine Neigung auslebt, und wann nicht? Wird Torbens Schäferhund gequält, wenn er sein Herrchen besteigt? Begeht Reinhardt eine Ordnungswidrigkeit, wenn er provoziert, dass der Hund eines Bekannten sein Bein rammelt? 

Gegenüber fluter.de möchte der Deutsche Tierschutzbund keine Stellungnahme abgeben. Er verweist auf seine Pressemitteilung von 2016. Der Nutzung eines Tieres zu sexuellen Handlungen gingen in der Regel „länger anhaltende oder sich wiederholende physische oder psychische Misshandlungen voraus“. Sexuelle Handlungen an Tieren sollten „daher ausnahmslos als Straftat gelten“, weil der Straftatbestand der Tierquälerei erfüllt sei. 

Kann es einen „sexual consent“ zwischen Mensch und Tier geben?

Der Verein ZETA dagegen zitiert gern die Sexualforscherin Hani Miletski. Die US-Amerikanerin hat mit knapp 100 Menschen gesprochen, die sexuellen Kontakt zu Tieren hatten. Eine von Miletskis Erkenntnissen: „Es macht einen deutlichen Unterschied, ob jemand Tierquälerei begeht oder ob jemand eine liebevolle sexuelle Beziehung mit einem Tier führt, das er/sie als Familienmitglied betrachtet.“

Torben und Reinhardt sehen das naturgemäß ähnlich. Sie definieren sich als Tierliebhaber, die ihre sexuelle Befriedigung daraus ziehen, „dem Tier eine Freude zu machen“. Torben würde beim Sexualakt mit seinem Hund „niemals die Initiative übernehmen oder gar Zwang anwenden“. Und Reinhardt ist der Meinung, man müsse auf die Bedürfnisse seines Tieres eingehen – auch die sexuellen. Er empfindet es als „artwidriger“, einen Hund zu kastrieren, als ihm den Penis zu streicheln. 

„Tiere sind den Menschen während des Sexualaktes komplett ausgeliefert“, entgegnet Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation PETA. Kein Mensch könne wirklich beurteilen, ob das einem Tier gefällt oder nicht. Insbesondere die Unterwürfigkeit von Hunden gegenüber ihrem Herrchen könne von Zoophilen schnell falsch verstanden und ausgenutzt werden. Für Tierschützer ist klar, dass es „sexual consent“ zwischen Mensch und Tier nicht geben kann. 

*Name von der Redaktion geändert

Fotos: Philip Frowein

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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