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Ich mach kaputt, was mich kaputt macht

Mit „I May Destroy You“ hat Michaela Coel eine radikale Serie über ihre eigene Vergewaltigung gedreht

I May Destroy You

„Zain Tareen ist ein Vergewaltiger“, sagt Arabella mit fester Stimme, und es wird still im Saal. Die Protagonistin der Serie „I May Destroy You“ steht eigentlich auf der Bühne einer Literaturveranstaltung, um aus ihrem ersten Buchprojekt vorzulesen. Doch stattdessen erhebt sie schwere Vorwürfe gegen einen Schriftstellerkollegen. Der, über den sie da spricht, sitzt direkt neben ihr und starrt ins Leere. Mit nüchterner Präzision erklärt Arabella, dass Zain beim Sex mit ihr heimlich das Kondom abgezogen habe. Anschließend habe er sie manipuliert, das Ganze für einen Unfall zu halten. Während Zain von der Bühne flieht, scheint sich jedes Smartphone im Saal auf ihn zu richten. Dass so ein Clip im Netz viral geht, versteht sich von selbst. 

Spätestens nach dieser Szene kann man sich als Zuschauer*in denken, wie der Titel „I May Destroy You“, der ansonsten in keinem Dialog der Serie vorkommt, interpretiert werden könnte: Die Betroffene eines sexuellen Übergriffs wehrt sich gegen den Täter, indem sie durch das Öffentlichmachen des Vorwurfs dessen Sozialprestige zerstört. Was Arabella, eine aufstrebende Autorin, die schon als „Stimme ihrer Generation“ gefeiert wird, ihrem Publikum an diesem Abend nicht erzählt: Sie ist nicht nur ein Opfer des sogenannten „Stealthing“, also der Form des Missbrauchs, bei der ein Sexualpartner ohne Einwilligung des anderen Partners sein Kondom entfernt, geworden, sondern wurde zuvor schon einmal vergewaltigt.

„I May Destroy You“ fiktionalisiert ein reales Trauma

Michaela Coel übernahm bei „I May Destroy You“ nicht nur die Hauptrolle, sie war auch Autorin, Produzentin und Co-Regisseurin. Und als wäre das nicht genug, basiert die Handlung der britischen Serie auf ihren eigenen Erfahrungen. Wie ihre Hauptfigur hielt Coel, heute 33 Jahre alt, einmal eine viel beachtete Rede: Im Jahr 2018 kritisierte sie vor der versammelten britischen TV-Prominenz den Umgang mit jungen Kreativen und die mangelnde Sensibilität für Sexismus und Rassismus in der Film- und Fernsehindustrie. Dabei erzählte sie auch, dass sie in der Nacht vor einer Drehbuch-Deadline von Unbekannten unter dem Einfluss von K.-o.-Tropfen vergewaltigt worden sei. Die Empathie ihrer damaligen Produzenten sei dürftig gewesen. 

 

Schon in ihrer ersten Comedyserie „Chewing Gum“ aus dem Jahr 2015 verarbeitete Coel Teile ihrer eigenen Biografie: Sie wuchs als Kind ghanaischer Eltern in einem überwiegend weißen Viertel in London auf. Mit „I May Destroy You“ betrat sie ungleich schmerzhafteres und intimeres Terrain. „Definitiv nicht vollständig fiktional“ nennt Coel die Serie. Ausgehend von ihrer eigenen Vergewaltigung, die in der ersten Episode fiktionalisiert wird (wobei sogar das Datum der Tat identisch ist), stellt Coel fortan die Frage, was Einvernehmlichkeit beim Sex eigentlich bedeutet. Fast schon modellartig spielt die Serie zum Beispiel durch, welche Missverständnisse, Konflikte und ungesunden Machtverhältnisse gerade beim mehr oder weniger anonymen Onlinedating entstehen können. Die Vergewaltigungsszenen in „I May Destroy You“ sind schwierig anzuschauen. Nach der britischen TV-Premiere wurde die Serie im Netz allerdings gerade von Menschen, die unter ähnlichen Traumata leiden, für ihre Glaubwürdigkeit und Sensibilität gelobt.

So authentisch wirken Millennials in Serien selten

Das mag zum einen daran liegen, dass „I May Destroy You“ sich auf die Geschichte der Überlebenden sexueller Gewalt konzentriert und es konsequent vermeidet, die Perspektive der Täter einzunehmen. Zum anderen liegt es aber sicherlich auch am ansonsten unbekümmert-authentischen Ton der Serie und einem darauf perfekt abgestimmten R-’n’-B-Soundtrack. Die drei Hauptfiguren – neben Arabella sind das ihre Jugendfreundin Terry sowie Kwame, der dauerdatende „King of Grindr“ – lassen sich auf dem schmalen Grat zwischen Politisierung, Selbstfindung und Hedonismus durch London treiben. Wenn Arabella in einer Folge etwa am Morgen auf der Yogamatte den Begriff „Stealthing“ aus einem feministischen Podcast aufschnappt, am Nachmittag wegen Geldsorgen Promo-Jobs macht und am Abend auf einem Kreativevent Instagram-Postings in ihr Handy hineinlabert, ist das nicht als Satire gemeint. Sondern als tragikomisches Bild einer ganz alltäglichen Großstadt-Millennial-Existenz. Auch im britischen Fernsehen ist es noch eine Ausnahme, wenn so weltgewandt von Jugend, kultureller und sexueller Diversität erzählt wird. Künstler*innen wie Michaela Coel sind gerade dabei, das zu ändern.

Titelbild: HBO

„I May Destroy You“ läuft ab dem 19. Oktober auf Sky.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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